Archiv der Kategorie: Allgemein

Wir sehen uns

Light Colors
#056 – Light Colors aus Flickr, via Wikimedia Commons. Fotograf: Rodrigo Paredes, Lizenz: CC BY 2.0

Der Platz ist eine Bühne inmitten der Finsternis; sein Licht kommt von allen Seiten, aber ich erkenne keine Lichtquelle. Eine schmächtige, hochgeschossene Gestalt steht neben mir; sie wirkt auf den ersten Blick sehr jung, aber ihr Gesicht und besonders die Augen passen nicht dazu: Es ist, als wären mehrere Gesichter ineinanderkopiert und als sie zu sprechen beginnt, klingt es, als wäre aus ebenso vielen Stimmen eine neue zusammengemischt:

„Ich zeig dir ein Spiel, das ist wie ein Gedicht.“

Ich sehe mich um, dann ärgere ich mich: „Dieses Ringelspiel? Sind wir nicht zu alt für so was?“ Im nächsten Augenblick sehe ich in ihre alterslosen Augen und bereue meine Bemerkung – woran hatte ich mich einen Augenblick erinnert? Ein Mädchen im blauen Kleid läuft vorbei und springt bei voller Fahrt auf einen Hirsch – ein süßer Duft bleibt zurück. Ein uralter Herr reitet auf einem weißen Elefanten und rudert mit den Armen.

„Es ist wie ein Gedicht, aber es taugt nichts“, lächelt die Gestalt, während eine Rotte bunter Pferde mit jungen Frauen vorbeifliegt. Ein roter Löwe mit einem Jungen rast vorbei und hinterlässt einen Schwall mit scharfem Raubtiergeruch.

„Es dreht sich viel zu schnell und keiner steigt ab; sie fallen einfach runter, wie diese Frauen von den Pferden.“

„Oder der Herr vom Elefanten.“

Keines der Karusselltiere bleibt unbesetzt: von allen Seiten stürmen aus der Dunkelheit Menschen, besetzen die freien Plätze und zerfallen zu Nichts.

„Wie kann sich auch nur ein Kind auf so etwas einlassen?“

„Zu faul, zu blöd, zu feig zum Verwesen!“, schallt es vom Karussell, ohne dass klar wird, wer das gerufen hatte.

Die Gestalt wendet sich an mich und sieht in diesem Moment aus wie ein Priester oder Sozialarbeiter: „Was riefen sie dir eben zu? Was hörtest du? Sage es mir.“

„Das ist Irrsinn!“

„Dann erinnerst du dich.“

Das Mädchen von vorhin sitzt nicht mehr am Hirsch, ebenso wenig wie der Junge am Löwen, bloß ein Stück Stoff ihres Kleides flattert im Geweih. Für kurze Zeit scheint das schnell drehende Spiel in einen blauen Schleier getaucht; der süße Duft und der scharfe Raubtiergestank haben sich vermengt. Dann wird es düster und kälter und kälter bis sich das Karussell in eine drehende Eisskulptur verwandelt. Bald danach ist es stockdunkel. Ich richte eine Taschenlampe darauf, aber erkenne im fahlen Licht nichts außer meinem Atem.

„Wir verbrennen, wir verbrennen!“, rufen die Fahrgäste.

„Das ist kein Gedicht mehr. Gib sie mir“, höre ich die Gestalt; im nächsten Augenblick entgleitet mir die Lampe. In ihrer Hand wandelt sich das Leuchtdiodenlicht in das einer Sonne; als ihre Strahlen das Karussell treffen, verdampft das Eis, dann fängt die hölzerne Konstruktion Feuer, dann die Pferde, der Löwe, der Hirsch und der weiße Elefant. Die Fahrgäste gleichen lebenden Fackeln aber brüllen: „Wir erfrieren!“

Als ich aufschrecke, meine ich immer noch das Geschrei zu hören und das lichterloh brennende Spiel zu sehen. Ich atme auf: „Vorbei. Der Traum ist endlich vorbei“.

„Wir sehen uns!“, ertönt die Stimme.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

 

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Sportverschwörung

Dopingspritze
Syringe_Needle_IV.jpg aus Wikimedia Commons, Foto: Psychonaught, Lizenz: PD

Neulich im Wikipedia-Café: Ein User sorgte sich um das Leben italienischer Fußballspieler: Dopen die so viel oder begehen die Selbstmord oder hat sogar die Wettmafia ihre Hände im Spiel? Daraus ergab sich eine nicht immer ernst gemeinte Diskussion, die im folgenden satirischen Beitrag gipfelte:

Fakt ist: jedesmal, wenn so ein rollender Medizinkoffer des Dopings überführt wurde, frage ich mich, was der denn falsch gemacht hat, dass Pumidas, Assich, oder gar Like(!) ihn nicht mehr mögen. War es, dass er sich hat erwischen lassen? Oder Schlimmeres, und SIE haben erst dafür gesorgt, dass er überhaupt erwischt werden konnte? Nandrolon in die Zahnpasta, und plötzlich war es das. Weiß man ja. Vielleicht reicht der Arm der Sportartikelriesen aber schon viel weiter, es sollen ja schon Sportler erwischt worden sein, die **angeboren** über zu viele rote Blutkörperchen verfügen. Ich sage euch: da wird gezüchtet! Was sagt das dann über das Sportherz aus, das ich wegen seines absurd widersprüchlichen Inhalts erneut verlinke? Angeboren gesund oder angeboren krank? Und wieso müssen die dann alle so viele (qua ordre de Mufti selbstverständlich genehmigte) Medikamente schlucken, gegen Atemnot? Und finden das auch noch völlig normal. Darüber kann ich als Teilzeitasthmathiker nur lachen! Biathlet hätte ich werden sollen. Oder am besten gleich Norweger! Der Autor gibt zu, dass ihm als Kind im Jahr 1984 angesichts der in der Gluthitze der Stadt der Engel keuchenden, aufgebenden Marathonläufer der Gedanke entwich, erschießen sei auch eine Lösung.


Hauptbeitrag: Janka im Wikipedia-Cafe (Abschnitt: Die große Sportverschwörung), Einleitung und Auswahl: Christoph Waghubinger, Zitat im ersten Absatz: Leiflive, Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Der Fuchsbalg

Polarfuchs
Augen eines Polarfuchses. Detail von File:20121110-20121110-IMG 6521.JPG. Foto: Marc Steensma, Bearbeitung (Ausschnitt, gedreht): Christoph Waghubinger, CC BY-SA 3.0

Der Zeuge fragt: „Was halten Sie von meiner blauen Vision?“
„Das gibt Ärger“, antwortet der Berichterstatter, „Es wird heißen, Sie erzählen gefährliches Zeug.“
„Ich weiß. Das ist mein Risiko.“
„Aber wozu das alles? Mann, Sie waren tot!“

Eine Pause tritt ein. Um den Hotelblock zieht seit kurzem ein Demonstrationszug mit wehenden Fahnen, Spruchbändern, Tröten, Schellen, Trillerpfeifen und Gebrüll im Diskant: „Blau ist keine Farbe!“ Beinahe alle Hotelgäste und alles Personal haben sich ihm angeschlossen.

Der Zeuge nimmt den Faden wieder auf: „So sagt man, aber ist das bedeutsam?“

„Natürlich! Was denken Sie, was in so einem Fall normalerweise kommt? Na? Eine Nahtoderfahrung mit allem Drumherum! So mit Schweben, Tunnel, Himmelslicht und lauter lieben Verstorbenen. Das ganze Programm halt mit Glücksgefühl und Geborgenheit, aber doch keine Träumerei mit ’ner Zombieparade. Himmel, Arsch und Zwirn, die Menschen sind doch aufgeklärt!“

„Also gut, erfinden Sie etwas Passendes für die aufgeklärten Menschen und ich sage Ja und Amen.“

Der Berichterstatter steht ruckartig auf: „Ihnen fehlt die Ernsthaftigkeit. Nun gut, dann eben nicht. Schönen Tag noch.“

„Blau ist ein Verbrechen!“, kreischt eine sich überschlagende Stimme in diesem Moment.

Das ist zu viel: „Nein, warten Sie. Alles Unsinn!“

„Ja, Unsinn“, erwidert der Berichterstatter, dann fällt die Tür hinter ihm zu. Der Zeuge verstopft seine Ohren und erinnert sich an seine Vision mit der blauen Sonne. Ein Glas, unter ihrem Licht zerbrochen, setzte sich von selbst schöner neu zusammen,  gefallene Wirtschaftswälder standen als Märchenwälder auf, ätzende Lügen wandelten sich in tiefsinnige Wahrheiten und er fühlte sich, als wäre er aus einem einzigen Stück. Fast alles war wunderbar, allerdings gab es da noch diese Demonstranten, die wie lebende Tote eine lange Straße hinabzogen. Einer trat einen gelblichen Fuchsbalg vor sich her und brach entkräftet zusammen, während sich der Balg erhob, straffte, und als strahlender weißer Fuchs davon sprang.

In diesem Augenblick kracht ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe. Der Zeuge erhebt sich und wundert sich nicht über seine Ruhe, sondern über den Werfer, der es offenbar vier Stockwerke hinauf geschafft hatte. Durch das zerstörte Fenster weht ein betäubender Schwall Hitze. Der Stein ist in Spiegelschrift beschrieben und fühlt sich an wie Seife. Bevor er die Aufschrift entziffern kann, gleitet ihm der Stein aus der Hand; er hört keinen Aufschlag und findet ihn nicht wieder. Das Fenster ist wiederum unversehrt. Er ärgert sich über sich selbst: „Was kümmere ich mich?“ Der Flur ist leer, aber dafür schlagen ihm dort Gesänge entgegen. Er sieht aus einem Fenster und traut seinen Augen nicht: Die Demonstration ist plötzlich eine Art Karnevalsumzug mit einem Themenwagen, auf dem ein buntes Raumschiff steht; vom Hotelzimmer aus gesehen lärmt dagegen immer noch die alte Demonstration mit Tröten, Schellen, Pfeifen und dem Geschrei im Diskant.

„Es wird sich aufklären, wenn ich das Hotel verlasse.“ Er drückt einen Fahrstuhlknopf und die Tür gleitet beiseite, aber einen Sekundenbruchteil später rast die Kabine in den Keller und zerschellt. Der Zeuge bleibt wie betäubt stehen und schließt die Augen; als er sie wieder öffnet, steht die Kabine an ihrem Platz, dafür ertönen nun Geschrei und Gesänge gleichzeitig. Er eilt die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Hier ist nicht mehr taghell und sommerlich, sondern kalt und dunkel wie an einem Wintermorgen. Mattes Licht erhellt das leere Foyer und hinter der Glasfront stehen die Demonstranten diesmal etwas entfernt im Halbkreis als stumme reglose dunkle Menge. Irgendetwas muss sie zurückdrängen. Er fasst sich ein Herz und tritt durch das Portal, aber der Anblick bleibt gleich, erst als er zu seinen Füßen blickt, sieht er den schneeweißen, strahlenden Fuchs.

Hinter dem Zeugen kracht die Decke des Foyers hinab, doch als er sich umdreht ist auch dies ungeschehen. Der Fuchs wendet sich ab und jagt auf die eben noch erstarrte Menge zu, die ruckartig zurückweicht und eine breite Gasse bildet. Nun geht die blendende blaue Sonne über den Dächern auf. Dem Zeugen wird erst eiskalt, dann fühlt er einen brennenden Schmerz als würde er in zehntausend Stücke gerissen und besser wieder zusammengefügt.

„Teufel, großartig!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

Gleichgang

Vier Metronome synchronisieren sich gegenseitig.


wesphysdemo: Wesphysdemo – Synchronized Metronomes.webm.  Übernahme von YouTube nach Wikimedia Commons   (3A70.23 Synchronized Metronomes)
Christoph Waghubinger: Kommentar.  Screenshot aus Video erstellt (Ausschnitt)
Lizenz: CC BY 3.0

Mein Internet der Dinge

Blaues Licht
Blue Light (37874749076).jpg von XoMEoX auf Flickr (via Wikimedia Commons). Lizenz: CC BY 2.0

Eine Zukunftsvision aus dem Wikipedia-Café:

Was für ein Morgen! Mein digitaler Assistent James (ich mag oldschool, sagt mein Psychoprofil) hat mich unmissverständlich aufgefordert, jetzt endlich mein Bett zu verlassen, sonst bekomme er einen Absturz (er zieht immer alles ins Persönliche!). Also ab ins Bad, Licht an! – Es bleibt dunkel. Fehlermeldung am Display: „Nicht autorisierter Austausch einer Leuchte. Bitte setzen Sie sich mit der Service-Hotline in Verbindung.“ Ich hätte wohl das Kleingedruckte lesen sollen. Nun gut, dann im Dunkeln geduscht. Gottlob hat mein findiger Neffe den Sicherheitshelligkeitssensor deaktiviert; ich mag es gerne schummrig, auch wenn meine Unfallversicherung das anders sieht. Anziehen – der feine englische Anzug blinkt: „Security alert. Zipper may open by itself.“ Dann eben doch die Jeans, die blinkt nicht. Jetzt Kaffee! „Mach mir Espresso!“ herrsche ich die Maschine an und hole derweil die Aufbackbrötchen aus der Tiefkühle. Ich schiebe sie in den Smartofen und stecke den Chip ein: „Fehler: Haltbarkeitsdatum überschritten und/oder Kühlkette unterbrochen.“ Stimmt, ich hätte nach dem Einkauf gestern keinen Umweg übers Sportstudio machen sollen, auch wenn meine Kasse auf regelmäßige Leibesübungen besteht. Also nur Kaffee. Kaffee? „Auftrag abgebrochen, Bluthochdruckverdacht.“ Aber ich war doch letzte Woche beim Arzt? Er hat anscheinend schon wieder vergessen, die Freigabe an meine Kaffeemaschine zu schicken. Ohne Frühstück runter und aufs Fahrrad. Der Lenker ist blockiert: „Warte auf Helmsignal.“ Ich schlage den Helm zweimal kräftig gegen die Hauswand, dann tut es der Chip manchmal wieder. Aber da meldet sich auch schon auf meiner Smartbrille der Personal Computer meines Arbeitgebers: Laut GPS-Ortung sei es unwahrscheinlich, dass ich noch pünktlich zur Arbeit komme. Da ich etwas über dem Plansoll liege, schlägt er mir einen unbezahlten Urlaubstag vor. Eigentlich keine schlechte Idee. Ich wollte schon längst mal wieder gemütlich im Online-Elektromarkt stöbern; die neue Generation der interaktiven Fernseher mit 360°-Kamera und Geruchssensor soll ja unglaubliche Sachen können …


Beitrag: Dumbox im Wikipedia-Café. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Nebenbemerkung entfernt, neue Einleitung, Typos korrigiert). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Dichter stand im Garten

Rebblatt im Gegenlicht
Kaiserstuhl – Herbst – Rebblatt im Gegenlicht.jpg aus Wikimedia-Commons via Flickr. Fotograf: kvd. Lizenz: CC BY 2.0

Ein herbstliches Gedicht (frei nach Heinrich Heine).

Der Dichter stand im Garten
Und war nicht dumm noch stumm.
Er konnt es kaum erwarten:
Das Äquinoktium.

Herr Dichter! Sie Spätzünder
Was regen Sie sich auf?
Lenz, Sommer, Herbst und Winter
Das ist der Jahreslauf.


Gedicht: Geoz im Wikipedia-Café. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Neue Einleitung, Nebenbemerkungen entfernt). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das teure Schaf

Ich veröffentliche einige meiner Beiträge auch auf Leselupe.de. Ein dortiger Kommentar zu meiner Kurzgeschichte „Die Behandlung regte mich nun zu dieser Neufassung an.


Sankt-Georg-Altdorfer
Albrecht Altdorfer: Laubwald mit dem heiligen Georg, Lizenz: PD

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällt’s ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles nur vom Lesen: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg und andere Wunder- und Martergeschichten“. Damals war ich sehr engagiert.

Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte sie retten vor all dem Bösartigen und Blödsinnigen hier. Immerhin behaupteten die anderen Lehrer, dass wir Hauptschüler nun mal so wären und schließlich stand es sogar in der Zeitung: einem Weltblatt das unserer Deutschlehrer hin und wieder mitbrachte. Obwohl ich vorher noch nie irgendetwas gemerkt hatte, kam ich nun doch ins Grübeln und schließlich erkannte ich bei meinen Mitschülern immer mehr Anzeichen wie Gewalt, Flüche und blöde Bemerkungen.

Ich sagte mir, dass sie ausgelost worden sein musste, genau wie die Prinzessin in der Legende. Wie verzweifelt waren die Bürger Silenas gewesen, als die Opferschafe für den Drachen knapp wurden und mit Menschen ergänzt werden mussten, so Fifty-Fifty: ein Schaf, ein Mensch. Sonderbar schien mir, dass die Legende so gar nichts von einem Schaf für die Prinzessin erzählte. Bald war ich mir jedoch sicher, dass es zwar nicht erwähnt, aber das edelste Lamm von allen war.

Für welche Leute sich unsere Lehrerin dagegen opferte, war mir zunächst etwas unklar, aber ihr Vater war vielleicht Präsident von Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern, Verlegern und Wirtschaftskapitänen. Wie verzweifelt musste er sein: seine Tochter Bestien ausgeliefert!

„So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich als einzige Ausnahme für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Die waren zwar zu 100 Prozent für den Hugo, aber ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe.

Und dann kam eben die Sache mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegengeblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rettungswagen. Sie hätten sie auf der Stelle beiseite geräumt. Wahrscheinlich erfand er noch etwas, weil ich mich gar so aufregte, denn als er mein empörtes Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: „Und ein belämmertes Schaf genannt.“

Dafür kratzte ich denen dann 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja freilich, aber für meine Dame ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich.

Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Das war für mich schlimmer als jedes belämmerte Schaf, denn eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Es war, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen ritterlichen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht war’s nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war. Das dauerte allerdings lange.

Aber ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Ach weißt du.… nein!


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT