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Das Brückenlachen

Brücke
Unterhimmel.jpg aus Wikimedia Commons, Foto: Michael Brezocnik, Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

„Teufel, wer ist das?“ Er dreht sich um, aber sieht niemanden: „Ja, lacht mich die Natur aus?“
Noch bis eben war ihm alles ideal erschienen: Das Licht, der Blick von der Brücke, die Kameraeinstellungen, aber gleich darauf entdeckte er einen fettigen Film auf der Linse. Kaum hatte er sie gereinigt, zog eine Wolkenbank vor die Sonne. „Hundert Fotos für nichts. Vielleicht hätte ich opfern sollen?“
Er denkt an einen Film: Eine Tanzlehrerin steht auf einer Brücke und kramt nach Kleingeld, aber ein Windstoß weht ihre Dollarscheine in den Fluss. Bald darauf macht sie Karriere, nicht als Tanzlehrerin, aber als Radiopsychologin. „War das ein Flussgott? Hier bei mir siehts nach einem Kobold aus. Opfert man Kobolden? Nein, das ist doch Quatsch.“
Er trinkt aus einer Colaflasche und steckt sie ein, ohne sie zuzuschrauben. Als die Sonne durchbricht, lässt sich die nasse Kamera einschalten, aber schießt von selbst Reihenaufnahmen. Die Bilder werden brillant und am Monitor erscheint das Menü einer zehnmal teureren Profikamera. Er dreht sich um: „Mein Gott, wer lacht hier?“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Medaille

Pfeile
Arrows blue.png aus Wikimedia Commons. Autor: Lightsnap, Lizenz: CC BY-SA 4.0


Endlich gelang ihm das Bild. Es sah fantastisch aus. Zuvor war es zu dunkel gewesen und danach hatte eine Frau mit ihrem Jungen gestört:
„Mein Großer, du bist doch klüger als Albert Einstein, also hör auf zu knipsen und nenn mich nicht Mamatschi.“
Der Junge richtete die Kamera auf sie und löste aus: „Mamatschi, ich bin nicht klüger als dein Einstein, aber nenn mich nicht mein Großer.“
Der Fotograf wartete im Flur und überprüfte die Bilder. Fast alle waren misslungen, nur das Täfelchen mit der Beschreibung war scharf: „Geduldsflasche mit Kreuzigungsszene. Schwarzwald, 19. Jahrhundert.“
„Was willst du in diesem finsteren Kasten? Es gibt draußen schönere Dinge. Außerdem gelingt dir kein Bild. Was für eine unpraktische Kamera! Wozu habe ich dir ein Smartphone geschenkt? Es ist ganz einfach, Konfuzius sagt …“
Der Junge wandte sich ab und betrachtete das Kameradisplay: „Die Fotos mit dir sehen behindert aus.“
Die Mutter ignorierte die Bemerkung: „Mach etwas Nützliches. Wenn du für Konfuzius zu jung bist, dann magst du vielleicht Antoine de Saint-Exupéry? Da könntest du französische Vokabeln lernen.“
„Ich bin nützlich! Ich dokumentiere.“
„Das besprechen wir später, aber jetzt gehen wir: Das Kindertheater beginnt.“
„Das Kindertheater? Wieso? Ich bin zwölf!“
„Denkst du nicht an deine kleine Schwester?“ Sie wandte sich um: „Unser Großer gönnt dir keine dumme Augustine. Pfui!“
„Ich bin aber müde, Mami. Gehen wir nach Hause?“
„Mamatschi, wir brauchen keine dumme Augustine. Du bist besser.“

Die Mutter zerrte ihren Sohn aus dem Museum. Danach war es still und der Fotograf sah auf seine Uhr: „Ach nö, in zehn Minuten ist die Bude zu.“ Er wollte gehen, hielt aber verblüfft inne, als das Sonnenlicht genau auf die Geduldsflasche fiel: „Mensch, das gibt eine Medaille!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0