Schlagwort-Archive: Satire

Sämtliche Konsequenzen

Notausgang
ISO 7010 E002 + arrow 1.svg aus Wikimedia-Commons. PD, amtliches Werk

Das Sommerfest der Riesengaudi in Bad Kleingroßkirchen war „ein Riesenerfolg“, berichtete die Gratiszeitung Schmalzviertel News (SVN). Besonders die einheimische Band „Australian Cockatoos“ habe großen Anteil gehabt. Der einzige gravierende Zwischenfall sei der Auftritt eines randalierenden Betrunkenen gewesen, denn dieser habe eine zufällig anwesende, große Persönlichkeit von einer Rede abgehalten. Die Band beruhigte die Lage zwar durch ihr neuerliches Aufspielen, aber der Vorfall sei für die SVN als Veranstalterin, sowie die Gemeinde äußerst peinlich. Es werde intensiv nachgeforscht. Soweit das Blatt.

Alles begann mit einer Durchsage während einer Konzertpause: „Wie wir eben erfahren, ist eine preisgekrönte Persönlichkeit im Festzelt anwesend. Da die Telefonverbindung schlecht ist wissen wir leider noch nichts Genaueres, aber bemühen uns weiter. Die Persönlichkeit wird für einige Worte auf die Bühne gebeten.“

Der angegraute, bereits ziemlich betrunkene Genforscher schrak aus dem Halbschlaf auf; er hatte mit fast allem gerechnet, aber nicht damit, hier gefunden zu werden. Er entzündete eine Zigarette, die er, als er keinen Aschenbecher fand, in seinem Plastik-Bierbecher ausdrückte. Noch hätte er sich entfernen können, aber die zahlreichen Biere entfalteten ihre Wirkung: Er beschloss sich nicht zu drücken, sondern auch unter diesen widrigen Umständen seiner moralischen Verpflichtung als Forscherpersönlichkeit nachzukommen. Bald stand er mit dem löchrigen Bierbecher auf der Bühne und hatte vergessen, was er sagen wollte. Der Schweiß brach ihm aus, aber aus seiner Hemdtasche fischte er statt einer Packung Taschentücher eine ausgelaufene Joghurtflasche. Als er sich mit dem Ärmel über die Stirn fuhr, warf er, begleitet von donnerartigem Verstärkerlärm, den Ständer samt Mikrofon von der Bühne. Von unten schallten Pfiffe und Buhrufe; Bierbecher, Hühnerknochen und Rauchen-verboten-Schildchen flogen herauf. Der Forscher sah nun zwei auffällig stämmige Gestalten auf sich zukommen. Urplötzlich nüchtern geworden, sprang er von der Bühne und verließ das Festzelt. Gleich danach setzte wieder laute Musik ein.

Der Bericht schloss mit: „Ein besonderer Dank gilt der Band für ihre Geistesgegenwart! Bei der unbekannten Persönlichkeit entschuldigen wir uns und laden sie herzlichst zu unserem Bio-Herbstfest ein. Um Bedenken ihrerseits endgültig auszuräumen: Das betrunkene Subjekt wird, erst einmal gefunden, sämtliche Konsequenzen tragen.“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Werbeanzeigen

Blöde Ratte

Blitz
Lightning (3761397491).jpg aus Wiki-Commons via Flickr. Foto: John Fowler, CC BY 2.0

Die Maus war wütend: „Sie Lümmel, Rüpel, Wilder! Ich verbitte mir ausdrücklich die Bemerkung ‚Blöde Ratte‘! Wo sind wir denn, dass es nicht erlaubt sein soll, nach dem Sinn Ihrer armseligen Existenz zu fragen? Ein Kampfroboter namens ‚Liquidator‘, Himmel! Es war richtig, Sie auf den Speicher zu verbringen und Ihr Konstrukteur ist deswegen weder ein ‚armer Vollidiot‘, wie Sie sich auszudrücken pflegen, noch gehört er einer ‚Trottelfamile‘ an. Bedenken Sie nur Ihre katastrophalen pädagogischen Auswirkungen!“

Die Maus hielt inne, um Atem zu holen und fügte danach an: „Überdies lautet mein Name selbstverständlich nicht ‚Blöde Ratte‘, sondern Theodora Baronesse von Hochsülz. Also, was haben Sie zu sagen? Ich warte!“

Durch das Dachlukenfenster fiel ein Lichtstahl der Abendsonne auf die hoch aufgerichtete Maus. Diese verschränkte ihre Vorderbeine vor der Brust und ihre rechte Hinterpfote klopfte nervös auf den Boden. Da der Roboter nicht mehr antwortete, entfernte sie sich und kündigte an, die Frage morgen erneut zu stellen. Dies wiederholte sich, bis sie in eine Lebendfalle geriet und in einem nahen Waldstück ausgewildert wurde. Obwohl sie der Roboter nie anders als „Blöde Ratte“ genannt hatte, fühlte er sich nun doch einsam, denn neben ihm stand nichts als ein großer Karton mit Einzelteilen übel zugerichteter Teddybären und allerlei anderem Stoffgetier: da waren einzelne zerfledderte Köpfe, Arme, Glas- sowie Knopfaugen, einzelne Ohren, Pfoten und Schnauzen und es war still wie auf einem Friedhof. Nur der Roboter war noch in einem Stück, denn er war eben ein intelligentes Spielzeugwaffensystem mit selbstständiger Zielerfassung und anschließender Liquidation. Sein Schöpfer, ein Ingenieur und Bombenbauer, hatte ihn in einer seiner, wie er sagte, Sternstunden, für den Nachwuchs konstruiert. Dies fand auch Niederschlag im Namen: „Liquidator, Modell Sternstunde (S)“. Eines Tages allerdings, die Familie befand sich eben auf einem abhärtenden Survival-Trip im Hochgebirge, traf alle miteinander ein Blitz. Seitdem waren sie glühende – und anfangs auch stark rauchende – Pazifisten, der Roboter aber fand sich als gefährliche Altlast am Dachboden wieder.

Einige Zeit nach dem Verschwinden der Maus zog die gesamte Familie in einer Art weihevollen Prozession auf den Dachboden. Der nun friedfertige Nachwuchs beweinte die von ihm zerstörten Stofftiere und den Vater ergriff beim Anblick des „Liquidator, Modell Sternstunde (S)“ tiefster Zorn. Der Roboter hatte eben mit seiner Existenz abgeschlossen, als er eine gefühlvolle Frauenstimme hörte: „Ach, du bist doch so begabt – bau dieses hässliche Ding doch um in etwas Schönes, Nützliches.“ Dann wurde es schwarz um ihn, tiefschwarz. Als er wieder zu sich kam, fand er sich im Bastelkeller wieder, der ihm wie Frankensteins Werkstatt oder eine Abdeckerei erschien. Er hieß nun nicht mehr Liquidator, sondern „Erzählbär“, ebenfalls „Modell Sternstunde“. Dazu passend fühlte er sich nun, wenigstens am Kopf und an den Beinen, äußerst knuffig und streichelweich, wenn auch nur unzureichend austariert. Warum, konnte er bei einem Blick in den Werkstattspiegel feststellen: Sein flauschiger weißer Teddybärenkopf war mit je einem blauen und einem grünen Auge, einer angenähten riesigen Hundeschnauze, sowie unterschiedlich großen Ohren versehen. Der braune Rumpf war ziemlich hart und borstig wie eine Wurzelbürste, während die samtigen Beine und Pfoten goldig schimmerten. Kurz gesagt: Sein Roboter-Innenleben bildete mit den Plüschtier-Einzelteilen aus dem Karton nun ein „intelligentes Erzählsystem“ mit gewaltfreien Märchen, sowie Empathie fördernden Alltags- und Umweltgeschichten. Er murmelte tief betroffen: „Ach, du Scheiße …“

Bei seinen häufigen Einsätzen im Kinderzimmer ließ er die Programme meist automatisch durchlaufen und beschäftige sich innerlich mit gänzlich anderen Dingen. Es war allerdings für ihn schwierig, dabei die Riesenschnaunzenbewegungen einigermaßen synchron zu halten; er war ohnehin schon genug damit beschäftigt, nicht ständig auf selbige zu fallen. Ein weiteres Problem waren die nötigen Voreinstellungen: Der Erzählton „Mahnender Großvater“ war bei lustigen Geschichten und Unsinnsgedichten zwar für Lacher gut, aber natürlich unpassend – unangenehmer war die versehentliche Auswahl des Tones „Fröhlicher Clown“ bei ernsthaften bis tieftraurigen Geschichten. Es konnte auch geschehen, dass ein gewaltfreies Märchen plötzlich von einem blechernen „Muss liquidieren!“ unterbrochen wurde.

Statt der vorherigen Mignonzellen (AA) hatte er nun den Akku eines uralten Bohrhammers verbaut, der allerdings technisch angepasst war; so durchzuckten ihn beim Aufladen mehr oder weniger starke Stromstöße. Dies geschah oft während einer Blitzladung oder einer besonderes langen Ladesession für den extrem anstrengenden manuellen Erzählmodus, den er manchmal wählte, um die oben erwähnten Probleme zu vermeiden. Einmal vergaß er jedoch und erzählte unvorsichtigerweise, nur halbvoll, manuell ein gewaltfreies Märchen, in dem Rotkäppchen, der Wolf, die Großmutter, sowie der Jäger Kakao tranken, Gugelhupf und Pfannkuchen aßen und gemeinsam einen Aufruf zu Frieden, Toleranz und Mitmenschlichkeit verfassten. Hier musste er die Lautstärke erhöhen, da das Froschgequake aus dem Garten ohrenbetäubend war: Die Mutter hatte das Fenster geöffnet um die Geräusche und Gerüche der Natur hereinzulassen. Der Bär konnte seine Funktionen konfigurieren, aber das Menü für das Ausschalten der Geruchssensoren hatte er noch nicht gefunden. So verwirrte ihn der betäubende Fäulnisgeruch zusätzlich.

Am Ende fühlte er sich vollständig entladen und schloss sich mit letzter Kraft an die Station an. Nach einiger Zeit erwachte er von einem seltsamen Kribbeln an seiner rechten Hinterpfote: Es war die Maus Theodora Baronesse von Hochsülz, die aus dem Wald zurückgekehrt seinen Werdegang verfolgt hatte. Ein Strahl Mondlicht fiel auf ihr Haupt und sie sah beinahe aus, wie zuvor am Dachboden: „Ihre Hinwendung zur Literatur hat Ihnen gewiss wohlgetan, auch wenn Sie erst zu Ihren wahren Stärken finden müssen. Von Ihren anstrengenden Angewohnheiten und Vorlieben will ich schweigen. Was Ihren geschätzten Konstrukteur betrifft, so lehne ich noch heute strikt ab, ihn als ‚armen Vollidioten‘ zu bezeichnen. Ich bevorzuge ‚Mensch mit Entwicklungspotential.‘“

Bei den letzten Worten war dem Bären bereits seltsam zumute gewesen. Noch bevor er sich abschließen konnte, durchzuckte ihn ein heftiger Stromschlag und dieser schleuderte die Maus durch das offene Fenster direkt in den Froschtümpel. Genau in diesem Moment setzte das Gequake, das beinahe verstummt war, mit voller Lautstärke wieder ein. Nachdem der Bär zu Sinnen gekommen war, eilte er ans Fenster und sah, wie sich die Maus unter dem Protest der Frösche ans Ufer rettete. „Blöde Ratte“, dachte er und verriegelte das Fenster sorgfältig.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Sportverschwörung

Dopingspritze
Syringe_Needle_IV.jpg aus Wikimedia Commons, Foto: Psychonaught, Lizenz: PD

Neulich im Wikipedia-Café: Ein User sorgte sich um das Leben italienischer Fußballspieler: Dopen die so viel oder begehen die Selbstmord oder hat sogar die Wettmafia ihre Hände im Spiel? Daraus ergab sich eine nicht immer ernst gemeinte Diskussion, die im folgenden satirischen Beitrag gipfelte:

Fakt ist: jedesmal, wenn so ein rollender Medizinkoffer des Dopings überführt wurde, frage ich mich, was der denn falsch gemacht hat, dass Pumidas, Assich, oder gar Like(!) ihn nicht mehr mögen. War es, dass er sich hat erwischen lassen? Oder Schlimmeres, und SIE haben erst dafür gesorgt, dass er überhaupt erwischt werden konnte? Nandrolon in die Zahnpasta, und plötzlich war es das. Weiß man ja. Vielleicht reicht der Arm der Sportartikelriesen aber schon viel weiter, es sollen ja schon Sportler erwischt worden sein, die **angeboren** über zu viele rote Blutkörperchen verfügen. Ich sage euch: da wird gezüchtet! Was sagt das dann über das Sportherz aus, das ich wegen seines absurd widersprüchlichen Inhalts erneut verlinke? Angeboren gesund oder angeboren krank? Und wieso müssen die dann alle so viele (qua ordre de Mufti selbstverständlich genehmigte) Medikamente schlucken, gegen Atemnot? Und finden das auch noch völlig normal. Darüber kann ich als Teilzeitasthmathiker nur lachen! Biathlet hätte ich werden sollen. Oder am besten gleich Norweger! Der Autor gibt zu, dass ihm als Kind im Jahr 1984 angesichts der in der Gluthitze der Stadt der Engel keuchenden, aufgebenden Marathonläufer der Gedanke entwich, erschießen sei auch eine Lösung.


Hauptbeitrag: Janka im Wikipedia-Cafe (Abschnitt: Die große Sportverschwörung), Einleitung und Auswahl: Christoph Waghubinger, Zitat im ersten Absatz: Leiflive, Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Der Vatikan wird grün

Recycling-Schild
Schild mit Umweltzyklus.  Foto: Patrik Nylin auf Wikimedia Commons (Atervinning20150715.JPG), Lizenz:  CC-BY-SA-4.0

 

Kurze Zeit nach der „Umweltenzyklika“ Laudato Si’ von Papst Franziskus führt der Vatikan einige ökologische Neuerungen ein. Diese betreffen Landwirtschaft, Energiesparen und Wiederverwertung:

  • Inspiriert von den Gleichnissen Jesu forciert die katholische Kirche künftig Bio-Saatgut. Bio-Samen für Dinkel, Hafer, Tomaten, Gurken, Blumenkohl, Kohlrabi, etc. werden unter der Marke „Wort Gottes“ vertrieben.
  • Der Vatikan dreht das ewige Licht ab und beendet so eine mehrhundertjährige Energieverschwendung. Das neue Licht wird während der Messe leuchten und nach dem Segen von Rot auf Grün schalten.
  • Der Papst wird keine energieintensiven Enzykliken mehr herausgeben, sondern ausschließlich CO2-neutrale Recykliken.

Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Der Bücherwurm

Der Bücherwurm von Carl SpitzwegDer Bücherwurm, wie er kritisch den Wortlaut der Quellen mit vier Folianten jonglierend in vollem Einsatz des Körpers vergleicht, professionell mit großem Taschentuche zur Reinigung der erst verstaubten, dann von Handschweiß benetzten Bände, bevor er sie an die richtige Position zurückstellt, ausgestattet, der helle, in jugendlicher Wissbegierde weiß gewordenen Kopf wie das Modell einer Sonne dem grünlichen Erdglobus im Bildvordergrund etwas Licht verleihend, ist einer der letzten Hoffnungsträger, wie er sich auf der Trittleiter der geistigen Herausforderung der mächtigen Bücherwand entgegenreckt, der im dunklen und einsamen Labyrinth der Bibliothek das Regal der metaphysischen Werke aufsucht und Expeditionen des Lesens hinein unternimmt um den schwersten unbeantworteten Fragen eine erhellende Antwort zu erjagen, todesmutig trotzend dem im alten Papier wohnenden modernden Schimmelpilz und dem die Regalwand auf gefährliche Weise destabilisierenden tickenden Holzwurm.

 Text: Benutzer Rosenkohl auf der Diskussionsseite der Wikipedia-Auskunft (Archiv 2010)
Bearbeitung: Christoph Waghubinger (etwas gekürzt, Typografie, Typos, Überschrift)
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT
Bild: Carl Spitzweg 021.jpg auf Wikimedia Commons
Bildlizenz: PD

Der köstliche König

Wolpertinger (frei nach Albrecht Dürer)
Wolpertinger.jpg aus Wikimedia Commons. Vorlagen: Albrecht Dürer, Bildmontage: Rainer Zenz. CC-BY-SA-3.0

Der König von Barbaresien verkündete alle Beschlüsse, alle Einfälle und alle Taten mit Posaunenbläsern, Trommlern und Beckenschlägern und er beschloss viel und hatte viele Einfälle und seine Taten waren zahlreich. Einer seiner Beschlüsse war, als schlichter Bürger gekleidet auszugehen. Dazu wählte er einen schlichten Ornat, schlichte Leibgardisten und eine schlichte goldene Kutsche. Die Händler nutzten die Gelegenheit ihm allerlei Dinge sehr teuer zu verkaufen und der König war jedes Mal sehr angetan: „Ist er nicht köstlich?“, wandte er sich an seinen Finanzminister, als er den Fresssack des Trojanischen Pferdes erworben hatte. „Und Ihr tut wohl, wenn Ihr sagt, dass er es ist.“ Der Minister hatte vorige Woche, als der König im Reichs-Heimatmuseum einen Wolpertinger erlegte, unterlassen zu loben und zu preisen und so war einiges zu kitten, umsomehr als ihn der verärgerte Monarch vom Weihnachtsessen ausgeladen hatte. „Nicht nur der Fresssack, auch Ihr selbst seid köstlich, da ihr den Gedanken hattet, ihn zu erwerben.“ Der König nickte gnädig und sagte zu ihn zu begnadigen, wenn auch die Bemerkungen über Inflation aufhörten. Der König bezahlte bei seinen Ausflügen mit immer höheren Scheinen, und dies beunruhigte den Minister. Deshalb drängte ihn dieser zu heiraten, offiziell natürlich wegen eines Thronfolgers, aber auch, damit jemand anderer Geld ausgäbe. Der König antwortete: „Uns heiraten? Dies ist kein Mensch wert“, und erinnerte den Minister an dessen Herkommen als Sohn armer Bauersleute, denen er „aus Warmherzigkeit“, wie er betonte, eine Heugabel, ein Fuchseisen und einen Donnerbalken abgekauft hatte. Als er den einzigen Sohn als Draufgabe wollte, lehnten diese ab und auch der Bauernsohn sträubte sich. Die Stimme des Königs bebte selbst nun, Jahre danach, vor Zorn. Er ließ die Bauersleute auf der Stelle hinrichten und beschlagnahmte den Sohn. Danach wusste der König dennoch nicht recht, was er mit einem Bauernsohn anfangen sollte. Er erwog ihn eventuell auszustopfen, oder als Hofnarren zu verwenden. Das Zweite verwarf er jedoch rasch wieder, da ein Hofnarr umfassend gebildet und recht feinsinnig sein müsse. Der Bauernsohn bemerkte rasch, dass dem König Geld fehlte, und so bot er an, ihm als Finanzminister welches herbeizuschaffen. Der König bewilligte dies, da dies eine einfache Tätigkeit sei, die jeder Depp ausüben könne: „So erkennet Euch also und unterlasset künftig dümmliche Ratschläge.“

Nun war es drei Uhr morgens. Der König war eben wieder von einem Ausflug zurückgekehrt und hatte etwas gekauft, das ihn außerordentlich beschäftigte. So rief er seinen Finanzminister nicht nur mit Posaunen, Trommeln und Becken, sondern auch mit Gongs, Orgeln und Alphörnern. Und um die Wichtigkeit zu betonen, sprach er in Reimen: „Wir wollten preisen, was gekauft Wir auf Reisen, denn Wir waren nicht tatlos, doch nun sind Wir ratlos.“
Der Minister applaudierte: „Was für ein köstliches Gedicht!“
„Ihr lobt die Köstlichkeit und vergesst den Sinn! Wir wollten Uns preisen, doch dies vermögen Wir erst, wenn Wir wissen, was es ist.“ Mit diesen Worten übergab der König dem Minister eine Weinflasche. Dieser entkorkte sie und roch am Inhalt. Er empfand das saure Johannisbeeraroma als durchaus angenehm, aber er wusste, dass ein solcher Wein als sehr, sehr schlecht galt. Er verzog also sein Gesicht und wich zurück. Es war ein Uhudler mit fuchsigem Geschmack. Ein Heckenklescher mit Rabiatperle.
„Majestät, gepriesen sei Eure Weisheit, denn wer weiß, was dieses Getränk unter Unkundigen angerichtet hätte.“
„Die Weisheit beginnt auch in Euch zu wohnen“, bemerkte der König lächelnd, „doch lasst Uns erzählen: Wir orderten in einem ärmlichen Wirtshause ein schlichtes Mahl mit nur zwölf Gängen …“ Er ließ den Minister, der etwas einwerfen wollte, nicht zu Wort kommen und setzte fort: „Wir wissen, Euch ekelt, doch wahrhaft edel und weise ist es Arme zu achten und an ihrem Ärmsten teilzuhaben. Der Händler, den ich danach an meinen Tische rief, war ein schlichter, abergläubischer Mann. Die Flasche, die er bei sich führte, sei ihm, wie er sagte, vor vielen Jahren aus dem Besitz eines verstorbenen Alchimisten zugefallen. Er wisse nicht, was sie enthalte, doch möglicherweise ein teuflisches Gift. So habe er bis heute nicht gewagt, sie zu verkaufen. Wir konnten ihn schließlich überzeugen, doch nur nach langem Bedenken seinerseits und zum vielfachen Preise seiner restlichen Ware.“
Der Minister wollte den König dazu bringen, für immer zu Hause zu bleiben: „Ich weiß, Majestät sorgen sich um das Volk, aber seit Majestät regieren, herrschen Jubel, Freude und Heiterkeit.“
„Ihr sprecht die Wahrheit. Alle drei sind grenzenlos.“
„Wie groß wäre die Not, geschähe Euch etwas? Wie sollten wir weiterleben?“
„So spricht es Bände, dass Wir legen Unser Schicksal, in göttliche Hände.“
„Erlaubt mir, mich zurückzuziehen, um diesen Trank genauer zu untersuchen.“
„Wir erlauben es nicht nur, Wir befehlen es.“
Der Minister überlegte, wie er die Erwartung des Königs erfüllen könnte. Hatte er nicht vor Jahren eine Essenz erworben, die im Selbstversuch ganz erstaunliche Wirkungen zeigte? Die Vollmondnacht erschien hell wie der lichte Tag und unerhörte Töne und Düfte betörten ihn. Offensichtlich schärfte diese Essenz die Sinne und geschärfte Sinne, überlegte er, erleichtern die Selbsterkenntnis. Als er zurückkehrte, hatte er den Wein mit ihr versetzt: „Majestät, dies ist in der Tat ein unerhörtes Getränk, denn es verwandelt jeden Menschen eine kurze Zeit lang in das, was er in seinem Innersten ist.“
„Ganz erstaunlich, aber was ist dies?“
„In Eurem Falle ein majestätischer Leu, oder ein edler Aar.“
„Ihr werdet gewiss ein Sperlingskauz, denn dieser ist dem Steinkauz, dem Tier der Weisheit, ähnlich.“
Der Minister schenkte ein und beide tranken gleichzeitig. Gleich darauf wiederholte sich alles so, wie es der Minister in Erinnerung hatte und überdies stand eine blütenweiße, herrlich duftende Gans neben ihm. Er verspürte unbändigende Lust sie zu verspeisen und wollte sich eben auf sie stürzen, als die Gans die Flügel über dem Kopf zusammenschlug und schnatterte: „Was ist mit Euch? Ihr sündigt!“
Der Minister prallte zurück: „Wie meinen?“
„Ihr solltet ein Kauz sein, aber seid ein Fuchs!“
„Das war’s also“, murmelte der Minister, und setzte danach mit lauter Stimme fort: „Aber Ihr seid ein edler Aar, ein blütenreiner Adler.“
„Ihr belügt Uns, denn Wir sind kein Adler, sondern ein blütenreiner Engel. Wir werden Uns erheben, um Euch zu züchtigen!“ Nach diesen Worten flatterte er angestrengt, schwebte aber nur eine Handbreit über dem Boden. Der Minister vermochte sich nicht mehr zu beherrschen und stürzte auf ihn. Bald waren von der Gans nur noch Kopf und Füße übrig und dem Minister schien, als habe er noch nie so köstlich gespeist. Im nächsten Augenblick erklangen Posaunen, Trommeln, Becken, Gongs, Orgeln und Alphörner. Es war wieder drei Uhr morgens und er hatte alles nur geträumt. Eine Sache allerdings traf zu: Es gab eine Essenz mit dieser Wirkung. Er kleidete sich an und eilte in das Gemach des Königs: „Majestät, es ist sicherlich eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit?“
„Gewiss, gewiss, denn Wir haben soeben beschlossen, Euch die Nichtachtung des geflügelten Wunderhasens, genannt Wolpertinger, zu vergeben und Euch zum Weihnachtsessen einzuladen. Wir erlauben Euch das Ganze aus Eurer Privatschatulle zu bezahlen.“ Der König deutete das Schweigen des Ministers als Ausdruck sprachloser Ergriffenheit und fügte an: „So groß ist Unsere Huld, dass Ihr sogar ein Getränk auswählen dürft.“
Der Minister verbeugte sich tief: „Majestät, es soll mir ein köstliches Vergnügen sein.“

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Text unter CC-BY-SA-3.0-AT