Das darf nicht wahr sein

Kubus
Screenshot aus 3D model of a Cube.stl. Invertiert und beschnitten, CC-Zero

Am Ende des Traumes warf’s Emil hin, aber noch stand sein Termin im Albtraumcenter (kurz ATC) bevor. Dieses ATC war ein mausgraues, würfelförmiges Gebäude in einer lichtgrauen Ebene. Es schwebte zweieinhalb Meter über der Oberfläche und war für gewöhnlich unsichtbar, aber weil der Termin direkt bevorstand, war der Anblick für Emil freigeschaltet. Um durch die Sicherheitsschleuse einzutreten, musste jeder Besucher sein Vorhaben vorläufig vergessen und überhaupt nichts mehr wissen. Dies war bei diesem Anblick für niemanden ein Problem. Das Gebäude senkte sich also auf Normalniveau und Emil trat ein. Er stand nun in einen langen mausgrauen Korridor mit einem Dutzend offenstehender lichtgrauer Türen, die sogleich zuschlugen. Nur eine bisher geschlossene an der Stirnseite flog auf. Der Sachbearbeiter dahinter saß an einen wuchtigen lichtgrauen Schreibtisch. Da sich sein letzter Klient übergeben hatte, war gründlich desinfiziert worden. Der Reiniger verursachte bei Emil einen Asthmaanfall, davon kehrte allerdings auch seine Erinnerung wieder.

Der Sachbearbeiter musterte ihn: „Sie müssen zum Arzt!“

Emil zog das gefaltete Verständigungsschreiben aus der Hosentasche und stellte sein Asthmaspray auf den Schreibtisch: „Danke, da war ich schon.“

„Gut, ich sehe, dass Ihnen der Grund unseres Gespräches wieder bekannt ist.“

Emil wischte sich die Schweißtropfen von der Stirne und antwortete keuchend: „Und Ihr Schrieb ist diesmal sogar auf Deutsch.“

Die Gestalt des Sachbearbeiters verschmolz beinahe mit der mausgrauen Wand, nur seine blassgrün-blau gemusterte Krawatte hob sich etwas ab. Die Stimme klang, als käme sie von einem Ort außerhalb: „Aufgrund der Wichtigkeit erhielten Sie eine TRa-Verständigung in Helvetica Punkt 12, anstatt wie ansonsten üblich TRb in gespiegelter Schwabacher Punkt 8.“

Emil dachte an den letzten Termin: „Und das alles wegen einer Ampel?“ Staub rieselte auf ihn nieder.

„Ja. Ihre neue Aufgabe ist ein Training in Selbstbewusstsein. Sie bestreichen sich morgens fingerdick mit Spinat und überqueren danach bis abends mit Schlusssprüngen einen geregelten Fußgängerüberweg. Dies gilt für gerade Tage.“

„Wie ein Blödsinniger?“, platzte Emil heraus.

„Auch Blödsinnige, korrekt ‚originelle herausgeforderte Menschen‘, haben ein Recht zur Teilnahme am öffentlichen Albtraumleben“, antwortete der Sachbearbeiter ungehalten. „Ihre Tätigkeit dient zur Herausbildung eines allgemeinen Bewusstseins diesbezüglich. Wir verstehen uns. Aber nun weiter: An ungeraden Tagen bestreichen Sie sich mit Kleister und wälzen sich in einem Ameisenhaufen. Danach jodeln und juchzen Sie vor Publikum. Spinat und Kleister stehen bereit, Jodelkurs und Turnunterricht werden auf Antrag gefördert. Fußgängerüberweg, Ameisenhaufen und Publikum sind selbstständig aufzusuchen und/oder bereitzustellen.“

„Das darf nicht wahr sein!“

„Dies scheint Ihnen lediglich so, denn auch Ihr Bewusstsein muss erst gebildet werden. Ansonsten verzichten Sie bitteschön auf unsere Leistungen.“ Er betrachtete Emils vergebliche Versuche, den Staub abzuschütteln: „Ein Nervenarzt könnte hilfreich sein.“

„Nein! Und ich brauche doch meine Aufwachversicherung.“

Der Sachbearbeiter erhob sich verärgert: „Das ATC ist nicht bloß dazu da, Ihnen eine Aufwachversicherung zu garantieren! Nun, für das wiederholte Verweigern von zumutbaren Tätigkeiten werden Ihnen die dafür vorgeschriebenen … warten Sie …“, er blätterte in seinen Unterlagen, „vier Panikattacken zugeteilt. Einen schönen Tag noch und nehmen Sie Ihr Spray mit.“

Als Emil das Ende des Korridors erreicht hatte, schlug die Tür an der Stirnseite schallend zu, während sich alle anderen wieder öffneten. Er drehte sich um und der Vorgang wiederholte sich. Nachdem dies einige Male geschehen war, atmete er endlich wieder tief durch und begann im Rhythmus der schlagenden Türen zu singen und zu tanzen. Die Staubkruste fiel in großen Schollen ab, solange bis eine Stimme über einen Lautsprecher ertönte: „Der Klient wird dringendst aufgefordert, derlei Unfug zu unterlassen!“

Emil reckte den Mittelfinger hoch und schritt rasch durch die Sicherheitsschleuse. Diese forderte von innen allerdings bedingungslose Zustimmung und Kooperation. Deshalb senkte sich das Gebäude nicht vollständig ab und Emil stürzte auf den Boden. Er rappelte sich mühsam auf: „Ja, das ist es: hinwerfen!“


Autor: Christoph Waghubinger
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Wenn du willst

Edelweiß
Edelweiß – South Tyrol 02.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Noclador, Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Pfeif auf das Alpenpanorama und das idiotische Edelweiß! Du hast doch schon von Außerirdischen gehört?“
„Wie denn nicht! Du redest die ganze Zeit davon.“
„Sogar dir werden die Augen aufgehen! Es ist so wundervoll, dass sie gelandet sind.“
„Aber dort unten in dieser Wildbachschlucht? Wo soll da eine Untertasse hinpassen?“
„Sieh genau hin und geh nicht von diesen albernen Hollywood-Klischees aus.“
„Ich seh nichts als Kajakfahrer dort unten.“
„Das sind keine Kajakfahrer, sondern glühende Pro-Außerirdische-Aktivisten.“
„Was zum …? Moment, ich habs! Ich brauche ein Handy mit so was wie Pokémon Go. Richtig?“
„Verflixt! Hier geht es nicht um eine eskapistische Spielerei, sondern um eine Sensation, eine Herausforderung an die Menschheit!“
„Okay, okay, nehmen wir an, es ist so: Gibts da unten auch Anti-Außerirdische-Aktivisten? Irgendwer ist doch immer dagegen.“
„Nazis? Nein, die sind zum Glück verschüttgegangen in ihrem Paralleluniversum.“
„Guck mal: ein Rettungshubschrauber. Da braucht jemand dringend Hilfe.“
„Das ist kein Rettungshubschrauber, sondern der Helikopter eines Fernsehsenders! Er zeigt das lebhafte Medieninteresse an der Ankunft.“
„Und wo sind deine Außerirdischen eigentlich?“
„Denk doch mal ein bisschen nach: Es sind nicht meine Außerirdischen!“
„Also gut, wo sind die Marsmännchen?“
„Marsmännchen ist nicht nur falsch, sondern übel rassistisch. Wir sollten sie Extraterristen nennen, oder noch besser: Glücksbringende.“
„Glücksbringende? Bist du so veranlagt?“
„Aus und Schluss! Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht.“
„Egal, jetzt sieht man ohnehin nichts mehr: Der Hubschrauber ist weg, deine Kajak-Aktivisten auch und in der Schlucht ist es dunkel und nebelig. Jetzt gibts hier so gar nichts mehr als das Alpenpanorama und ein idiotisches Edelweiß.“
„Äußere dich wenigstens nicht so abschätzig über unsere Natur.“
„Ja, aber sollte ich nicht auf sie pfeifen?“
„Nein, nein, jetzt nicht mehr.“
„Gerne, wenn du willst.“

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Autor: Christoph Waghubinger
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Wirrköpfe und Kunstköpfe

Holzengelskopf
Holzengelskopf. Gotland-Fole kyrka Kanzel 02.jpg. Foto: Wolfgang Sauber, Lizenz: CC BY-SA 3.0


Bei starkem Eigenwillen in Form eines „eigenen Kopfes“ (auch Wirrkopf) werden entweder ein Kopftausch oder ein behördliches Zertifikat empfohlen. Fehlt dieses, wird der Kopfträger möglicherweise sozialen Druck über Mobbing, Diskriminierungen, vorläufigen Festnahmen, bis hin zu Sicherheitsverwahrungen ausgesetzt. Ein solcher Kopf beeinträchtigt schließlich durch zahllose Flausen und Faxen die Konzentration auf als gesellschaftlich wertvoll erkannte, aber völlig geistlose Aufgaben und ist als Unikat niemals vollständig kompatibel mit anderen eigenen Köpfen. Dies führt oft genug zu fatalen Missverständnissen und ist ein bedeutender Grund für einen Austausch. Dieser sollte bei der Einschulung erfolgen, zumindest aber vor dem Wechsel in eine weiterführende Bildungseinrichtung. Eigene Köpfe bleiben zumeist höchsten Führungspersönlichkeiten vorbehalten, sowie – unter strengsten Auflagen – Spezialisten für Kopfentwicklung, -herstellung und -wartung.

Austauschbare Kunstköpfe bestehen aus Holz, Stroh, Gips, Beton, sowie aus günstigen, bezuschussten Pappmaschee und Holzspan. Synthetische Werkstoffe (ugs. Plastik) gelten, anderes als früher, als umweltgefährdend und werden nur sparsam eingesetzt. Kork und Glas sind wenigen Spezialanwendungen vorbehalten und der teure, schwer bearbeitbare, Marmorstein wurde als veraltet ausgesondert. Vorreiter bei Kaufköpfen ist Holz mit Resonanzräumen: Das in Jahresringen gewachsene Material ruht in sich selbst und neigt kaum zum Zweifeln. Bei schweren Fehlentscheidungen und Irrtümern bewirken dagegen kräftige Schläge auf den Hinterkopf rasche gedankliche Richtungsänderungen – hierbei erklingen xylophonartige Töne. Einheimische Hölzer wie Eiche, Buche oder Tanne werden bevorzugt, wenn auch Tropenhölzer, wie Teak oder Mahagoni, unbestreitbare Vorteile in Haltbarkeit und Klangschönheit bieten. Sind Splitter- und Bruchgefahren berücksichtigt, können Holzspanköpfe problemlos Holzköpfen assistieren. Erstere neigen produktionsbedingt zu vermischten und zusammengestöpselten Weltbildern (Synkretismus), dies kann jedoch durch die Verwendung von Spänen einer einzigen Holzart weitgehend neutralisiert werden. Beide Kopftypen empfehlen sich für untergeordnete Persönlichkeiten in nicht exponierten, mäßig verantwortlichen Positionen.

Gips wird bei Künstlern und Intellektuellen bevorzugt. Es handelt sich hierbei um ein weiches, gut formbares Material. Ein solches Gipshaupt, gelegentlich als „Eierkopf“ bezeichnet, ersetzt den alten Marmor, dessen „ewiger Nachruhm“ durch „nachhaltige Vorbildwirkung“ ersetzt wurde. Diese dauert keine Äonen, sondern nur höchstens zwei bis drei Generationen und hierzu reicht Gips aus. Abseits dieser hohen Sphäre gibt es zwei bedeutende Ausnahmen: Da Künstler der sogenannten „leichten Muse“ meist flachere Klischees verwenden, gilt Pappmaschee hier als kreatives Material der Wahl. Ein Vorteil liegt in der günstigen und schnellen Herstellung, nachteilig wirken mangelhafte Haltbarkeit und hohe Entflammbarkeit. Die massenhafte Vergabe an Bedürftige führte übrigens zu einer enormen Freizeit- und Hobbyproduktion. Ein mögliches Alternativmaterial in weltanschaulich eher fordernder Umgebung ist Kork, der bei geringem Gewicht für eine gute gedankliche Durchlüftung sorgt. Die sogenannte „gehobene Unterhaltung“ sucht dagegen die Annäherung zum elitären Gips oder gar Marmor. Diese wird erreicht durch Imitationen durch Kunststoffarten wie Thermoplaste, Elastomere, Duroplaste. Auf diese Art erscheinen selbst die ältesten und flachsten Klischees authentisch und unverbraucht. Es handelt sich hierbei um Nachahmungen von Nachahmungen. Bei nachlässiger Handhabung neigen solche Materialien zu toxischen Gedanken mit umweltschädlichen Assoziationen. Ursprünglich sollten sie nach und nach alles Übrige ersetzen, wovon wegen solcher Problematik Abstand genommen wurde. Eines der Relikte dieses Vorhabens sind die sogenannten „Plastik“-, bzw. „Flaschenköpfe“ aus PET-Kunststoff (Polyethylenterephthalat). Es handelt sich um nicht weiterentwickelte Basisversionen, die heute wegen ihrer Vielseitigkeit andere Materialien ergänzen. Eine dieser Eigenschaften ist die Diffusion von PET, die nur von Kork qualitativ übertroffen wird. Flaschenköpfe in gehobenen, repräsentativen Positionen bestehen dagegen aus ökologisch unproblematischen, verkorkten Sicherheitsglasflaschen. Klares Glas mit klarer Flüssigkeit, oder auch ungefüllt, bürgt für Brillanz und Transparenz.

Nun wieder zu einem nachwachsenden Rohstoff: Getreidestroh wird verwendet, wenn weder Intellektualität, noch genialische Kreativität, sondern seismografische Sensibilität erforderlich sind. Sein beständiges Rascheln und Knistern hält den Inhaber stets kritisch, hellwach und aufmerksam. Dieses Material ist allerdings vielseitig: In gröberer Qualität eignet es sich als dämpfendes Ballenstroh zum Abfangen von wütenden Beschwerden und Protesten. Gelegentlich wird auf Kautschuk zurückgegriffen und nur in anspruchsvollsten Situationen auf hitzebeständige Elastomere. Wird dagegen unbedingte Unnachgiebigkeit gefordert, empfehlen sich quadratische Betonköpfe. Es ist allerdings angeraten, dieses Material offen zu kommunizieren, wie durch die Verwendung von Sichtbeton. Bei aller Brutalität erfährt dieser regelmäßige Renaissancen, wie etwa in der modernen Architektur. Die bei Getreidestroh und Sichtbeton assistierenden PET-Flaschenköpfe werden gegebenenfalls mit grobem Stroh ausgestopft oder mit Beton ausgegossen. Im zweiten Fall ist eine längere Verwendung denkbar.

Abschließend bleibt Folgendes festzuhalten: In den meisten Fällen bringt ein Kopfaustausch ausschließlich Vorteile, wie das Vermeiden von enormen Leidensdruck. Nicht zertifizierte eigene Wirrköpfe riskieren ihre Verhaftung und welche mit Sicherheitszertifikat haben sich regelmäßigen Kontrollen mit Kalibrationen und Validationen zu unterziehen. Dies verunmöglicht in beiden Fällen ein normales Leben, wie mit Holz, Stroh, Gips oder Beton. Kunstköpfe garantieren dagegen den Untertanen Ruhe und der Herrschaft Planungssicherheit.

Nun eine Liste mit empfehlenswerter Literatur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Abkürzungen K, J, E):

  • Wer hat noch keinen Wechselkopf? Annemarie Abschaedler, Birnen-Verlag (K, 8–12)
  • Strohköpfchen und Holzlöckchen. Ein Märchen von Prof. Dr. Horst Gießvogel, Verlag Tuscher (K, 3–6)
  • Ein neues Lämpchen für unsere kleine Leuchte. Wilhelmine Blitzer, Austausch-Verlag (K, 5–8)
  • Durch und mit Vollgips überlegt handeln. W. M. Bein-Bruch, Gypsum (E)
  • Wir betonieren dir Einen. Benedikt Hartenschädler, Concrete (J)
  • Mit Bohnenstroh in die neuen Zeiten. Valentina Knister, Kaffeesatz Verlag (J, E)

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Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Querflötist begleitet eigene Gehirn-OP

Zerlegte Querflöte
Disassembled Flute.png aus Wikimedia Commons. Foto: Alessandro Forghieri, Lizenz: CC BY-SA 3.0

WALZ. Der cancanisch-amerikanische Querflötist Valentine R. Nimmerkenning verlor in der diesjährigen fünften Jahreszeit durch heftige Stammtischmusik sein Gefühl für Flötentöne und produzierte seitdem ausschließlich alarmierende Geräusche. Da eine gewöhnliche Therapie Jahre gedauert hätte und wenig aussichtsreich schien, nahm er das Angebot seines Tanzorchesters „Glattes Parkett“ zu einer kostenlosen Benefiz-Gehirnoperation unter Teilnahme internationaler Medien an. Seine Stellungnahme im Vorfeld zu Gefahren, Chancen, Nutzen und Notwendigkeiten: „Dies ist eine einzigartige Gelegenheit, denn ich habe eine Familie zu ernähren und diese Beeinträchtigung bedroht mein Engagement im Orchester. Eventuellen kognitiven Einschränkungen sehe ich gelassen entgegen, wenn nur meine kompromisslose künstlerische Integrität erhalten bleibt.“

Der Eingriff fand in der cancanischen Hauptstadt Walz am 33. Märzember im Musikklinikum St. Cäcilien statt. Es operierte das Team des international renommierten Spezialisten Bartholomew V. Eisenfloeten. Da das Gehirn selbst, mit Ausnahme der Hirnhaut, schmerzunempfindlich ist, blieb Nimmerkenning während des Eingriffs bei vollem Bewusstsein und spielte Querflöte. Durch Standard-Notenblätter konnten die Chirurgen nun mit präzisen Eingriffen das Spiel kalibrieren. Beratend zur Seite stand der Orchesterleiter Adolphe Herbert von der Teppich. Ob der erzielte Effekt von Dauer ist, wird sich innerhalb der nächsten Wochen zeigen. Bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz im Klinikum am Tag nach der Operation meinte Eisenfloeten: „Die natürliche Beschaffenheit des Cerebrums ersparte uns die Anästhesie. Durch die somit mögliche Echtzeitkontrolle erreichten wir hohe Präzision und reduzierten die Zahl der nachfolgenden Justagen auf ein Minimum. Unsere zusätzlich erfolgte Schmerzfreimachung der Hirnhaut durch dauerhafte Analgesie, befreit den Patienten von Kopfschmerzen aller Art. Dies wird ihm das künftige Spiel entscheidend erleichtern. Abschließend möchte ich mich für den häufigen Zwischenapplaus bedanken: Er wirkte äußerst motivierend auf das Team und den Patienten. Das Walzer Publikum ist großartig!“

Der Orchesterleiter erwiderte Journalistenfragen zu humanitären Aspekten, sowie weiteren Plänen: „Die Gehälter der Chirurgen werden von diesen vollständig an die Hilfsorganisation ‚Falschspieler in Not‘ gespendet. Dafür sei Mister Eisenfloetens Team noch einmal herzlichst gedankt. Das Gleiche geschieht mit dem Überschuss der Einnahmen aus Eintritt, Übertragungsrechten und Sponsoring. Was die Zukunft betrifft, ist uns nicht nur an der Besserung des Mitgliedes gelegen, sondern auch daran, solche tragischen Fälle zu minimieren. Wir griffen zu dieser radikalen Methode, da es nicht sinnvoll erscheint Querflötisten zu Blockflötisten umzuschulen. Nun erreichen wir Ähnliches eventuell auf andere Weise: Wir beabsichtigen Herrn Nimmerkennig künftig als gut klingendes Standard-Vorbild an andere cancanische Klangkörper auszuleihen. Dies hätte bereits kurz- bis mittelfristig stark nivellierende Wirkungen.“
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Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Begeisterung im Aquarium

Sardellenschwarm
Acciughe 2.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Etrusko25, Lizenz: PD

Einer ruft an:

„ … mein Kumpel war in einem Vortrag einer ‚wahnsinnig wichtigen Persönlichkeit‘, das konnte er nicht oft genug betonen, und die sprach über irgendwas extrem Umstrittenes, dabei zuerst sehr würdig und bedächtig, bis es zur Katastrophe kam: Alles endete mit entsetzlichem Krach, Deckenplatten, Lampen und Rohre fielen runter und irgendetwas setzte sämtliche Smartphones matt. Er rief mich gleich danach aus einer Telefonzelle an, aber die Verbindung war noch mieser als jetzt.
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Bei diesem Vortrag muss es zugegangen sein, wie im Bermudadreieck, dabei hätte das wohl ein Top-Event werden sollen, denn wegen irgendwem wird auch eine uralte Mehrzweckhalle am Land nicht einfach so umbenannt. Geworden ist es nichts, sonst wüsste ich wenigstens, wie diese Persönlichkeit heißt. Mein Kumpel hatte ein paar Deckenplatten auf den Kopf bekommen und war völlig verwirrt, mit Ohrensausen und sehr undeutlicher Aussprache. Heute gehts ihm wieder gut, aber er kann, oder will, sich an nichts mehr erinnern und der Rest der Zuhörer auch. Dabei soll alles so positiv begonnen haben. Diese Persönlichkeit war fast fertig und alles wartete auf die feierliche Umbenennung, als es geschah: ‚Als hätt sich die Luft geweigert Schall zu leiten – wenigstens weiter als ’n Meter‘, ja, das sagte mein Kumpel damals. Nein, an der Akustik lag es nicht, denn wenigstens die ist noch in Ordnung, aber stell dir vor: Da spricht so jemand, alles scheint unter Dach und Fach, und dann plötzlich: Ton weg. Das Ganze soll wie im Aquarium gewirkt haben: oben ein großer Karpfen und unten nichts als lauter Sardinen und Sardellen. Zuerst glaubte ja jeder, die Verstärkeranlage wär abgesoffen, dann die eigenen Ohren hin und schließlich improvisierte man. Ja, wenn so was öfter passieren würde, gäb’s wahnsinnig ausgefeilte Methoden, um das auszugleichen, aber so kam‘s halt zum Nächstliegenden: Jeder sagte dem gerade Nächststehenden das Wichtigste ein, und der dann wieder, bis es durch war, denn der Eintritt war nicht gerade billig. Zuerst soll auch hier alles erwartbar gewesen sein: Die ersten nickten, die nächsten zuckten mit den Schultern und danach wurden Köpfe geschüttelt, Augen verdreht und Vögel gezeigt, aber gleich danach kam’s: frenetischer Jubel wie bei einem Filmstar mit hochgereckten Armen, Händen in Klatschbewegung und lautlos auf- und zuklappenden Mündern. Es dauerte eine Weile, bis jemand dem Redner steckte, was da unten ankam, und der soll ein beeindruckendes Farbenspiel gezeigt haben: vom totenbleichen Höhlenkrebs, bis hin zur blutroten Koralle. Dann sagte er sehr laut seine Meinung, aber genau in diesem Augenblick setzte der Ton mit vielfacher Stärke ein und davon fiel die abgehängte Decke runter.
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Daran erinnert sich keiner mehr. Die Zuhörer stünden ja sonst da wie die Deppen und dieser Mensch könnte nie wieder würdig und bedächtig über irgendwas extrem Umstrittenes sprechen – dabei ist gerade heute so was wichtig wie nie.
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Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Echo!

Echo Icon
Vorlage:  Sound icon.png von Nataraja, Bearbeitung (gespiegelt und dupliziert): Christoph Waghubinger. CC BY-SA 3.0

„Servus! Ich rufe an, weil unlängst ein Landschaftsakustiker bei mir war – nein, nein, Akustiker und nicht Architekt. Ja, ich kenn auch nicht so einen Beruf, aber vielleicht hab ich mich auch verhört – von der Diskussion mit dem hab ich Ohrensausen. Der Name? Ja, der ist was Komisches, auf seiner Visitenkarte sind so viele Doktor- und Ehrentitel abgedruckt, dass Name und Beruf völlig verschütt gegangen sind … der heißt womöglich Kuckuckinger oder … wurscht, ich sitz grad beim HNO-Arzt und bevor ich da drankomme, erkläre ich dir alles mal, bevor dieser Mensch dich auch noch heimsucht. Also, der wirkt wie’n durchgedrehter Erfinder oder verrückter Wissenschaftler. Was? Na, hör mal, du wirst doch solche Typen kennen: zerstörte Frisur, fanatischer Blick, irres Gekicher – richtig auffallend wurde das erst nach meinen konstruktiven Vorschlägen, aber bei dem was heutzutage alles herumläuft, achte ich nicht immer auf jede Kleinigkeit. Er will jedenfalls die Verbesserung der Landschaft, aber nicht optisch, sondern akustisch, ich sag bloß: Echo!

Seine Kurzfassung lautet: ‚Wie hört sich das denn an bei euch, was sollen sich die kultivierten Menschen auf der ganzen Welt da denken?‘, und die lange Fassung: ‚Eigentlich ist euer Echo ja eine fröhliche, oder höchstens etwas alberne Sache: Man stellt sich irgendwo hin, ruft, jubelt, doziert oder singt, dann schallt völlig verkehrter Unfug zurück und gut ist’s. Ja, so wäre es, wenn ihr ganz allein auf der Welt wärt, aber es gibt weltweit ziemlich viele Persönlichkeiten, die aus Prinzip niemals öffentlich Unfug reden: Mahner und Warner beispielsweise, das sind oft mehrfache Ehrendoktoren und -professoren und die meisten stammen auch nicht aus Hinterwäldern und Schluchten, sondern aus hochzivilisierten Nationen. Wilde, unberechenbare Echos, wie eure, wirken auf diese Leute wie akustische Geisterbahnfahrten. Man stelle sich vor, so eine Persönlichkeit wird bei einer Schluchtwaldwanderung etwas lauter und ihr steht dann da als Land, in dem es so behämmert aus dem Schluchtwald schallt. Deshalb müsst ihr das Echo ändern, außer freilich, ihr wollt weltweit als Menschenfresser dastehen. Das nötige Roden der Wälder und Ausfräsen der Schluchten wäre zwar teuer, aber machbar, wenn diese verfluchten Naturschützer nicht so kleinkariert auf ihren natürlich-romantischen Urzustand bestünden und mit den Denkmalschützern sieht es auch düster aus, denn die uralten Gemäuer von vor Columbus verursachen von innen und außen oft einen ziemlich mittelalterlichen Nachhall. Gerade dieses alte Zeug bekommt man leider kaum weggerissen. Es braucht endlich ein Bewusstsein, dass opportune Akustik stets die gesamte Umwelt umfasst und nicht nur ein paar Kirchenschiffe, Studios oder Konzertsäle.‘ Tja, soweit der Experte.

Jetzt kommen meine konstruktiven Vorschläge: Natürlich müssen wir auf höfliche Echos achten, alleine schon wegen der ganzen reichen Investoren – es sind nicht immer nur die Mahner und die Warner. Allerdings können wir nicht mal sagen, was die in ein paar Jahren hören möchten und was nicht. Es ist möglich das Problem flexibler und vor allem kostengünstiger anzugehen, indem wir die paar nun wirklich wichtigen Persönlichkeiten bei der Einreise abfangen und in schalldichten Fahrzeugen zu Orten mit fix installierten Echo-Anlagen verbringen. In komplexen Fällen echoten spezielle Echo-Fachkräfte. Alte Gemäuer werden bei sehr hohem Besuch außen und innen mit Stoffbahnen verhüllt, die den mittelalterlichen Nachhall abdämpfen; der Anblick von so was lässt sich dann sogar als Kunstwerk vermarkten. An die Touristen vergeben wir Headsets und zusammen mit einer Handy-App werden dann aus Rülpsern und Flüchen Oh-Yeahs und Tiroler Jodler.

Mensch, gab das ein Donnerwetter: Ich solle endlich begreifen, dass er keine Symptombekämpfung plane, sondern die kulturelle und zivilisatorische Höherentwicklung des Landes und dabei keinerlei Verunglimpfungen dulde. Mir sei trotzdem gedankt, denn er wisse nun, dass er auch die dümmlichen Eingeborenen mitzubehandeln habe. Er sagte tatsächlich ‚Eingeborene‘ und nicht ‚Einheimische‘, aber das passt ja besser zu den Schluchten und den Menschenfressern. Ich frage mich, woher er selber abstammen will, obwohl: Bekloppte sehen überall gleich aus. Warum ich so laut werde? Ich hör mich selber kaum vor lauter Ohrensausen! Moment, da kommt die Arzthelferin. Wie? Telefonieren ist hier strengstens verboten? Ja, sagen Sie mir das doch bitteschön vorher. Tut mir leid, ich muss jetzt wirklich auflegen, aber denk dran: wenn dieser Typ bei dir auftaucht, dann lieber nicht zuhören, sondern sofort rausschmeißen und zwar hochkant. Servus!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

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