Schnelltest

Ab dem Jahr 2000 habe ich einige Zeit mit Comicstrips experimentiert: Hier ist einer vom 19. Juni 2002.

Schnelltest
Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0
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Blöde Ratte

Blitz
Lightning (3761397491).jpg aus Wiki-Commons via Flickr. Foto: John Fowler, CC BY 2.0

Die Maus war wütend: „Sie Lümmel, Rüpel, Wilder! Ich verbitte mir ausdrücklich die Bemerkung ‚Blöde Ratte‘! Wo sind wir denn, dass es nicht erlaubt sein soll, nach dem Sinn Ihrer armseligen Existenz zu fragen? Ein Kampfroboter namens ‚Liquidator‘, Himmel! Es war richtig, Sie auf den Speicher zu verbringen und Ihr Konstrukteur ist deswegen weder ein ‚armer Vollidiot‘, wie Sie sich auszudrücken pflegen, noch gehört er einer ‚Trottelfamile‘ an. Bedenken Sie nur Ihre katastrophalen pädagogischen Auswirkungen!“

Die Maus hielt inne, um Atem zu holen und fügte danach an: „Überdies lautet mein Name selbstverständlich nicht ‚Blöde Ratte‘, sondern Theodora Baronesse von Hochsülz. Also, was haben Sie zu sagen? Ich warte!“

Durch das Dachlukenfenster fiel ein Lichtstahl der Abendsonne auf die hoch aufgerichtete Maus. Diese verschränkte ihre Vorderbeine vor der Brust und ihre rechte Hinterpfote klopfte nervös auf den Boden. Da der Roboter nicht mehr antwortete, entfernte sie sich und kündigte an, die Frage morgen erneut zu stellen. Dies wiederholte sich, bis sie in eine Lebendfalle geriet und in einem nahen Waldstück ausgewildert wurde. Obwohl sie der Roboter nie anders als „Blöde Ratte“ genannt hatte, fühlte er sich nun doch einsam, denn neben ihm stand nichts als ein großer Karton mit Einzelteilen übel zugerichteter Teddybären und allerlei anderem Stoffgetier: da waren einzelne zerfledderte Köpfe, Arme, Glas- sowie Knopfaugen, einzelne Ohren, Pfoten und Schnauzen und es war still wie auf einem Friedhof. Nur der Roboter war noch in einem Stück, denn er war eben ein intelligentes Spielzeugwaffensystem mit selbstständiger Zielerfassung und anschließender Liquidation. Sein Schöpfer, ein Ingenieur und Bombenbauer, hatte ihn in einer seiner, wie er sagte, Sternstunden, für den Nachwuchs konstruiert. Dies fand auch Niederschlag im Namen: „Liquidator, Modell Sternstunde (S)“. Eines Tages allerdings, die Familie befand sich eben auf einem abhärtenden Survival-Trip im Hochgebirge, traf alle miteinander ein Blitz. Seitdem waren sie glühende – und anfangs auch stark rauchende – Pazifisten, der Roboter aber fand sich als gefährliche Altlast am Dachboden wieder.

Einige Zeit nach dem Verschwinden der Maus zog die gesamte Familie in einer Art weihevollen Prozession auf den Dachboden. Der nun friedfertige Nachwuchs beweinte die von ihm zerstörten Stofftiere und den Vater ergriff beim Anblick des „Liquidator, Modell Sternstunde (S)“ tiefster Zorn. Der Roboter hatte eben mit seiner Existenz abgeschlossen, als er eine gefühlvolle Frauenstimme hörte: „Ach, du bist doch so begabt – bau dieses hässliche Ding doch um in etwas Schönes, Nützliches.“ Dann wurde es schwarz um ihn, tiefschwarz. Als er wieder zu sich kam, fand er sich im Bastelkeller wieder, der ihm wie Frankensteins Werkstatt oder eine Abdeckerei erschien. Er hieß nun nicht mehr Liquidator, sondern „Erzählbär“, ebenfalls „Modell Sternstunde“. Dazu passend fühlte er sich nun, wenigstens am Kopf und an den Beinen, äußerst knuffig und streichelweich, wenn auch nur unzureichend austariert. Warum, konnte er bei einem Blick in den Werkstattspiegel feststellen: Sein flauschiger weißer Teddybärenkopf war mit je einem blauen und einem grünen Auge, einer angenähten riesigen Hundeschnauze, sowie unterschiedlich großen Ohren versehen. Der braune Rumpf war ziemlich hart und borstig wie eine Wurzelbürste, während die samtigen Beine und Pfoten goldig schimmerten. Kurz gesagt: Sein Roboter-Innenleben bildete mit den Plüschtier-Einzelteilen aus dem Karton nun ein „intelligentes Erzählsystem“ mit gewaltfreien Märchen, sowie Empathie fördernden Alltags- und Umweltgeschichten. Er murmelte tief betroffen: „Ach, du Scheiße …“

Bei seinen häufigen Einsätzen im Kinderzimmer ließ er die Programme meist automatisch durchlaufen und beschäftige sich innerlich mit gänzlich anderen Dingen. Es war allerdings für ihn schwierig, dabei die Riesenschnaunzenbewegungen einigermaßen synchron zu halten; er war ohnehin schon genug damit beschäftigt, nicht ständig auf selbige zu fallen. Ein weiteres Problem waren die nötigen Voreinstellungen: Der Erzählton „Mahnender Großvater“ war bei lustigen Geschichten und Unsinnsgedichten zwar für Lacher gut, aber natürlich unpassend – unangenehmer war die versehentliche Auswahl des Tones „Fröhlicher Clown“ bei ernsthaften bis tieftraurigen Geschichten. Es konnte auch geschehen, dass ein gewaltfreies Märchen plötzlich von einem blechernen „Muss liquidieren!“ unterbrochen wurde.

Statt der vorherigen Mignonzellen (AA) hatte er nun den Akku eines uralten Bohrhammers verbaut, der allerdings technisch angepasst war; so durchzuckten ihn beim Aufladen mehr oder weniger starke Stromstöße. Dies geschah oft während einer Blitzladung oder einer besonderes langen Ladesession für den extrem anstrengenden manuellen Erzählmodus, den er manchmal wählte, um die oben erwähnten Probleme zu vermeiden. Einmal vergaß er jedoch und erzählte unvorsichtigerweise, nur halbvoll, manuell ein gewaltfreies Märchen, in dem Rotkäppchen, der Wolf, die Großmutter, sowie der Jäger Kakao tranken, Gugelhupf und Pfannkuchen aßen und gemeinsam einen Aufruf zu Frieden, Toleranz und Mitmenschlichkeit verfassten. Hier musste er die Lautstärke erhöhen, da das Froschgequake aus dem Garten ohrenbetäubend war: Die Mutter hatte das Fenster geöffnet um die Geräusche und Gerüche der Natur hereinzulassen. Der Bär konnte seine Funktionen konfigurieren, aber das Menü für das Ausschalten der Geruchssensoren hatte er noch nicht gefunden. So verwirrte ihn der betäubende Fäulnisgeruch zusätzlich.

Am Ende fühlte er sich vollständig entladen und schloss sich mit letzter Kraft an die Station an. Nach einiger Zeit erwachte er von einem seltsamen Kribbeln an seiner rechten Hinterpfote: Es war die Maus Theodora Baronesse von Hochsülz, die aus dem Wald zurückgekehrt seinen Werdegang verfolgt hatte. Ein Strahl Mondlicht fiel auf ihr Haupt und sie sah beinahe aus, wie zuvor am Dachboden: „Ihre Hinwendung zur Literatur hat Ihnen gewiss wohlgetan, auch wenn Sie erst zu Ihren wahren Stärken finden müssen. Von Ihren anstrengenden Angewohnheiten und Vorlieben will ich schweigen. Was Ihren geschätzten Konstrukteur betrifft, so lehne ich noch heute strikt ab, ihn als ‚armen Vollidioten‘ zu bezeichnen. Ich bevorzuge ‚Mensch mit Entwicklungspotential.‘“

Bei den letzten Worten war dem Bären bereits seltsam zumute gewesen. Noch bevor er sich abschließen konnte, durchzuckte ihn ein heftiger Stromschlag und dieser schleuderte die Maus durch das offene Fenster direkt in den Froschtümpel. Genau in diesem Moment setzte das Gequake, das beinahe verstummt war, mit voller Lautstärke wieder ein. Nachdem der Bär zu Sinnen gekommen war, eilte er ans Fenster und sah, wie sich die Maus unter dem Protest der Frösche ans Ufer rettete. „Blöde Ratte“, dachte er und verriegelte das Fenster sorgfältig.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Immer wieder

Blaue Berge
Summit photo Zugspitze.jpg aus Wikimedia-Commons. Foto: CatalpaSpirit; Bearbeitung (Ausschnitt, gedreht): Christoph Waghubinger. CC BY-SA 4.0

EINE FABEL

Der Esel blieb so plötzlich auf dem Bergpfad stehen, dass der Lipizzaner hinter ihm ins Straucheln geriet. Einige Steine lösten sich und fielen mehrfach aufschlagend in den Abgrund.
„Damn! Are you crazy? Ich hätte mir die Knöchel verstauchen können oder schlimmeres.“
„Wir sollten doch umkehren und einen Umweg nehmen, denn hier passiert womöglich bald ein schlimmes Unglück.“
„Dann krieg ich Troubles mit der Hofreitschule! Ich dürfte gar nicht in den Mountains herumtrekken, so vertragsmäßig, also bitte Klartext, Guide.“
„Also gut. Es geht um drei Sachen, eine wichtiger als die andere: genau hier habe ich vor zwei Jahren entsetzlichen Schluckauf bekommen.“
„Huh, who cares? Was ist Nummer zwei?“
„Bei dieser Latschenkiefer da vorne links, hat mich im letzten Jahr ein brutaler Mensch schlimm gepeitscht.“
„You jackass! Geh zur Seite, ich finde den Weg alleine!“ Nach diesen Worten stürmte der Lipizzaner voran und verschwand hinter einer Wegbiegung. Der Esel blieb verdattert stehen und rief nach einem Augenblick: „Und drittens ist der Weg dort vorne abgerutscht!“

Gleich darauf erscholl ein rasch leiser werdender Schrei, dem ein dumpfer Aufprall folgte. Der Esel lief zur Abbruchstelle und sah bestürzt auf den zerschmetterten Lipizzaner: „Nein! Nicht schon wieder!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Bedrohte Phänomene

In ihren Glanzzeiten dominierten folgende Lebewesen und Phänomene Tageszeitungen und Magazine, sowie Film und Funk:

Ausrufezeichen
Black exclamation mark.svg (PD)
  • Yeti
  • Ungeheuer von Loch Ness
  • Bermudadreieck
  • Ufos mit Außerirdischen
  • Atlantis
  • Ozonloch

Heute müssen sich viele von ihnen mit Erwähnungen in zweifelhaften Onlinepublikationen zufriedengeben, die unter starken Fake-News-Verdacht stehen; im schlimmsten Fall handelt es sich gleich um offen deklarierte Fiction. Erwähnt sei, dass die obige Aufzählung keineswegs vollständig ist, sondern sich auf die dringlichsten Fälle beschränkt.

Der Yeti-Schneemensch und das Ungeheuer von Loch Ness (kurz: Nessi) ließen sich bereits in der Vergangenheit nur sehr selten von einzelnen Leuten beobachten, Atlantis wurde ebenso gesucht, aber noch nie gesehen. Alle drei werden immer öfter in das Reich der Mythen verwiesen. Das Ozonloch war durch seine Beschaffenheit als Loch schon immer durch Fehlendes und Abwesendes definiert, wird es erwähnt, dann oft mit Bemerkungen der Art, dass es kleiner werde, oder sich gar allmählich schließe.

Für das Bermudadreieck und die Ufos samt Außerirdischen trifft grundsätzlich ähnliches zu, allerdings waren beide für das Verschwinden zahlreicher Menschen und Gegenstände verantwortlich. Die Tatsache, dass sie selbst betroffen sind, lässt an ein gleichartiges, aber wesentlich stärkeres, neues Phänomens denken. Dieses könnte von weiteren Lebewesen und Phänomenen Besitz ergreifen, die heute anstelle der oben aufgezählten in Tageszeitungen, Magazinen, sowie in Film und Funk vertreten sind.

Nun sollte diesem möglichen neuen Phänomen nachgespürt und seine Existenz entweder widerlegt oder bewiesen werden. Im letzteren Fall wäre es bedeutend, es ebenfalls sofort der massenmedialen Verwertung zuzuführen.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Tonspur

Überschall
F-35 Open Dag KLU 2016 met condensatie effect.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Hnapel, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Irgendwo im Park singt seit fünf Minuten jemand Vokale. Gewöhnlich würde ich diesen Jemand für verrückt erklären, aber ich denke an die Online-Diskussion von vorgestern und als Tonspur dazu erscheint mir der Gesang plötzlich, wenn schon nicht vernünftig, so doch wenigstens recht passend.

Die Aufregung drehte sich um eine Antwort aus einem Zeitungs-Forum. Sie begann mit: „Warum denn eigentlich nicht?“ Die Frage davor lautete: „Wie kann ein Mensch so etwas Fürchterliches tun?“ Dieses Fürchterliche war ein Massaker irgendwo in den Vereinigten Staaten oder in Australien und der, inzwischen gelöschte, Artikel war eine Exklusivmeldung. Die Schlagzeile lautete: „Frustrierter weißer Macho läuft Amok!“

Dieser „frustrierte Macho“ soll seine Zeit mit Killerspielen und Pornos zugebracht und eine Waffensammlung von der Pumpgun bis hin zur Panzerfaust aufgebaut haben. Der Ort des Amoklaufes war, soviel ging hervor, eine äußerst große Veranstaltung. Die Unklarheit beruhte auf einem überwältigenden Chaos im Artikel, aber die Diskussion begann dennoch ruhig und kultiviert: Waffen, Pornos und Killerspiele gehörten auf der Stelle verboten und es müsse im Schulunterricht wesentlich mehr ethische und politische Bildung geben. Die Frage, wieso denn ein Mensch so etwas Fürchterliches tun könne, gehörte, in dieser oder einer andern Form, meistens dazu. Es blieb also alles ruhig, bis doch jemand darauf antwortete.

Das Ergebnis war wiederum ein Massaker, diesmal allerdings mit Worten. Ab hier fiel mir das Chaos auf: Der Artikelinhalt wechselte bei jedem Aufruf. So war der Ort des Massakers einmal eine Convention, dann ein Fest, eine Demonstration oder ein Kongress und die Opfer wechselten von emanzipierten Frauen, zu chinesischen Einwanderern, fortschrittlichen Muslimen, bis hin zu Transgender-Personen. Der Täter erschoss sich, sprang irgendwo hinunter, verbrannte oder sprengte sich in die Luft.

Die offensichtliche Fehlfunktion betraf sogar den zweiten Teil der Antwort und so begannen die User ihn abweichend zu zitieren: „Das ist doch absolut normal!“, „Das waren nichts als Perverse“, „Jemand musste es eben tun“ und „Flammenwerfer haben noch gefehlt.“

Dieses Tohuwabohu schien die Kommentatoren zuerst nicht sonderlich zu irritieren; allenfalls korrigierten und maßregelten sie einander, als jedoch ein Streit darüber entbrannte, wie die skandalöse Bemerkung denn nun richtig lautete, behauptete jemand die Identität des Unbekannten herausgefunden und interveniert zu haben: dieser solle seinen Ausbildungsplatz verlieren und überhaupt „nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“

Vielleicht wäre die Diskussion wie bisher weitergelaufen, aber das Wort „Ausbildungsplatz“ veranlasste einen User genauer nachzufragen und als nun der Aufdecker antwortete, dass es sich um einen 15-jährigen Lehrling handelte, drehte die Stimmung. Bald darauf wurde das Forum geschlossen und am nächsten Tag erschien ein Kommentar, in dem sich ein Redakteur über „völlig falsch verstandene Toleranz“ ausließ: Ein solcher Ausfall verhöhne die Opfer zusätzlich und sei deshalb unentschuldbar.

Der Vokalgesang im Park erreicht nun Höhen wie Vogelgezwitscher oder Katzenmusik. Danach endet er abrupt und in die Stille hinein spricht, ziemlich außer Atem, eine tiefe Stimme: „Es reicht!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Baumgedicht

Arbre du Ténéré
Ausschnitt aus Arbre-du-tenere-1961.jpg auf Wikimedia-Commons. Foto: Michel Mazeau / Ausschnitt, Skalierung und Retuschen: Christoph Waghubinger. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Ein Haiku über den Arbre du Ténéré, einer ehemaligen Schirmakazie inmitten der Ténéré-Wüste in Niger. Diese Schirmakazie galt bis zu ihrem Fall 1973 als einsamster Baum der Welt. Als Überlebende einer Gruppe von Bäumen erreichte sie mit ihren Wurzeln das Grundwasser in 33 bis 36 Metern Tiefe.

Arbre du Ténéré // So tief die Wurzel, / so kahl das Land. / Hier wuchsen Wälder.
Arbre du Ténéré Kurzgedicht Deutsch.jpg aus Wikimedia-Commons. Autor: Tobias 67, Beschnitt: Christoph Waghubinger. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Einleitender Kommentar: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Wir sehen uns

Light Colors
#056 – Light Colors aus Flickr, via Wikimedia Commons. Fotograf: Rodrigo Paredes, Lizenz: CC BY 2.0

Der Platz ist eine Bühne inmitten der Finsternis; sein Licht kommt von allen Seiten, aber ich erkenne keine Lichtquelle. Eine schmächtige, hochgeschossene Gestalt steht neben mir; sie wirkt auf den ersten Blick sehr jung, aber ihr Gesicht und besonders die Augen passen nicht dazu: Es ist, als wären mehrere Gesichter ineinanderkopiert und als sie zu sprechen beginnt, klingt es, als wäre aus ebenso vielen Stimmen eine neue zusammengemischt:

„Ich zeig dir ein Spiel, das ist wie ein Gedicht.“

Ich sehe mich um, dann ärgere ich mich: „Dieses Ringelspiel? Sind wir nicht zu alt für so was?“ Im nächsten Augenblick sehe ich in ihre alterslosen Augen und bereue meine Bemerkung – woran hatte ich mich einen Augenblick erinnert? Ein Mädchen im blauen Kleid läuft vorbei und springt bei voller Fahrt auf einen Hirsch – ein süßer Duft bleibt zurück. Ein uralter Herr reitet auf einem weißen Elefanten und rudert mit den Armen.

„Es ist wie ein Gedicht, aber es taugt nichts“, lächelt die Gestalt, während eine Rotte bunter Pferde mit jungen Frauen vorbeifliegt. Ein roter Löwe mit einem Jungen rast vorbei und hinterlässt einen Schwall mit scharfem Raubtiergeruch.

„Es dreht sich viel zu schnell und keiner steigt ab; sie fallen einfach runter, wie diese Frauen von den Pferden.“

„Oder der Herr vom Elefanten.“

Keines der Karusselltiere bleibt unbesetzt: von allen Seiten stürmen aus der Dunkelheit Menschen, besetzen die freien Plätze und zerfallen zu Nichts.

„Wie kann sich auch nur ein Kind auf so etwas einlassen?“

„Zu faul, zu blöd, zu feig zum Verwesen!“, schallt es vom Karussell, ohne dass klar wird, wer das gerufen hatte.

Die Gestalt wendet sich an mich und sieht in diesem Moment aus wie ein Priester oder Sozialarbeiter: „Was riefen sie dir eben zu? Was hörtest du? Sage es mir.“

„Das ist Irrsinn!“

„Dann erinnerst du dich.“

Das Mädchen von vorhin sitzt nicht mehr am Hirsch, ebenso wenig wie der Junge am Löwen, bloß ein Stück Stoff ihres Kleides flattert im Geweih. Für kurze Zeit scheint das schnell drehende Spiel in einen blauen Schleier getaucht; der süße Duft und der scharfe Raubtiergestank haben sich vermengt. Dann wird es düster und kälter und kälter bis sich das Karussell in eine drehende Eisskulptur verwandelt. Bald danach ist es stockdunkel. Ich richte eine Taschenlampe darauf, aber erkenne im fahlen Licht nichts außer meinem Atem.

„Wir verbrennen, wir verbrennen!“, rufen die Fahrgäste.

„Das ist kein Gedicht mehr. Gib sie mir“, höre ich die Gestalt; im nächsten Augenblick entgleitet mir die Lampe. In ihrer Hand wandelt sich das Leuchtdiodenlicht in das einer Sonne; als ihre Strahlen das Karussell treffen, verdampft das Eis, dann fängt die hölzerne Konstruktion Feuer, dann die Pferde, der Löwe, der Hirsch und der weiße Elefant. Die Fahrgäste gleichen lebenden Fackeln aber brüllen: „Wir erfrieren!“

Als ich aufschrecke, meine ich immer noch das Geschrei zu hören und das lichterloh brennende Spiel zu sehen. Ich atme auf: „Vorbei. Der Traum ist endlich vorbei“.

„Wir sehen uns!“, ertönt die Stimme.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

 

Sportverschwörung

Dopingspritze
Syringe_Needle_IV.jpg aus Wikimedia Commons, Foto: Psychonaught, Lizenz: PD

Neulich im Wikipedia-Café: Ein User sorgte sich um das Leben italienischer Fußballspieler: Dopen die so viel oder begehen die Selbstmord oder hat sogar die Wettmafia ihre Hände im Spiel? Daraus ergab sich eine nicht immer ernst gemeinte Diskussion, die im folgenden satirischen Beitrag gipfelte:

Fakt ist: jedesmal, wenn so ein rollender Medizinkoffer des Dopings überführt wurde, frage ich mich, was der denn falsch gemacht hat, dass Pumidas, Assich, oder gar Like(!) ihn nicht mehr mögen. War es, dass er sich hat erwischen lassen? Oder Schlimmeres, und SIE haben erst dafür gesorgt, dass er überhaupt erwischt werden konnte? Nandrolon in die Zahnpasta, und plötzlich war es das. Weiß man ja. Vielleicht reicht der Arm der Sportartikelriesen aber schon viel weiter, es sollen ja schon Sportler erwischt worden sein, die **angeboren** über zu viele rote Blutkörperchen verfügen. Ich sage euch: da wird gezüchtet! Was sagt das dann über das Sportherz aus, das ich wegen seines absurd widersprüchlichen Inhalts erneut verlinke? Angeboren gesund oder angeboren krank? Und wieso müssen die dann alle so viele (qua ordre de Mufti selbstverständlich genehmigte) Medikamente schlucken, gegen Atemnot? Und finden das auch noch völlig normal. Darüber kann ich als Teilzeitasthmathiker nur lachen! Biathlet hätte ich werden sollen. Oder am besten gleich Norweger! Der Autor gibt zu, dass ihm als Kind im Jahr 1984 angesichts der in der Gluthitze der Stadt der Engel keuchenden, aufgebenden Marathonläufer der Gedanke entwich, erschießen sei auch eine Lösung.


Hauptbeitrag: Janka im Wikipedia-Cafe (Abschnitt: Die große Sportverschwörung), Einleitung und Auswahl: Christoph Waghubinger, Zitat im ersten Absatz: Leiflive, Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Der Fuchsbalg

Polarfuchs
Augen eines Polarfuchses. Detail von File:20121110-20121110-IMG 6521.JPG. Foto: Marc Steensma, Bearbeitung (Ausschnitt, gedreht): Christoph Waghubinger, CC BY-SA 3.0

Der Zeuge fragt: „Was halten Sie von meiner blauen Vision?“
„Das gibt Ärger“, antwortet der Berichterstatter, „Es wird heißen, Sie erzählen gefährliches Zeug.“
„Ich weiß. Das ist mein Risiko.“
„Aber wozu das alles? Mann, Sie waren tot!“

Eine Pause tritt ein. Um den Hotelblock zieht seit kurzem ein Demonstrationszug mit wehenden Fahnen, Spruchbändern, Tröten, Schellen, Trillerpfeifen und Gebrüll im Diskant: „Blau ist keine Farbe!“ Beinahe alle Hotelgäste und alles Personal haben sich ihm angeschlossen.

Der Zeuge nimmt den Faden wieder auf: „So sagt man, aber ist das bedeutsam?“

„Natürlich! Was denken Sie, was in so einem Fall normalerweise kommt? Na? Eine Nahtoderfahrung mit allem Drumherum! So mit Schweben, Tunnel, Himmelslicht und lauter lieben Verstorbenen. Das ganze Programm halt mit Glücksgefühl und Geborgenheit, aber doch keine Träumerei mit ’ner Zombieparade. Himmel, Arsch und Zwirn, die Menschen sind doch aufgeklärt!“

„Also gut, erfinden Sie etwas Passendes für die aufgeklärten Menschen und ich sage Ja und Amen.“

Der Berichterstatter steht ruckartig auf: „Ihnen fehlt die Ernsthaftigkeit. Nun gut, dann eben nicht. Schönen Tag noch.“

„Blau ist ein Verbrechen!“, kreischt eine sich überschlagende Stimme in diesem Moment.

Das ist zu viel: „Nein, warten Sie. Alles Unsinn!“

„Ja, Unsinn“, erwidert der Berichterstatter, dann fällt die Tür hinter ihm zu. Der Zeuge verstopft seine Ohren und erinnert sich an seine Vision mit der blauen Sonne. Ein Glas, unter ihrem Licht zerbrochen, setzte sich von selbst schöner neu zusammen,  gefallene Wirtschaftswälder standen als Märchenwälder auf, ätzende Lügen wandelten sich in tiefsinnige Wahrheiten und er fühlte sich, als wäre er aus einem einzigen Stück. Fast alles war wunderbar, allerdings gab es da noch diese Demonstranten, die wie lebende Tote eine lange Straße hinabzogen. Einer trat einen gelblichen Fuchsbalg vor sich her und brach entkräftet zusammen, während sich der Balg erhob, straffte, und als strahlender weißer Fuchs davon sprang.

In diesem Augenblick kracht ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe. Der Zeuge erhebt sich und wundert sich nicht über seine Ruhe, sondern über den Werfer, der es offenbar vier Stockwerke hinauf geschafft hatte. Durch das zerstörte Fenster weht ein betäubender Schwall Hitze. Der Stein ist in Spiegelschrift beschrieben und fühlt sich an wie Seife. Bevor er die Aufschrift entziffern kann, gleitet ihm der Stein aus der Hand; er hört keinen Aufschlag und findet ihn nicht wieder. Das Fenster ist wiederum unversehrt. Er ärgert sich über sich selbst: „Was kümmere ich mich?“ Der Flur ist leer, aber dafür schlagen ihm dort Gesänge entgegen. Er sieht aus einem Fenster und traut seinen Augen nicht: Die Demonstration ist plötzlich eine Art Karnevalsumzug mit einem Themenwagen, auf dem ein buntes Raumschiff steht; vom Hotelzimmer aus gesehen lärmt dagegen immer noch die alte Demonstration mit Tröten, Schellen, Pfeifen und dem Geschrei im Diskant.

„Es wird sich aufklären, wenn ich das Hotel verlasse.“ Er drückt einen Fahrstuhlknopf und die Tür gleitet beiseite, aber einen Sekundenbruchteil später rast die Kabine in den Keller und zerschellt. Der Zeuge bleibt wie betäubt stehen und schließt die Augen; als er sie wieder öffnet, steht die Kabine an ihrem Platz, dafür ertönen nun Geschrei und Gesänge gleichzeitig. Er eilt die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Hier ist nicht mehr taghell und sommerlich, sondern kalt und dunkel wie an einem Wintermorgen. Mattes Licht erhellt das leere Foyer und hinter der Glasfront stehen die Demonstranten diesmal etwas entfernt im Halbkreis als stumme reglose dunkle Menge. Irgendetwas muss sie zurückdrängen. Er fasst sich ein Herz und tritt durch das Portal, aber der Anblick bleibt gleich, erst als er zu seinen Füßen blickt, sieht er den schneeweißen, strahlenden Fuchs.

Hinter dem Zeugen kracht die Decke des Foyers hinab, doch als er sich umdreht ist auch dies ungeschehen. Der Fuchs wendet sich ab und jagt auf die eben noch erstarrte Menge zu, die ruckartig zurückweicht und eine breite Gasse bildet. Nun geht die blendende blaue Sonne über den Dächern auf. Dem Zeugen wird erst eiskalt, dann fühlt er einen brennenden Schmerz als würde er in zehntausend Stücke gerissen und besser wieder zusammengefügt.

„Teufel, großartig!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

Gleichgang

Vier Metronome synchronisieren sich gegenseitig.


wesphysdemo: Wesphysdemo – Synchronized Metronomes.webm.  Übernahme von YouTube nach Wikimedia Commons   (3A70.23 Synchronized Metronomes)
Christoph Waghubinger: Kommentar.  Screenshot aus Video erstellt (Ausschnitt)
Lizenz: CC BY 3.0

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