Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Das Brückenlachen

Brücke
Unterhimmel.jpg aus Wikimedia Commons, Foto: Michael Brezocnik, Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

„Teufel, wer ist das?“ Er dreht sich um, aber sieht niemanden: „Ja, lacht mich die Natur aus?“
Noch bis eben war ihm alles ideal erschienen: Das Licht, der Blick von der Brücke, die Kameraeinstellungen, aber gleich darauf entdeckte er einen fettigen Film auf der Linse. Kaum hatte er sie gereinigt, zog eine Wolkenbank vor die Sonne. „Hundert Fotos für nichts. Vielleicht hätte ich opfern sollen?“
Er denkt an einen Film: Eine Tanzlehrerin steht auf einer Brücke und kramt nach Kleingeld, aber ein Windstoß weht ihre Dollarscheine in den Fluss. Bald darauf macht sie Karriere, nicht als Tanzlehrerin, aber als Radiopsychologin. „War das ein Flussgott? Hier bei mir siehts nach einem Kobold aus. Opfert man Kobolden? Nein, das ist doch Quatsch.“
Er trinkt aus einer Colaflasche und steckt sie ein, ohne sie zuzuschrauben. Als die Sonne durchbricht, lässt sich die nasse Kamera einschalten, aber schießt von selbst Reihenaufnahmen. Die Bilder werden brillant und am Monitor erscheint das Menü einer zehnmal teureren Profikamera. Er dreht sich um: „Mein Gott, wer lacht hier?“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Medaille

Pfeile
Arrows blue.png aus Wikimedia Commons. Autor: Lightsnap, Lizenz: CC BY-SA 4.0


Endlich gelang ihm das Bild. Es sah fantastisch aus. Zuvor war es zu dunkel gewesen und danach hatte eine Frau mit ihrem Jungen gestört:
„Mein Großer, du bist doch klüger als Albert Einstein, also hör auf zu knipsen und nenn mich nicht Mamatschi.“
Der Junge richtete die Kamera auf sie und löste aus: „Mamatschi, ich bin nicht klüger als dein Einstein, aber nenn mich nicht mein Großer.“
Der Fotograf wartete im Flur und überprüfte die Bilder. Fast alle waren misslungen, nur das Täfelchen mit der Beschreibung war scharf: „Geduldsflasche mit Kreuzigungsszene. Schwarzwald, 19. Jahrhundert.“
„Was willst du in diesem finsteren Kasten? Es gibt draußen schönere Dinge. Außerdem gelingt dir kein Bild. Was für eine unpraktische Kamera! Wozu habe ich dir ein Smartphone geschenkt? Es ist ganz einfach, Konfuzius sagt …“
Der Junge wandte sich ab und betrachtete das Kameradisplay: „Die Fotos mit dir sehen behindert aus.“
Die Mutter ignorierte die Bemerkung: „Mach etwas Nützliches. Wenn du für Konfuzius zu jung bist, dann magst du vielleicht Antoine de Saint-Exupéry? Da könntest du französische Vokabeln lernen.“
„Ich bin nützlich! Ich dokumentiere.“
„Das besprechen wir später, aber jetzt gehen wir: Das Kindertheater beginnt.“
„Das Kindertheater? Wieso? Ich bin zwölf!“
„Denkst du nicht an deine kleine Schwester?“ Sie wandte sich um: „Unser Großer gönnt dir keine dumme Augustine. Pfui!“
„Ich bin aber müde, Mami. Gehen wir nach Hause?“
„Mamatschi, wir brauchen keine dumme Augustine. Du bist besser.“

Die Mutter zerrte ihren Sohn aus dem Museum. Danach war es still und der Fotograf sah auf seine Uhr: „Ach nö, in zehn Minuten ist die Bude zu.“ Er wollte gehen, hielt aber verblüfft inne, als das Sonnenlicht genau auf die Geduldsflasche fiel: „Mensch, das gibt eine Medaille!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Leicht

Sonnenstrahlen
Volkenschwand (2440932143).jpg. Foto: Bjoern Schwarz, Lizenz: CC-BY 2.0

Der Nachrichtensprecher verlas Katastrophenmeldungen und dazu prasselte Hagel aufs Dach. „Ach“, dachte Horst-Egon und stellte das Radio auf einen Schlagersender um. Gleich darauf sprang es wieder auf den Nachrichtenkanal: „….Kapazitäten bestätigten die schlimmsten Befürchtungen: Der Erreger verursacht kognitive Störungen: Nach der Erkrankung verwechseln beinahe sämtliche Patienten Humor mit Ernst, danach kommt es zu Visionen von albernen, ungefähr zwanzig Zentimeter großen Männchen. Ein Vertreter der Vereinigten Clowndoktoren sagte, dass solche Patienten meist glaubten, Clowns seien nun überflüssig. Dies sei die größte Bedrohung seit.…“ Das Radio ging mit einem Knacks aus und von der Kommode fiepste es: „Ich bin nicht albern! Diese Kaputtzitäten sind Clowndeppen!“

Horst-Egon sah auf die zwanzig Zentimeter große Erscheinung, sah dann wieder weg, schüttelte den Kopf und schloss die Augen: „Ist das ernst?“

Das Radio ging wieder an: „Nun zum täglichen Gesundheitsschnelltest: Wir verlesen ausgesuchten Humor aus der Sammlung ‚Lieber Herr Witzepräsident‘, gleich danach folgt eine Rede unseres Gesundheitspräsidenten. Wenn Sie über die Witze lachen und bei der Rede ernst bleiben, verstehen Sie Humor korrekt und sind gesund, sollte es umgekehrt sein, sind Sie wahrscheinlich bereits erkrankt. Absolvieren Sie den Test in Gesellschaft und beobachten Sie die Reaktionen der anderen Anwesenden. Die Clowndoktor-Notfallhotline ist rund um die Uhr besetzt.“

Er wollte mit der Fernbedienung ausschalten, aber irgendetwas verdeckte den Sensor. Obendrein lag plötzlich ein käsiger Geruch in der Luft: „Ob ernst oder nicht: Hier ist was.“
Die Erscheinung vergaß nun ihre Wut und schüttelte sich vor Lachen. Ihn berührten zwar nicht die Kinderwitze, aber umso mehr dieses Gelächter, das aus sehr rasch hintereinander ausgestoßenen Fieptönen bestand.

Nun folgte die Rede: Der Präsident fasste die Erkenntnisse zusammen und rief junge Menschen auf, mit älteren Erkrankten zu diskutieren. Danach mahnte er zur Einhaltung der Vorschriften, damit es nicht zum Worst Case komme. Nun ging das Radio aus. Die Erscheinung, die bis dahin wortlos zugehört hatte, schüttelte den Kopf: „Wieso nicht zum Wurstkäs’?“

Bereits das Gelächter hatte Horst-Egon erschüttert, aber jetzt war ihm, als wäre etwas Schweres in ihm zerbrochen. Er begann zu lachen und es klang, als würde ein Ölfass gluckernd auslaufen. Das Männchen begriff nicht und kicherte verwirrt, dann trat es einen Schritt zurück und stieß an den Einschaltknopf. Das Radio ging für ein paar Sekunden an und plärrte einen Superhit: „Du kleines Symptom, du.…!“ Erschrocken sprang es wieder nach vorn, fiel hin und kam knapp vor der Plattenkante zu liegen. Horst-Egon gluckste immer noch, aber schließlich trat Stille ein, auch das Trommeln am Dach hatte aufgehört. Der Erscheinung wurde noch unbehaglicher. Um irgendetwas zu sagen, begann sie: „Magst du Wurstkäse?“, aber das Gegluckse ging davon nur wieder los und sie rief: „Aufhören, aufhören!“, und als das nichts nützte: „Dann sag mir, dass ich nicht albern bin und überhaupt kein Siphon!“

„Albern und Symptom. Das ist doch Wurst und Käse! Mensch, du bist ja so was von gelungen.“
Das kleine Gesicht entspannte sich und in den Augen erschien freudiger Glanz: „Wirklich? Und ich bin gelungen? Und ein Mensch?“ Dann verdunkelte sich der Blick: „Aber meinst du das ernst?“

Er stutzte und spürte einen Ruck in seiner Brust. Dann war ihm leicht.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das darf nicht wahr sein

Kubus
Screenshot aus 3D model of a Cube.stl. Invertiert und beschnitten, CC-Zero

Am Ende des Traumes warf’s Emil hin, aber noch stand sein Termin im Albtraumcenter (kurz ATC) bevor. Dieses ATC war ein mausgraues, würfelförmiges Gebäude in einer lichtgrauen Ebene. Es schwebte zweieinhalb Meter über der Oberfläche und war für gewöhnlich unsichtbar, aber weil der Termin direkt bevorstand, war der Anblick für Emil freigeschaltet. Um durch die Sicherheitsschleuse einzutreten, musste jeder Besucher sein Vorhaben vorläufig vergessen und überhaupt nichts mehr wissen. Dies war bei diesem Anblick für niemanden ein Problem. Das Gebäude senkte sich also auf Normalniveau und Emil trat ein. Er stand nun in einen langen mausgrauen Korridor mit einem Dutzend offenstehender lichtgrauer Türen, die sogleich zuschlugen. Nur eine bisher geschlossene an der Stirnseite flog auf. Der Sachbearbeiter dahinter saß an einen wuchtigen lichtgrauen Schreibtisch. Da sich sein letzter Klient übergeben hatte, war gründlich desinfiziert worden. Der Reiniger verursachte bei Emil einen Asthmaanfall, davon kehrte allerdings auch seine Erinnerung wieder.

Der Sachbearbeiter musterte ihn: „Sie müssen zum Arzt!“

Emil zog das gefaltete Verständigungsschreiben aus der Hosentasche und stellte sein Asthmaspray auf den Schreibtisch: „Danke, da war ich schon.“

„Gut, ich sehe, dass Ihnen der Grund unseres Gespräches wieder bekannt ist.“

Emil wischte sich die Schweißtropfen von der Stirne und antwortete keuchend: „Und Ihr Schrieb ist diesmal sogar auf Deutsch.“

Die Gestalt des Sachbearbeiters verschmolz beinahe mit der mausgrauen Wand, nur seine blassgrün-blau gemusterte Krawatte hob sich etwas ab. Die Stimme klang, als käme sie von einem Ort außerhalb: „Aufgrund der Wichtigkeit erhielten Sie eine TRa-Verständigung in Helvetica Punkt 12, anstatt wie ansonsten üblich TRb in gespiegelter Schwabacher Punkt 8.“

Emil dachte an den letzten Termin: „Und das alles wegen einer Ampel?“ Staub rieselte auf ihn nieder.

„Ja. Ihre neue Aufgabe ist ein Training in Selbstbewusstsein. Sie bestreichen sich morgens fingerdick mit Spinat und überqueren danach bis abends mit Schlusssprüngen einen geregelten Fußgängerüberweg. Dies gilt für gerade Tage.“

„Wie ein Blödsinniger?“, platzte Emil heraus.

„Auch Blödsinnige, korrekt ‚originelle herausgeforderte Menschen‘, haben ein Recht zur Teilnahme am öffentlichen Albtraumleben“, antwortete der Sachbearbeiter ungehalten. „Ihre Tätigkeit dient zur Herausbildung eines allgemeinen Bewusstseins diesbezüglich. Wir verstehen uns. Aber nun weiter: An ungeraden Tagen bestreichen Sie sich mit Kleister und wälzen sich in einem Ameisenhaufen. Danach jodeln und juchzen Sie vor Publikum. Spinat und Kleister stehen bereit, Jodelkurs und Turnunterricht werden auf Antrag gefördert. Fußgängerüberweg, Ameisenhaufen und Publikum sind selbstständig aufzusuchen und/oder bereitzustellen.“

„Das darf nicht wahr sein!“

„Dies scheint Ihnen lediglich so, denn auch Ihr Bewusstsein muss erst gebildet werden. Ansonsten verzichten Sie bitteschön auf unsere Leistungen.“ Er betrachtete Emils vergebliche Versuche, den Staub abzuschütteln: „Ein Nervenarzt könnte hilfreich sein.“

„Nein! Und ich brauche doch meine Aufwachversicherung.“

Der Sachbearbeiter erhob sich verärgert: „Das ATC ist nicht bloß dazu da, Ihnen eine Aufwachversicherung zu garantieren! Nun, für das wiederholte Verweigern von zumutbaren Tätigkeiten werden Ihnen die dafür vorgeschriebenen … warten Sie …“, er blätterte in seinen Unterlagen, „vier Panikattacken zugeteilt. Einen schönen Tag noch und nehmen Sie Ihr Spray mit.“

Als Emil das Ende des Korridors erreicht hatte, schlug die Tür an der Stirnseite schallend zu, während sich alle anderen wieder öffneten. Er drehte sich um und der Vorgang wiederholte sich. Nachdem dies einige Male geschehen war, atmete er endlich wieder tief durch und begann im Rhythmus der schlagenden Türen zu singen und zu tanzen. Die Staubkruste fiel in großen Schollen ab, solange bis eine Stimme über einen Lautsprecher ertönte: „Der Klient wird dringendst aufgefordert, derlei Unfug zu unterlassen!“

Emil reckte den Mittelfinger hoch und schritt rasch durch die Sicherheitsschleuse. Diese forderte von innen allerdings bedingungslose Zustimmung und Kooperation. Deshalb senkte sich das Gebäude nicht vollständig ab und Emil stürzte auf den Boden. Er rappelte sich mühsam auf: „Ja, das ist es: hinwerfen!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Begeisterung im Aquarium

Sardellenschwarm
Acciughe 2.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Etrusko25, Lizenz: PD

Einer ruft an:

„ … mein Kumpel war in einem Vortrag einer ‚wahnsinnig wichtigen Persönlichkeit‘, das konnte er nicht oft genug betonen, und die sprach über irgendwas extrem Umstrittenes, dabei zuerst sehr würdig und bedächtig, bis es zur Katastrophe kam: Alles endete mit entsetzlichem Krach, Deckenplatten, Lampen und Rohre fielen runter und irgendetwas setzte sämtliche Smartphones matt. Er rief mich gleich danach aus einer Telefonzelle an, aber die Verbindung war noch mieser als jetzt.
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Bei diesem Vortrag muss es zugegangen sein, wie im Bermudadreieck, dabei hätte das wohl ein Top-Event werden sollen, denn wegen irgendwem wird auch eine uralte Mehrzweckhalle am Land nicht einfach so umbenannt. Geworden ist es nichts, sonst wüsste ich wenigstens, wie diese Persönlichkeit heißt. Mein Kumpel hatte ein paar Deckenplatten auf den Kopf bekommen und war völlig verwirrt, mit Ohrensausen und sehr undeutlicher Aussprache. Heute gehts ihm wieder gut, aber er kann, oder will, sich an nichts mehr erinnern und der Rest der Zuhörer auch. Dabei soll alles so positiv begonnen haben. Diese Persönlichkeit war fast fertig und alles wartete auf die feierliche Umbenennung, als es geschah: ‚Als hätt sich die Luft geweigert Schall zu leiten – wenigstens weiter als ’n Meter‘, ja, das sagte mein Kumpel damals. Nein, an der Akustik lag es nicht, denn wenigstens die ist noch in Ordnung, aber stell dir vor: Da spricht so jemand, alles scheint unter Dach und Fach, und dann plötzlich: Ton weg. Das Ganze soll wie im Aquarium gewirkt haben: oben ein großer Karpfen und unten nichts als lauter Sardinen und Sardellen. Zuerst glaubte ja jeder, die Verstärkeranlage wär abgesoffen, dann die eigenen Ohren hin und schließlich improvisierte man. Ja, wenn so was öfter passieren würde, gäb’s wahnsinnig ausgefeilte Methoden, um das auszugleichen, aber so kam‘s halt zum Nächstliegenden: Jeder sagte dem gerade Nächststehenden das Wichtigste ein, und der dann wieder, bis es durch war, denn der Eintritt war nicht gerade billig. Zuerst soll auch hier alles erwartbar gewesen sein: Die ersten nickten, die nächsten zuckten mit den Schultern und danach wurden Köpfe geschüttelt, Augen verdreht und Vögel gezeigt, aber gleich danach kam’s: frenetischer Jubel wie bei einem Filmstar mit hochgereckten Armen, Händen in Klatschbewegung und lautlos auf- und zuklappenden Mündern. Es dauerte eine Weile, bis jemand dem Redner steckte, was da unten ankam, und der soll ein beeindruckendes Farbenspiel gezeigt haben: vom totenbleichen Höhlenkrebs, bis hin zur blutroten Koralle. Dann sagte er sehr laut seine Meinung, aber genau in diesem Augenblick setzte der Ton mit vielfacher Stärke ein und davon fiel die abgehängte Decke runter.
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Daran erinnert sich keiner mehr. Die Zuhörer stünden ja sonst da wie die Deppen und dieser Mensch könnte nie wieder würdig und bedächtig über irgendwas extrem Umstrittenes sprechen – dabei ist gerade heute so was wichtig wie nie.
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Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Echo!

Echo Icon
Vorlage:  Sound icon.png von Nataraja, Bearbeitung (gespiegelt und dupliziert): Christoph Waghubinger. CC BY-SA 3.0

„Servus! Ich rufe an, weil unlängst ein Landschaftsakustiker bei mir war – nein, nein, Akustiker und nicht Architekt. Ja, ich kenn auch nicht so einen Beruf, aber vielleicht hab ich mich auch verhört – von der Diskussion mit dem hab ich Ohrensausen. Der Name? Ja, der ist was Komisches, auf seiner Visitenkarte sind so viele Doktor- und Ehrentitel abgedruckt, dass Name und Beruf völlig verschütt gegangen sind … der heißt womöglich Kuckuckinger oder … wurscht, ich sitz grad beim HNO-Arzt und bevor ich da drankomme, erkläre ich dir alles mal, bevor dieser Mensch dich auch noch heimsucht. Also, der wirkt wie’n durchgedrehter Erfinder oder verrückter Wissenschaftler. Was? Na, hör mal, du wirst doch solche Typen kennen: zerstörte Frisur, fanatischer Blick, irres Gekicher – richtig auffallend wurde das erst nach meinen konstruktiven Vorschlägen, aber bei dem was heutzutage alles herumläuft, achte ich nicht immer auf jede Kleinigkeit. Er will jedenfalls die Verbesserung der Landschaft, aber nicht optisch, sondern akustisch, ich sag bloß: Echo!

Seine Kurzfassung lautet: ‚Wie hört sich das denn an bei euch, was sollen sich die kultivierten Menschen auf der ganzen Welt da denken?‘, und die lange Fassung: ‚Eigentlich ist euer Echo ja eine fröhliche, oder höchstens etwas alberne Sache: Man stellt sich irgendwo hin, ruft, jubelt, doziert oder singt, dann schallt völlig verkehrter Unfug zurück und gut ist’s. Ja, so wäre es, wenn ihr ganz allein auf der Welt wärt, aber es gibt weltweit ziemlich viele Persönlichkeiten, die aus Prinzip niemals öffentlich Unfug reden: Mahner und Warner beispielsweise, das sind oft mehrfache Ehrendoktoren und -professoren und die meisten stammen auch nicht aus Hinterwäldern und Schluchten, sondern aus hochzivilisierten Nationen. Wilde, unberechenbare Echos, wie eure, wirken auf diese Leute wie akustische Geisterbahnfahrten. Man stelle sich vor, so eine Persönlichkeit wird bei einer Schluchtwaldwanderung etwas lauter und ihr steht dann da als Land, in dem es so behämmert aus dem Schluchtwald schallt. Deshalb müsst ihr das Echo ändern, außer freilich, ihr wollt weltweit als Menschenfresser dastehen. Das nötige Roden der Wälder und Ausfräsen der Schluchten wäre zwar teuer, aber machbar, wenn diese verfluchten Naturschützer nicht so kleinkariert auf ihren natürlich-romantischen Urzustand bestünden und mit den Denkmalschützern sieht es auch düster aus, denn die uralten Gemäuer von vor Columbus verursachen von innen und außen oft einen ziemlich mittelalterlichen Nachhall. Gerade dieses alte Zeug bekommt man leider kaum weggerissen. Es braucht endlich ein Bewusstsein, dass opportune Akustik stets die gesamte Umwelt umfasst und nicht nur ein paar Kirchenschiffe, Studios oder Konzertsäle.‘ Tja, soweit der Experte.

Jetzt kommen meine konstruktiven Vorschläge: Natürlich müssen wir auf höfliche Echos achten, alleine schon wegen der ganzen reichen Investoren – es sind nicht immer nur die Mahner und die Warner. Allerdings können wir nicht mal sagen, was die in ein paar Jahren hören möchten und was nicht. Es ist möglich das Problem flexibler und vor allem kostengünstiger anzugehen, indem wir die paar nun wirklich wichtigen Persönlichkeiten bei der Einreise abfangen und in schalldichten Fahrzeugen zu Orten mit fix installierten Echo-Anlagen verbringen. In komplexen Fällen echoten spezielle Echo-Fachkräfte. Alte Gemäuer werden bei sehr hohem Besuch außen und innen mit Stoffbahnen verhüllt, die den mittelalterlichen Nachhall abdämpfen; der Anblick von so was lässt sich dann sogar als Kunstwerk vermarkten. An die Touristen vergeben wir Headsets und zusammen mit einer Handy-App werden dann aus Rülpsern und Flüchen Oh-Yeahs und Tiroler Jodler.

Mensch, gab das ein Donnerwetter: Ich solle endlich begreifen, dass er keine Symptombekämpfung plane, sondern die kulturelle und zivilisatorische Höherentwicklung des Landes und dabei keinerlei Verunglimpfungen dulde. Mir sei trotzdem gedankt, denn er wisse nun, dass er auch die dümmlichen Eingeborenen mitzubehandeln habe. Er sagte tatsächlich ‚Eingeborene‘ und nicht ‚Einheimische‘, aber das passt ja besser zu den Schluchten und den Menschenfressern. Ich frage mich, woher er selber abstammen will, obwohl: Bekloppte sehen überall gleich aus. Warum ich so laut werde? Ich hör mich selber kaum vor lauter Ohrensausen! Moment, da kommt die Arzthelferin. Wie? Telefonieren ist hier strengstens verboten? Ja, sagen Sie mir das doch bitteschön vorher. Tut mir leid, ich muss jetzt wirklich auflegen, aber denk dran: wenn dieser Typ bei dir auftaucht, dann lieber nicht zuhören, sondern sofort rausschmeißen und zwar hochkant. Servus!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Sämtliche Konsequenzen

Notausgang
ISO 7010 E002 + arrow 1.svg aus Wikimedia-Commons. PD, amtliches Werk

Das Sommerfest der Riesengaudi in Bad Kleingroßkirchen war „ein Riesenerfolg“, berichtete die Gratiszeitung Schmalzviertel News (SVN). Besonders die einheimische Band „Australian Cockatoos“ habe großen Anteil gehabt. Der einzige gravierende Zwischenfall sei der Auftritt eines randalierenden Betrunkenen gewesen, denn dieser habe eine zufällig anwesende, große Persönlichkeit von einer Rede abgehalten. Die Band beruhigte die Lage zwar durch ihr neuerliches Aufspielen, aber der Vorfall sei für die SVN als Veranstalterin, sowie die Gemeinde äußerst peinlich. Es werde intensiv nachgeforscht. Soweit das Blatt.

Alles begann mit einer Durchsage während einer Konzertpause: „Wie wir eben erfahren, ist eine preisgekrönte Persönlichkeit im Festzelt anwesend. Da die Telefonverbindung schlecht ist wissen wir leider noch nichts Genaueres, aber bemühen uns weiter. Die Persönlichkeit wird inzwischen für einige Worte auf die Bühne gebeten.“

Der angegraute, bereits ziemlich betrunkene Genforscher schrak aus dem Halbschlaf auf; er hatte mit fast allem gerechnet, aber nicht damit, hier gefunden zu werden. Er entzündete eine Zigarette, die er, als er keinen Aschenbecher fand, in seinem Plastik-Bierbecher ausdrückte. Noch hätte er sich entfernen können, aber die zahlreichen Biere entfalteten ihre Wirkung: Er beschloss sich nicht zu drücken, sondern auch unter diesen widrigen Umständen seiner moralischen Verpflichtung als Forscherpersönlichkeit nachzukommen. Bald stand er mit dem löchrigen Bierbecher auf der Bühne und hatte vergessen, was er sagen wollte. Der Schweiß brach ihm aus, aber aus seiner Hemdtasche fischte er statt einer Packung Taschentücher eine ausgelaufene Joghurtflasche. Als er sich mit dem Ärmel über die Stirn fuhr, warf er, begleitet von donnerartigem Verstärkerlärm, den Ständer samt Mikrofon von der Bühne. Von unten schallten Pfiffe und Buhrufe; Bierbecher, Hühnerknochen und Rauchen-verboten-Schildchen flogen herauf. Der Forscher sah nun zwei auffällig stämmige Gestalten auf sich zukommen. Urplötzlich nüchtern geworden, sprang er von der Bühne und verließ das Festzelt. Gleich danach setzte wieder laute Musik ein.

Der Bericht schloss mit: „Ein besonderer Dank gilt der Band für ihre Geistesgegenwart! Bei der noch unbekannten Persönlichkeit entschuldigen wir uns und laden sie herzlichst zu unserem ‚Herbstfest gegen Gentechnik‘ ein. Um Bedenken ihrerseits endgültig auszuräumen: Das betrunkene Subjekt wird, erst einmal gefunden, sämtliche Konsequenzen tragen.“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Blöde Ratte

Blitz
Lightning (3761397491).jpg aus Wiki-Commons via Flickr. Foto: John Fowler, CC BY 2.0

Die Maus war wütend: „Sie Lümmel, Rüpel, Wilder! Ich verbitte mir die Bemerkung ‚blöde Ratte‘! Wo sind wir denn, dass es nicht erlaubt sein soll, nach dem Sinn Ihrer Existenz zu fragen? Ein Kampfroboter namens ‚Liquidator‘. Himmel! Es war richtig, Sie auf den Speicher zu verbringen und Ihr Konstrukteur ist deswegen weder ein ‚armer Vollidiot‘, wie Sie sich auszudrücken pflegen, noch gehört er einer ‚Trottelfamile‘ an. Bedenken Sie Ihre katastrophalen pädagogischen Auswirkungen.“

Die Maus hielt inne, um Atem zu holen und fügte danach an: „Überdies lautet mein Name selbstverständlich nicht ‚Blöde Ratte‘, sondern Theodora Baronesse von Hochsülz. Also, was haben Sie zu sagen? Ich warte.“

Durch das Dachlukenfenster fiel ein Lichtstrahl der Abendsonne auf die hoch aufgerichtete Maus. Diese verschränkte ihre Vorderbeine vor der Brust und ihre rechte Hinterpfote klopfte nervös auf den Boden. Da der Roboter nicht mehr antwortete, entfernte sie sich und kündigte an, die Frage morgen erneut zu stellen. Dies wiederholte sich, bis sie in eine Lebendfalle geriet und in einem Waldstück ausgewildert wurde. Obwohl sie der Roboter nie anders als „blöde Ratte“ genannt hatte, fühlte er sich nun doch einsam, denn neben ihm stand nichts als ein großer Karton mit Einzelteilen übel zugerichteter Teddybären und allerlei anderem Stoffgetier: Da waren einzelne zerfledderte Köpfe, Arme, Glas- sowie Knopfaugen, einzelne Ohren, Pfoten und Schnauzen und es war still wie auf einem Friedhof. Nur der Roboter war noch in einem Stück, denn er war eben ein intelligentes Spielzeugwaffensystem mit selbstständiger Zielerfassung und anschließender Liquidation. Sein Schöpfer, ein Ingenieur und Bombenbauer, hatte ihn in einer seiner, wie er sagte, Sternstunden für den Nachwuchs konstruiert. Dies fand auch Niederschlag im Namen: „Liquidator, Modell Sternstunde“. Eines Tages allerdings, die Familie befand sich eben auf einem abhärtenden Survival-Trip im Hochgebirge, traf alle miteinander ein Blitz. Seitdem waren sie glühende – und anfangs auch stark rauchende – Pazifisten, der Roboter aber fand sich als gefährliche Altlast am Dachboden wieder.

Einige Zeit nach dem Verschwinden der Maus zog die Familie in einer Art Prozession hinauf. Der nun friedfertige Nachwuchs beweinte die  zerstörten Stofftiere und den Vater ergriff beim Anblick des „Liquidator, Modell Sternstunde“ tiefster Zorn. Der Roboter hatte eben mit seiner Existenz abgeschlossen, als er eine gefühlvolle Frauenstimme hörte: „Ach, du bist doch so begabt – bau dieses hässliche Ding doch um in etwas Schönes, Nützliches.“ Dann wurde es schwarz um ihn, tiefschwarz. Als er wieder zu sich kam, fand er sich im Bastelkeller wieder, der ihm wie Frankensteins Labor oder eine Abdeckerei erschien. Er hieß nun nicht mehr Liquidator, sondern „Erzählbär“, ebenfalls „Modell Sternstunde“. Dazu passend fühlte er sich nun, wenigstens am Kopf und an den Beinen, äußerst knuffig und streichelweich, wenn auch nur unzureichend austariert. Warum, konnte er bei einem Blick in den Werkstattspiegel feststellen: Sein flauschiger weißer Teddybärenkopf war mit je einem blauen und einem grünen Auge, einer angenähten riesigen Hundeschnauze sowie unterschiedlich großen Ohren versehen. Der braune Rumpf war ziemlich hart und borstig wie eine Wurzelbürste, während die samtigen Beine und Pfoten goldig schimmerten. Kurz gesagt: Sein Roboter-Innenleben bildete mit den Plüschtier-Einzelteilen aus dem Karton nun ein „intelligentes Erzählsystem“ mit gewaltfreien Märchen sowie Empathie fördernden Alltags- und Umweltgeschichten. Er murmelte tief betroffen: „Ach, du Scheiße …“

Bei seinen häufigen Einsätzen im Kinderzimmer ließ er die Programme meist automatisch durchlaufen und beschäftige sich innerlich mit anderen Dingen. Es war allerdings für ihn schwierig, dabei die Riesenschnaunzenbewegungen einigermaßen synchron zu halten; er war ohnehin schon genug damit beschäftigt, nicht ständig auf selbige zu fallen. Ein weiteres Problem waren die nötigen Voreinstellungen: Der Erzählton „Mahnender Großvater“ war bei lustigen Geschichten und Unsinnsgedichten zwar für Lacher gut, aber natürlich unpassend – unangenehmer war die versehentliche Auswahl des Tones „Fröhlicher Clown“ bei ernsthaften bis tieftraurigen Geschichten. Es konnte auch geschehen, dass ein gewaltfreies Märchen plötzlich von einem blechernen „Muss liquidieren“ unterbrochen wurde.

Statt der vorherigen Mignonzellen hatte er nun den Akku eines uralten Bohrhammers eingebaut, der allerdings technisch angepasst war; so durchzuckten ihn beim Aufladen mehr oder weniger starke Stromstöße. Dies geschah oft während einer Blitzladung oder einer besonderes langen Ladesession für den extrem anstrengenden manuellen Erzählmodus, den er manchmal wählte, um die oben erwähnten Probleme zu vermeiden. Einmal vergaß er jedoch und erzählte unvorsichtigerweise, nur halbvoll, manuell ein gewaltfreies Märchen, in dem Rotkäppchen, der Wolf, die Großmutter sowie der Jäger Kakao tranken, Gugelhupf und Pfannkuchen aßen und gemeinsam einen Aufruf zu Frieden, Toleranz und Mitmenschlichkeit verfassten. Hier musste er die Lautstärke erhöhen, da das Froschgequake aus dem Garten ohrenbetäubend war: Die Mutter hatte das Fenster geöffnet, um die Geräusche und Gerüche der Natur hereinzulassen. Der Bär konnte seine Funktionen konfigurieren, aber das Menü für das Ausschalten der Geruchssensoren hatte er noch nicht gefunden. So verwirrte ihn der betäubende Fäulnisgeruch zusätzlich.

Am Ende fühlte er sich vollständig entladen und schloss sich mit letzter Kraft an die Station an. Nach einiger Zeit erwachte er von einem Kribbeln an seiner rechten Hinterpfote: Es war die Maus Theodora Baronesse von Hochsülz, die aus dem Wald zurückgekehrt seinen Werdegang verfolgt hatte. Ein Strahl Mondlicht fiel auf ihr Haupt und sie sah beinahe aus wie zuvor am Dachboden: „Ihre Hinwendung zur Literatur hat Ihnen gewiss wohlgetan, auch wenn Sie erst zu Ihren wahren Stärken finden müssen. Von Ihren anstrengenden Angewohnheiten und Vorlieben will ich schweigen. Was Ihren geschätzten Konstrukteur betrifft, so lehne ich noch heute strikt ab, ihn als ‚armen Vollidioten‘ zu bezeichnen. Ich bevorzuge ‚Mensch mit Entwicklungspotential.‘“

Bei den letzten Worten war dem Bären bereits seltsam zumute gewesen. Noch bevor er sich abschließen konnte, durchzuckte ihn ein heftiger Stromschlag und dieser schleuderte die Maus durch das offene Fenster in den Froschtümpel. Genau in diesem Moment setzte das Gequake, das beinahe verstummt war, mit voller Lautstärke wieder ein. Nachdem der Bär zu Sinnen gekommen war, eilte er ans Fenster und sah, wie sich die Maus unter dem Protest der Frösche ans Ufer rettete. „Blöde Ratte“, dachte er und verriegelte das Fenster sorgfältig.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Tonspur

Überschall
F-35 Open Dag KLU 2016 met condensatie effect.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Hnapel, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Irgendwo im Park singt seit fünf Minuten jemand Vokale. Gewöhnlich würde ich diesen Jemand für verrückt erklären, aber ich denke an die Online-Diskussion von vorgestern und als Tonspur dazu erscheint mir der Gesang plötzlich, wenn schon nicht vernünftig, so doch wenigstens recht passend.

Die Aufregung drehte sich um eine Antwort aus einem Zeitungs-Forum. Sie begann mit: „Warum denn eigentlich nicht?“ Die Frage davor lautete: „Wie kann ein Mensch so etwas Fürchterliches tun?“ Dieses Fürchterliche war ein Massaker irgendwo in den Vereinigten Staaten oder in Australien und der, inzwischen gelöschte, Artikel war eine Exklusivmeldung. Die Schlagzeile lautete: „Frustrierter weißer Macho läuft Amok!“

Dieser „frustrierte Macho“ soll seine Zeit mit Killerspielen und Pornos zugebracht und eine Waffensammlung von der Pumpgun bis hin zur Panzerfaust aufgebaut haben. Der Ort des Amoklaufes war, soviel ging hervor, eine äußerst große Veranstaltung. Die Unklarheit beruhte auf einem überwältigenden Chaos im Artikel, aber die Diskussion begann dennoch ruhig und kultiviert: Waffen, Pornos und Killerspiele gehörten auf der Stelle verboten und es müsse im Schulunterricht wesentlich mehr ethische und politische Bildung geben. Die Frage, wieso denn ein Mensch so etwas Fürchterliches tun könne, gehörte, in dieser oder einer andern Form, meistens dazu. Es blieb also alles ruhig, bis doch jemand darauf antwortete.

Das Ergebnis war wiederum ein Massaker, diesmal allerdings mit Worten. Ab hier fiel mir das Chaos auf: Der Artikelinhalt wechselte bei jedem Aufruf. So war der Ort des Massakers einmal eine Convention, dann ein Fest, eine Demonstration oder ein Kongress und die Opfer wechselten von emanzipierten Frauen, zu chinesischen Einwanderern, fortschrittlichen Muslimen, bis hin zu Transgender-Personen. Der Täter erschoss sich, sprang irgendwo hinunter, verbrannte oder sprengte sich in die Luft.

Die offensichtliche Fehlfunktion betraf sogar den zweiten Teil der Antwort und so begannen die User ihn abweichend zu zitieren: „Das ist doch absolut normal!“, „Das waren nichts als Perverse“, „Jemand musste es eben tun“ und „Flammenwerfer haben noch gefehlt.“

Dieses Tohuwabohu schien die Kommentatoren zuerst nicht sonderlich zu irritieren; allenfalls korrigierten und maßregelten sie einander, als jedoch ein Streit darüber entbrannte, wie die skandalöse Bemerkung denn nun richtig lautete, behauptete jemand die Identität des Unbekannten herausgefunden und interveniert zu haben: dieser solle seinen Ausbildungsplatz verlieren und überhaupt „nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“

Vielleicht wäre die Diskussion wie bisher weitergelaufen, aber das Wort „Ausbildungsplatz“ veranlasste einen User genauer nachzufragen und als nun der Aufdecker antwortete, dass es sich um einen 15-jährigen Lehrling handelte, drehte die Stimmung. Bald darauf wurde das Forum geschlossen und am nächsten Tag erschien ein Kommentar, in dem sich ein Redakteur über „völlig falsch verstandene Toleranz“ ausließ: Ein solcher Ausfall verhöhne die Opfer zusätzlich und sei deshalb unentschuldbar.

Der Vokalgesang im Park erreicht nun Höhen wie Vogelgezwitscher oder Katzenmusik. Danach endet er abrupt und in die Stille hinein spricht, ziemlich außer Atem, eine tiefe Stimme: „Es reicht!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wir sehen uns

Light Colors
#056 – Light Colors aus Flickr, via Wikimedia Commons. Fotograf: Rodrigo Paredes, Lizenz: CC BY 2.0

Der Platz ist eine Bühne inmitten der Finsternis; sein Licht kommt von allen Seiten, aber ich erkenne keine Lichtquelle. Eine schmächtige, hochgeschossene Gestalt steht neben mir; sie wirkt auf den ersten Blick sehr jung, aber ihr Gesicht und besonders die Augen passen nicht dazu: Es ist, als wären mehrere Gesichter ineinanderkopiert und als sie zu sprechen beginnt, klingt es, als wäre aus ebenso vielen Stimmen eine neue zusammengemischt:

„Ich zeig dir ein Spiel, das ist wie ein Gedicht.“

Ich sehe mich um, dann ärgere ich mich: „Dieses Ringelspiel? Sind wir nicht zu alt für so was?“ Im nächsten Augenblick sehe ich in ihre alterslosen Augen und bereue meine Bemerkung – woran hatte ich mich einen Augenblick erinnert? Ein Mädchen im blauen Kleid läuft vorbei und springt bei voller Fahrt auf einen Hirsch – ein süßer Duft bleibt zurück. Ein uralter Herr reitet auf einem weißen Elefanten und rudert mit den Armen.

„Es ist wie ein Gedicht, aber es taugt nichts“, lächelt die Gestalt, während eine Rotte bunter Pferde mit jungen Frauen vorbeifliegt. Ein roter Löwe mit einem Jungen rast vorbei und hinterlässt einen Schwall mit scharfem Raubtiergeruch.

„Es dreht sich viel zu schnell und keiner steigt ab; sie fallen einfach runter, wie diese Frauen von den Pferden.“

„Oder der Herr vom Elefanten.“

Keines der Karusselltiere bleibt unbesetzt: von allen Seiten stürmen aus der Dunkelheit Menschen, besetzen die freien Plätze und zerfallen zu Nichts.

„Wie kann sich auch nur ein Kind auf so etwas einlassen?“

„Zu faul, zu blöd, zu feig zum Verwesen!“, schallt es vom Karussell, ohne dass klar wird, wer das gerufen hatte.

Die Gestalt wendet sich an mich und sieht in diesem Moment aus wie ein Priester oder Sozialarbeiter: „Was riefen sie dir eben zu? Was hörtest du? Sage es mir.“

„Das ist Irrsinn!“

„Dann erinnerst du dich.“

Das Mädchen von vorhin sitzt nicht mehr am Hirsch, ebenso wenig wie der Junge am Löwen, bloß ein Stück Stoff ihres Kleides flattert im Geweih. Für kurze Zeit scheint das schnell drehende Spiel in einen blauen Schleier getaucht; der süße Duft und der scharfe Raubtiergestank haben sich vermengt. Dann wird es düster und kälter und kälter bis sich das Karussell in eine drehende Eisskulptur verwandelt. Bald danach ist es stockdunkel. Ich richte eine Taschenlampe darauf, aber erkenne im fahlen Licht nichts außer meinem Atem.

„Wir verbrennen, wir verbrennen!“, rufen die Fahrgäste.

„Das ist kein Gedicht mehr. Gib sie mir“, höre ich die Gestalt; im nächsten Augenblick entgleitet mir die Lampe. In ihrer Hand wandelt sich das Leuchtdiodenlicht in das einer Sonne; als ihre Strahlen das Karussell treffen, verdampft das Eis, dann fängt die hölzerne Konstruktion Feuer, dann die Pferde, der Löwe, der Hirsch und der weiße Elefant. Die Fahrgäste gleichen lebenden Fackeln aber brüllen: „Wir erfrieren!“

Als ich aufschrecke, meine ich immer noch das Geschrei zu hören und das lichterloh brennende Spiel zu sehen. Ich atme auf: „Vorbei. Der Traum ist endlich vorbei“.

„Wir sehen uns!“, ertönt die Stimme.


Autor: Christoph Waghubinger
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