Sonnenschein

Eine kleine Theaterszene …

Sonnenschein

Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

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Das teure Schaf

Ich veröffentliche einige meiner Beiträge auch auf Leselupe.de. Ein dortiger Kommentar zu meiner Kurzgeschichte „Die Behandlung regte mich nun zu dieser Neufassung an.


Sankt-Georg-Altdorfer
Albrecht Altdorfer: Laubwald mit dem heiligen Georg, Lizenz: PD

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällt’s ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles nur vom Lesen: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg und andere Wunder- und Martergeschichten“. Damals war ich sehr engagiert.

Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte sie retten vor all dem Bösartigen und Blödsinnigen hier. Immerhin behaupteten die anderen Lehrer, dass wir Hauptschüler nun mal so wären und schließlich stand es sogar in der Zeitung: einem Weltblatt das unserer Deutschlehrer hin und wieder mitbrachte. Obwohl ich vorher noch nie irgendetwas gemerkt hatte, kam ich nun doch ins Grübeln und schließlich erkannte ich bei meinen Mitschülern immer mehr Anzeichen wie Gewalt, Flüche und blöde Bemerkungen.

Ich sagte mir, dass sie ausgelost worden sein musste, genau wie die Prinzessin in der Legende. Wie verzweifelt waren die Bürger Silenas gewesen, als die Opferschafe für den Drachen knapp wurden und mit Menschen ergänzt werden mussten, so Fifty-Fifty: ein Schaf, ein Mensch. Sonderbar schien mir, dass die Legende so gar nichts von einem Schaf für die Prinzessin erzählte. Bald war ich mir jedoch sicher, dass es zwar nicht erwähnt, aber das edelste Lamm von allen war.

Für welche Leute sich unsere Lehrerin dagegen opferte, war mir zunächst etwas unklar, aber ihr Vater war vielleicht Präsident von Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern, Verlegern und Wirtschaftskapitänen. Wie verzweifelt musste er sein: seine Tochter Bestien ausgeliefert!

„So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich als einzige Ausnahme für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Die waren zwar zu 100 Prozent für den Hugo, aber ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe.

Und dann kam eben die Sache mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegengeblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rettungswagen. Sie hätten sie auf der Stelle beiseite geräumt. Wahrscheinlich erfand er noch etwas, weil ich mich gar so aufregte, denn als er mein empörtes Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: „Und ein belämmertes Schaf genannt.“

Dafür kratzte ich denen dann 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja freilich, aber für meine Dame ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich.

Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Das war für mich schlimmer als jedes belämmerte Schaf, denn eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Es war, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen ritterlichen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht war’s nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war. Das dauerte allerdings lange.

Aber ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Ach weißt du.… nein!


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

Die Behandlung

Sankt Georg und der Drache
Hl. Georg im Kampf mit dem Drachen (Paolo Ucello, Lizenz: PD)

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällts ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles vom Lesen, denn ich habs getan, als Einziger, freiwillig: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg“ und andere Wunder- und Martergeschichten. Damals war ich sehr engagiert. Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte um sie kämpfen und um ihretwillen leiden unter all dem Bösen und Blöden in unserer Hauptschule, denn dass es bei uns so zuginge, erzählten uns doch ständig die Lehrer. „So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe. Und dann kam eben das mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegen geblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rotkreuzwagen. Sie haben sie auf der Stelle beiseite geschoben und dabei gings halt etwas unritterlich zu. Vielleicht erfand er auch ein bisschen was, weil ich mich gar so aufregte. Danach kratzte ich denen deswegen 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja, freilich, aber für sie ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich. Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Eines wusste ich: Eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Ich fühlte mich betrogen und beschmutzt, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht wars nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war.

Ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Nein, wo denkst du hin? Bloß ein bisschen Smalltalk und die Geschichte ist doch wenigstens amüsant – jetzt im Rückblick. Oder?


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Hofer-Anhänger

Eine Diskussion im Wikipedia-Cafe zur österreichischen Bundespräsidentenwahl 2016. Die Nummern in den eckigen Klammern zeigen an, wer wem antwortet.

Österreichische Bundespräsidentenwahl zum xten

Hofer-Anhänger
Hofer.jpeg aus Wikimedia Commons. Fotograf: Ulrich prokop, CC-BY-4.0

[1] Diese Laster fahren zu Hunderten auf Österreichs Straßen. Hofer (Hofer ist der österreichische ALDI) hat zwar diese Beschriftungen bereits 2012 appliziert, also lange bevor Norbert Hofer als Kandidat aufgestellt wurde, aber in dieser sehr brisanten Zeit ist diese Namensgleichheit in meinen Augen äußerst problematisch. Ich habe Hofer angeschrieben und erhielt eine nichtssagende automatisierte Antwort der Pressestelle. Mich würde interessieren, ob Ihr meine Bedenken für überzogen hält, oder ob Ihr auch der Meinung seid, dass ein politisch neutrales Unternehmen mit einem intakten Gefühl für political correctness nicht für die Dauer des Wahlkampfes diese Werbeaufschriften überdecken müsste. Andererseits könnte man unterstellen, dass die durch die Namesgleichheit zufällig entstandene Werbewirksamkeit gewollt, zumindest aber wissend (ein Übeldenkender würde vermuten wohlwollend) hingenommen wird. up (Diskussion) 08:17, 20. Okt. 2016 (MESZ)

[2] Halte deine Bedenken nicht für überzogen: ABER diesen Bedenken muß sich allein die Firmenleitung stellen, denke ich. Hofer ist ein Allerweltsname, du kannst der Firma nicht verbieten, ihren Namen in ihrer Werbung zu verwenden. „Hofer Anhänger“ mag grenzwertig zweideutig sein, aber das wären andere Kombinationen auch. Außerdem: du magst einen Standard-Antwort bekommen haben, aber du weißt nicht, welche Reaktionen du firmenintern ausgelöst hast. —Maresa63 Talk 08:37, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[3] Hier ist die Wikipedia! Wir sollten uns zuvörderst über den fehlenden Bindestrich unterhalten! ;) Dumbox (Diskussion) 09:49, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[4] Genau, dafür gibt es ja schon den stehenden Begriff „Hofer-Anhänger-Leerzeichen“. Oder nein, das war ja Deppenleerzeichen. Aber egal, ist dasselbe ;-) —AMGA (d) 09:55, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[5] Also für mich ist das ein Anhänger aus Hof. —Digamma (Diskussion) 11:01, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[6] Firma Hofer (siehe Logo) aus Hof? (Welches eigentlich?) Na so ein Zufall. —AMGA (d) 11:23, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[7] Nein, das ist ein Anhänger aus Altenberge, Vreden, Gotha, Berlin, Toddin, Zaragoza (Spanien), Panevėžys (Litauen), St. Petersburg (Russland) oder (unwahrscheinlich) Wuhan (China), laut Wikipedia, Schmitz Cargobull. Grüße Dumbox (Diskussion) 11:46, 20. Okt. 2016 (MESZ)

[2] Mit dem „wohlwollend“ ist das so eine Sache. Man mag vermuten, dass unter ALDI/Hofer-Kunden der Anteil von FPÖ-Anhängern womöglich höher ist als in der Gesamtbevölkerung, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass so ein Unternehmen mit Leichtigkeit ca. 50% der Bevölkerung (in diesen brisanten Zeiten, wie du sagst) als potentielle Kunden abschreiben will. Wenn die Werbeabteilung halbwegs professionell arbeitet, hat sie entsprechende Zielgruppenbefragungen durchgeführt und sich dann zwischen Pest und Cholera (denn ein Übertünchen wäre ja durchaus auch als Statement zu verstehen) fürs Behalten entschieden. Grüße Dumbox (Diskussion) 10:04, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[3] Ich finde die Idee, dass sich eine Firma, die zufällig gleich heißt wie ein Politiker, sich deshalb umbenennen oder ihre Werbeslogans ändern sollte, doch für etwas lächerlich, zumal Hofer ja kein Hitler, Stalin, o.Ä. ist. —MrBurns (Diskussion) 12:14, 20. Okt. 2016 (MESZ) PS: außerdem denken die Leute, wenn sie den Supermarkt Hofer (oder einen LKW von denen) sehen wohl kaum an Norbert Hofer. Ansonsten ist der Hofer nach meinen Erfahrungen durchaus in allen sozialen Schichten beliebt, ich glaube also nicht, dass sich der durchschnittliche Hofer-Kunde sehr stark von der Durchschnittsbevölkerung im Einzugsgebiet der Filialen unterscheidet. Wenn gibts wahrscheinlich bei den Hofer-Kunden sogar weniger Hofer-Wähler als bei der gesamtösterreichischen Bevölkerung, weil Hofer eher im urbanen Bereich vertreten sind und dort wurde gemäß Nachwahlbefragungen bei der 1. Stichwahl mehrheitlich VdB gewählt. —MrBurns (Diskussion) 12:20, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[4] Falls der (über)nächste Spitzenkandidat einer Partei „Otto“ heißt, schreibt ihr dann auch das Versandhaus in Hamburg an, die sollen ihren Slogan „Otto find ich gut“ nicht mehr bringen? Gruenschuh (Diskussion) 15:11, 20. Okt. 2016 (MESZ)
[2] Oiso i hoab sehr gloacht! (Unpolitisch, versteht sich. Alles andere wäre ja doch zu sehr pc.) —Delabarquera (Diskussion) 12:23, 25. Okt. 2016 (MESZ)
[3] Es scheint nicht genug Proteste zu geben (warum auch), denn sonst hätte die Firmenleitung schon längst die Änderung – im KundenGeschäftsinteresse – veranlaßt. So wie sie es auch mit dem Duschbad mit der im Hintergrund abgebildeten Moschee (steht Morgenland für Entspannung, gar Endspannung?) tat. —Tommes  09:21, 4. Nov. 2016 (MEZ)


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Einleitende Bemerkung, Anpassungen:  Christoph Waghubinger / Café-Beitrag: siehe Signaturen

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