Begeisterung im Aquarium

Sardellenschwarm
Acciughe 2.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Etrusko25, Lizenz: PD

Einer ruft an:

„ … mein Kumpel war in einem Vortrag einer ‚wahnsinnig wichtigen Persönlichkeit‘, das konnte er nicht oft genug betonen, und die sprach über irgendwas extrem Umstrittenes, dabei zuerst sehr würdig und bedächtig, bis es zur Katastrophe kam: Alles endete mit entsetzlichem Krach, Deckenplatten, Lampen und Rohre fielen runter und irgendetwas setzte sämtliche Smartphones matt. Er rief mich gleich danach aus einer Telefonzelle an, aber die Verbindung war noch mieser als jetzt.
_
Bei diesem Vortrag muss es zugegangen sein, wie im Bermudadreieck, dabei hätte das wohl ein Top-Event werden sollen, denn wegen irgendwem wird auch eine uralte Mehrzweckhalle am Land nicht einfach so umbenannt. Geworden ist es nichts, sonst wüsste ich wenigstens, wie diese Persönlichkeit heißt. Mein Kumpel hatte ein paar Deckenplatten auf den Kopf bekommen und war völlig verwirrt, mit Ohrensausen und sehr undeutlicher Aussprache. Heute gehts ihm wieder gut, aber er kann, oder will, sich an nichts mehr erinnern und der Rest der Zuhörer auch. Dabei soll alles so positiv begonnen haben. Diese Persönlichkeit war fast fertig und alles wartete auf die feierliche Umbenennung, als es geschah: ‚Als hätt sich die Luft geweigert Schall zu leiten – wenigstens weiter als ’n Meter‘, ja, das sagte mein Kumpel damals. Nein, an der Akustik lag es nicht, denn wenigstens die ist noch in Ordnung, aber stell dir vor: Da spricht so jemand, alles scheint unter Dach und Fach, und dann plötzlich: Ton weg. Das Ganze soll wie im Aquarium gewirkt haben: oben ein großer Karpfen und unten nichts als lauter Sardinen und Sardellen. Zuerst glaubte ja jeder, die Verstärkeranlage wär abgesoffen, dann die eigenen Ohren hin und schließlich improvisierte man. Ja, wenn so was öfter passieren würde, gäb’s wahnsinnig ausgefeilte Methoden, um das auszugleichen, aber so kam‘s halt zum Nächstliegenden: Jeder sagte dem gerade Nächststehenden das Wichtigste ein, und der dann wieder, bis es durch war, denn der Eintritt war nicht gerade billig. Zuerst soll auch hier alles erwartbar gewesen sein: Die ersten nickten, die nächsten zuckten mit den Schultern und danach wurden Köpfe geschüttelt, Augen verdreht und Vögel gezeigt, aber gleich danach kam’s: frenetischer Jubel wie bei einem Filmstar mit hochgereckten Armen, Händen in Klatschbewegung und lautlos auf- und zuklappenden Mündern. Es dauerte eine Weile, bis jemand dem Redner steckte, was da unten ankam, und der soll ein beeindruckendes Farbenspiel gezeigt haben: vom totenbleichen Höhlenkrebs, bis hin zur blutroten Koralle. Dann sagte er sehr laut seine Meinung, aber genau in diesem Augenblick setzte der Ton mit vielfacher Stärke ein und davon fiel die abgehängte Decke runter.
_
Daran erinnert sich keiner mehr. Die Zuhörer stünden ja sonst da wie die Deppen und dieser Mensch könnte nie wieder würdig und bedächtig über irgendwas extrem Umstrittenes sprechen – dabei ist gerade heute so was wichtig wie nie.
_
Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Echo!

Echo Icon
Vorlage:  Sound icon.png von Nataraja, Bearbeitung (gespiegelt und dupliziert): Christoph Waghubinger. CC BY-SA 3.0

„Servus! Ich rufe an, weil unlängst ein Landschaftsakustiker bei mir war – nein, nein, Akustiker und nicht Architekt. Ja, ich kenn auch nicht so einen Beruf, aber vielleicht hab ich mich auch verhört – von der Diskussion mit dem hab ich Ohrensausen. Der Name? Ja, der ist was Komisches, auf seiner Visitenkarte sind so viele Doktor- und Ehrentitel abgedruckt, dass Name und Beruf völlig verschütt gegangen sind … der heißt womöglich Kuckuckinger oder … wurscht, ich sitz grad beim HNO-Arzt und bevor ich da drankomme, erkläre ich dir alles mal, bevor dieser Mensch dich auch noch heimsucht. Also, der wirkt wie’n durchgedrehter Erfinder oder verrückter Wissenschaftler. Was? Na, hör mal, du wirst doch solche Typen kennen: zerstörte Frisur, fanatischer Blick, irres Gekicher – richtig auffallend wurde das erst nach meinen konstruktiven Vorschlägen, aber bei dem was heutzutage alles herumläuft, achte ich nicht immer auf jede Kleinigkeit. Er will jedenfalls die Verbesserung der Landschaft, aber nicht optisch, sondern akustisch, ich sag bloß: Echo!

Seine Kurzfassung lautet: ‚Wie hört sich das denn an bei euch, was sollen sich die kultivierten Menschen auf der ganzen Welt da denken?‘, und die lange Fassung: ‚Eigentlich ist euer Echo ja eine fröhliche, oder höchstens etwas alberne Sache: Man stellt sich irgendwo hin, ruft, jubelt, doziert oder singt, dann schallt völlig verkehrter Unfug zurück und gut ist’s. Ja, so wäre es, wenn ihr ganz allein auf der Welt wärt, aber es gibt weltweit ziemlich viele Persönlichkeiten, die aus Prinzip niemals öffentlich Unfug reden: Mahner und Warner beispielsweise, das sind oft mehrfache Ehrendoktoren und -professoren und die meisten stammen auch nicht aus Hinterwäldern und Schluchten, sondern aus hochzivilisierten Nationen. Wilde, unberechenbare Echos, wie eure, wirken auf diese Leute wie akustische Geisterbahnfahrten. Man stelle sich vor, so eine Persönlichkeit wird bei einer Schluchtwaldwanderung etwas lauter und ihr steht dann da als Land, in dem es so behämmert aus dem Schluchtwald schallt. Deshalb müsst ihr das Echo ändern, außer freilich, ihr wollt weltweit als Menschenfresser dastehen. Das nötige Roden der Wälder und Ausfräsen der Schluchten wäre zwar teuer, aber machbar, wenn diese verfluchten Naturschützer nicht so kleinkariert auf ihren natürlich-romantischen Urzustand bestünden und mit den Denkmalschützern sieht es auch düster aus, denn die uralten Gemäuer von vor Columbus verursachen von innen und außen oft einen ziemlich mittelalterlichen Nachhall. Gerade dieses alte Zeug bekommt man leider kaum weggerissen. Es braucht endlich ein Bewusstsein, dass opportune Akustik stets die gesamte Umwelt umfasst und nicht nur ein paar Kirchenschiffe, Studios oder Konzertsäle.‘ Tja, soweit der Experte.

Jetzt kommen meine konstruktiven Vorschläge: Natürlich müssen wir auf höfliche Echos achten, alleine schon wegen der ganzen reichen Investoren – es sind nicht immer nur die Mahner und die Warner. Allerdings können wir nicht mal sagen, was die in ein paar Jahren hören möchten und was nicht. Es ist möglich das Problem flexibler und vor allem kostengünstiger anzugehen, indem wir die paar nun wirklich wichtigen Persönlichkeiten bei der Einreise abfangen und in schalldichten Fahrzeugen zu Orten mit fix installierten Echo-Anlagen verbringen. In komplexen Fällen echoten spezielle Echo-Fachkräfte. Alte Gemäuer werden bei sehr hohem Besuch außen und innen mit Stoffbahnen verhüllt, die den mittelalterlichen Nachhall abdämpfen; der Anblick von so was lässt sich dann sogar als Kunstwerk vermarkten. An die Touristen vergeben wir Headsets und zusammen mit einer Handy-App werden dann aus Rülpsern und Flüchen Oh-Yeahs und Tiroler Jodler.

Mensch, gab das ein Donnerwetter: Ich solle endlich begreifen, dass er keine Symptombekämpfung plane, sondern die kulturelle und zivilisatorische Höherentwicklung des Landes und dabei keinerlei Verunglimpfungen dulde. Mir sei trotzdem gedankt, denn er wisse nun, dass er auch die dümmlichen Eingeborenen mitzubehandeln habe. Er sagte tatsächlich ‚Eingeborene‘ und nicht ‚Einheimische‘, aber das passt ja besser zu den Schluchten und den Menschenfressern. Ich frage mich, woher er selber abstammen will, obwohl: Bekloppte sehen überall gleich aus. Warum ich so laut werde? Ich hör mich selber kaum vor lauter Ohrensausen! Moment, da kommt die Arzthelferin. Wie? Telefonieren ist hier strengstens verboten? Ja, sagen Sie mir das doch bitteschön vorher. Tut mir leid, ich muss jetzt wirklich auflegen, aber denk dran: wenn dieser Typ bei dir auftaucht, dann lieber nicht zuhören, sondern sofort rausschmeißen und zwar hochkant. Servus!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Sämtliche Konsequenzen

Notausgang
ISO 7010 E002 + arrow 1.svg aus Wikimedia-Commons. PD, amtliches Werk

Das Sommerfest der Riesengaudi in Bad Kleingroßkirchen war „ein Riesenerfolg“, berichtete die Gratiszeitung Schmalzviertel News (SVN). Besonders die einheimische Band „Australian Cockatoos“ habe großen Anteil gehabt. Der einzige gravierende Zwischenfall sei der Auftritt eines randalierenden Betrunkenen gewesen, denn dieser habe eine zufällig anwesende, große Persönlichkeit von einer Rede abgehalten. Die Band beruhigte die Lage zwar durch ihr neuerliches Aufspielen, aber der Vorfall sei für die SVN als Veranstalterin, sowie die Gemeinde äußerst peinlich. Es werde intensiv nachgeforscht. Soweit das Blatt.

Alles begann mit einer Durchsage während einer Konzertpause: „Wie wir eben erfahren, ist eine preisgekrönte Persönlichkeit im Festzelt anwesend. Da die Telefonverbindung schlecht ist wissen wir leider noch nichts Genaueres, aber bemühen uns weiter. Die Persönlichkeit wird inzwischen für einige Worte auf die Bühne gebeten.“

Der angegraute, bereits ziemlich betrunkene Genforscher schrak aus dem Halbschlaf auf; er hatte mit fast allem gerechnet, aber nicht damit, hier gefunden zu werden. Er entzündete eine Zigarette, die er, als er keinen Aschenbecher fand, in seinem Plastik-Bierbecher ausdrückte. Noch hätte er sich entfernen können, aber die zahlreichen Biere entfalteten ihre Wirkung: Er beschloss sich nicht zu drücken, sondern auch unter diesen widrigen Umständen seiner moralischen Verpflichtung als Forscherpersönlichkeit nachzukommen. Bald stand er mit dem löchrigen Bierbecher auf der Bühne und hatte vergessen, was er sagen wollte. Der Schweiß brach ihm aus, aber aus seiner Hemdtasche fischte er statt einer Packung Taschentücher eine ausgelaufene Joghurtflasche. Als er sich mit dem Ärmel über die Stirn fuhr, warf er, begleitet von donnerartigem Verstärkerlärm, den Ständer samt Mikrofon von der Bühne. Von unten schallten Pfiffe und Buhrufe; Bierbecher, Hühnerknochen und Rauchen-verboten-Schildchen flogen herauf. Der Forscher sah nun zwei auffällig stämmige Gestalten auf sich zukommen. Urplötzlich nüchtern geworden, sprang er von der Bühne und verließ das Festzelt. Gleich danach setzte wieder laute Musik ein.

Der Bericht schloss mit: „Ein besonderer Dank gilt der Band für ihre Geistesgegenwart! Bei der noch unbekannten Persönlichkeit entschuldigen wir uns und laden sie herzlichst zu unserem ‚Herbstfest gegen Gentechnik‘ ein. Um Bedenken ihrerseits endgültig auszuräumen: Das betrunkene Subjekt wird, erst einmal gefunden, sämtliche Konsequenzen tragen.“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Blog für freie Inhalte