Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Echo!

Echo Icon
Vorlage:  Sound icon.png von Nataraja, Bearbeitung (gespiegelt und dupliziert): Christoph Waghubinger. CC BY-SA 3.0

„Servus! Ich rufe an, weil unlängst ein Landschaftsakustiker bei mir war – nein, nein, Akustiker und nicht Architekt. Ja, ich kenn auch nicht so einen Beruf, aber vielleicht hab ich mich auch verhört – von der Diskussion mit dem hab ich Ohrensausen. Der Name? Ja, der ist was Komisches, auf seiner Visitenkarte sind so viele Doktor- und Ehrentitel abgedruckt, dass Name und Beruf völlig verschütt gegangen sind … der heißt womöglich Kuckuckinger oder … wurscht, ich sitz grad beim HNO-Arzt und bevor ich da drankomme, erkläre ich dir alles mal, bevor dieser Mensch dich auch noch heimsucht. Also, der wirkt wie’n durchgedrehter Erfinder oder verrückter Wissenschaftler. Was? Na, hör mal, du wirst doch solche Typen kennen: zerstörte Frisur, fanatischer Blick, irres Gekicher – richtig auffallend wurde das erst nach meinen konstruktiven Vorschlägen, aber bei dem was heutzutage alles herumläuft, achte ich nicht immer auf jede Kleinigkeit. Er will jedenfalls die Verbesserung der Landschaft, aber nicht optisch, sondern akustisch, ich sag bloß: Echo!

Seine Kurzfassung lautet: ‚Wie hört sich das denn an bei euch, was sollen sich die kultivierten Menschen auf der ganzen Welt da denken?‘, und die lange Fassung: ‚Eigentlich ist euer Echo ja eine fröhliche, oder höchstens etwas alberne Sache: Man stellt sich irgendwo hin, ruft, jubelt, doziert oder singt, dann schallt völlig verkehrter Unfug zurück und gut ist’s. Ja, so wäre es, wenn ihr ganz allein auf der Welt wärt, aber es gibt weltweit ziemlich viele Persönlichkeiten, die aus Prinzip niemals öffentlich Unfug reden: Mahner und Warner beispielsweise, das sind oft mehrfache Ehrendoktoren und -professoren und die meisten stammen auch nicht aus Hinterwäldern und Schluchten, sondern aus hochzivilisierten Nationen. Wilde, unberechenbare Echos, wie eure, wirken auf diese Leute wie akustische Geisterbahnfahrten. Man stelle sich vor, so eine Persönlichkeit wird bei einer Schluchtwaldwanderung etwas lauter und ihr steht dann da als Land, in dem es so behämmert aus dem Schluchtwald schallt. Deshalb müsst ihr das Echo ändern, außer freilich, ihr wollt weltweit als Menschenfresser dastehen. Das nötige Roden der Wälder und Ausfräsen der Schluchten wäre zwar teuer, aber machbar, wenn diese verfluchten Naturschützer nicht so kleinkariert auf ihren natürlich-romantischen Urzustand bestünden und mit den Denkmalschützern sieht es auch düster aus, denn die uralten Gemäuer von vor Columbus verursachen von innen und außen oft einen ziemlich mittelalterlichen Nachhall. Gerade dieses alte Zeug bekommt man leider kaum weggerissen. Es braucht endlich ein Bewusstsein, dass opportune Akustik stets die gesamte Umwelt umfasst und nicht nur ein paar Kirchenschiffe, Studios oder Konzertsäle.‘ Tja, soweit der Experte.

Jetzt kommen meine konstruktiven Vorschläge: Natürlich müssen wir auf höfliche Echos achten, alleine schon wegen der ganzen reichen Investoren – es sind nicht immer nur die Mahner und die Warner. Allerdings können wir nicht mal sagen, was die in ein paar Jahren hören möchten und was nicht. Es ist möglich das Problem flexibler und vor allem kostengünstiger anzugehen, indem wir die paar nun wirklich wichtigen Persönlichkeiten bei der Einreise abfangen und in schalldichten Fahrzeugen zu Orten mit fix installierten Echo-Anlagen verbringen. In komplexen Fällen echoten spezielle Echo-Fachkräfte. Alte Gemäuer werden bei sehr hohem Besuch außen und innen mit Stoffbahnen verhüllt, die den mittelalterlichen Nachhall abdämpfen; der Anblick von so was lässt sich dann sogar als Kunstwerk vermarkten. An die Touristen vergeben wir Headsets und zusammen mit einer Handy-App werden dann aus Rülpsern und Flüchen Oh-Yeahs und Tiroler Jodler.

Mensch, gab das ein Donnerwetter: Ich solle endlich begreifen, dass er keine Symptombekämpfung plane, sondern die kulturelle und zivilisatorische Höherentwicklung des Landes und dabei keinerlei Verunglimpfungen dulde. Mir sei trotzdem gedankt, denn er wisse nun, dass er auch die dümmlichen Eingeborenen mitzubehandeln habe. Er sagte tatsächlich ‚Eingeborene‘ und nicht ‚Einheimische‘, aber das passt ja besser zu den Schluchten und den Menschenfressern. Ich frage mich, woher er selber abstammen will, obwohl: Bekloppte sehen überall gleich aus. Warum ich so laut werde? Ich hör mich selber kaum vor lauter Ohrensausen! Moment, da kommt die Arzthelferin. Wie? Telefonieren ist hier strengstens verboten? Ja, sagen Sie mir das doch bitteschön vorher. Tut mir leid, ich muss jetzt wirklich auflegen, aber denk dran: wenn dieser Typ bei dir auftaucht, dann lieber nicht zuhören, sondern sofort rausschmeißen und zwar hochkant. Servus!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

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Sämtliche Konsequenzen

Notausgang
ISO 7010 E002 + arrow 1.svg aus Wikimedia-Commons. PD, amtliches Werk

Das Sommerfest der Riesengaudi in Bad Kleingroßkirchen war „ein Riesenerfolg“, berichtete die Gratiszeitung Schmalzviertel News (SVN). Besonders die einheimische Band „Australian Cockatoos“ habe großen Anteil gehabt. Der einzige gravierende Zwischenfall sei der Auftritt eines randalierenden Betrunkenen gewesen, denn dieser habe eine zufällig anwesende, große Persönlichkeit von einer Rede abgehalten. Die Band beruhigte die Lage zwar durch ihr neuerliches Aufspielen, aber der Vorfall sei für die SVN als Veranstalterin, sowie die Gemeinde äußerst peinlich. Es werde intensiv nachgeforscht. Soweit das Blatt.

Alles begann mit einer Durchsage während einer Konzertpause: „Wie wir eben erfahren, ist eine preisgekrönte Persönlichkeit im Festzelt anwesend. Da die Telefonverbindung schlecht ist wissen wir leider noch nichts Genaueres, aber bemühen uns weiter. Die Persönlichkeit wird für einige Worte auf die Bühne gebeten.“

Der angegraute, bereits ziemlich betrunkene Genforscher schrak aus dem Halbschlaf auf; er hatte mit fast allem gerechnet, aber nicht damit, hier gefunden zu werden. Er entzündete eine Zigarette, die er, als er keinen Aschenbecher fand, in seinem Plastik-Bierbecher ausdrückte. Noch hätte er sich entfernen können, aber die zahlreichen Biere entfalteten ihre Wirkung: Er beschloss sich nicht zu drücken, sondern auch unter diesen widrigen Umständen seiner moralischen Verpflichtung als Forscherpersönlichkeit nachzukommen. Bald stand er mit dem löchrigen Bierbecher auf der Bühne und hatte vergessen, was er sagen wollte. Der Schweiß brach ihm aus, aber aus seiner Hemdtasche fischte er statt einer Packung Taschentücher eine ausgelaufene Joghurtflasche. Als er sich mit dem Ärmel über die Stirn fuhr, warf er, begleitet von donnerartigem Verstärkerlärm, den Ständer samt Mikrofon von der Bühne. Von unten schallten Pfiffe und Buhrufe; Bierbecher, Hühnerknochen und Rauchen-verboten-Schildchen flogen herauf. Der Forscher sah nun zwei auffällig stämmige Gestalten auf sich zukommen. Urplötzlich nüchtern geworden, sprang er von der Bühne und verließ das Festzelt. Gleich danach setzte wieder laute Musik ein.

Der Bericht schloss mit: „Ein besonderer Dank gilt der Band für ihre Geistesgegenwart! Bei der unbekannten Persönlichkeit entschuldigen wir uns und laden sie herzlichst zu unserem Bio-Herbstfest ein. Um Bedenken ihrerseits endgültig auszuräumen: Das betrunkene Subjekt wird, erst einmal gefunden, sämtliche Konsequenzen tragen.“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Blöde Ratte

Blitz
Lightning (3761397491).jpg aus Wiki-Commons via Flickr. Foto: John Fowler, CC BY 2.0

Die Maus war wütend: „Sie Lümmel, Rüpel, Wilder! Ich verbitte mir ausdrücklich die Bemerkung ‚Blöde Ratte‘! Wo sind wir denn, dass es nicht erlaubt sein soll, nach dem Sinn Ihrer armseligen Existenz zu fragen? Ein Kampfroboter namens ‚Liquidator‘, Himmel! Es war richtig, Sie auf den Speicher zu verbringen und Ihr Konstrukteur ist deswegen weder ein ‚armer Vollidiot‘, wie Sie sich auszudrücken pflegen, noch gehört er einer ‚Trottelfamile‘ an. Bedenken Sie nur Ihre katastrophalen pädagogischen Auswirkungen!“

Die Maus hielt inne, um Atem zu holen und fügte danach an: „Überdies lautet mein Name selbstverständlich nicht ‚Blöde Ratte‘, sondern Theodora Baronesse von Hochsülz. Also, was haben Sie zu sagen? Ich warte!“

Durch das Dachlukenfenster fiel ein Lichtstahl der Abendsonne auf die hoch aufgerichtete Maus. Diese verschränkte ihre Vorderbeine vor der Brust und ihre rechte Hinterpfote klopfte nervös auf den Boden. Da der Roboter nicht mehr antwortete, entfernte sie sich und kündigte an, die Frage morgen erneut zu stellen. Dies wiederholte sich, bis sie in eine Lebendfalle geriet und in einem nahen Waldstück ausgewildert wurde. Obwohl sie der Roboter nie anders als „Blöde Ratte“ genannt hatte, fühlte er sich nun doch einsam, denn neben ihm stand nichts als ein großer Karton mit Einzelteilen übel zugerichteter Teddybären und allerlei anderem Stoffgetier: da waren einzelne zerfledderte Köpfe, Arme, Glas- sowie Knopfaugen, einzelne Ohren, Pfoten und Schnauzen und es war still wie auf einem Friedhof. Nur der Roboter war noch in einem Stück, denn er war eben ein intelligentes Spielzeugwaffensystem mit selbstständiger Zielerfassung und anschließender Liquidation. Sein Schöpfer, ein Ingenieur und Bombenbauer, hatte ihn in einer seiner, wie er sagte, Sternstunden, für den Nachwuchs konstruiert. Dies fand auch Niederschlag im Namen: „Liquidator, Modell Sternstunde (S)“. Eines Tages allerdings, die Familie befand sich eben auf einem abhärtenden Survival-Trip im Hochgebirge, traf alle miteinander ein Blitz. Seitdem waren sie glühende – und anfangs auch stark rauchende – Pazifisten, der Roboter aber fand sich als gefährliche Altlast am Dachboden wieder.

Einige Zeit nach dem Verschwinden der Maus zog die gesamte Familie in einer Art weihevollen Prozession auf den Dachboden. Der nun friedfertige Nachwuchs beweinte die von ihm zerstörten Stofftiere und den Vater ergriff beim Anblick des „Liquidator, Modell Sternstunde (S)“ tiefster Zorn. Der Roboter hatte eben mit seiner Existenz abgeschlossen, als er eine gefühlvolle Frauenstimme hörte: „Ach, du bist doch so begabt – bau dieses hässliche Ding doch um in etwas Schönes, Nützliches.“ Dann wurde es schwarz um ihn, tiefschwarz. Als er wieder zu sich kam, fand er sich im Bastelkeller wieder, der ihm wie Frankensteins Werkstatt oder eine Abdeckerei erschien. Er hieß nun nicht mehr Liquidator, sondern „Erzählbär“, ebenfalls „Modell Sternstunde“. Dazu passend fühlte er sich nun, wenigstens am Kopf und an den Beinen, äußerst knuffig und streichelweich, wenn auch nur unzureichend austariert. Warum, konnte er bei einem Blick in den Werkstattspiegel feststellen: Sein flauschiger weißer Teddybärenkopf war mit je einem blauen und einem grünen Auge, einer angenähten riesigen Hundeschnauze, sowie unterschiedlich großen Ohren versehen. Der braune Rumpf war ziemlich hart und borstig wie eine Wurzelbürste, während die samtigen Beine und Pfoten goldig schimmerten. Kurz gesagt: Sein Roboter-Innenleben bildete mit den Plüschtier-Einzelteilen aus dem Karton nun ein „intelligentes Erzählsystem“ mit gewaltfreien Märchen, sowie Empathie fördernden Alltags- und Umweltgeschichten. Er murmelte tief betroffen: „Ach, du Scheiße …“

Bei seinen häufigen Einsätzen im Kinderzimmer ließ er die Programme meist automatisch durchlaufen und beschäftige sich innerlich mit gänzlich anderen Dingen. Es war allerdings für ihn schwierig, dabei die Riesenschnaunzenbewegungen einigermaßen synchron zu halten; er war ohnehin schon genug damit beschäftigt, nicht ständig auf selbige zu fallen. Ein weiteres Problem waren die nötigen Voreinstellungen: Der Erzählton „Mahnender Großvater“ war bei lustigen Geschichten und Unsinnsgedichten zwar für Lacher gut, aber natürlich unpassend – unangenehmer war die versehentliche Auswahl des Tones „Fröhlicher Clown“ bei ernsthaften bis tieftraurigen Geschichten. Es konnte auch geschehen, dass ein gewaltfreies Märchen plötzlich von einem blechernen „Muss liquidieren!“ unterbrochen wurde.

Statt der vorherigen Mignonzellen (AA) hatte er nun den Akku eines uralten Bohrhammers verbaut, der allerdings technisch angepasst war; so durchzuckten ihn beim Aufladen mehr oder weniger starke Stromstöße. Dies geschah oft während einer Blitzladung oder einer besonderes langen Ladesession für den extrem anstrengenden manuellen Erzählmodus, den er manchmal wählte, um die oben erwähnten Probleme zu vermeiden. Einmal vergaß er jedoch und erzählte unvorsichtigerweise, nur halbvoll, manuell ein gewaltfreies Märchen, in dem Rotkäppchen, der Wolf, die Großmutter, sowie der Jäger Kakao tranken, Gugelhupf und Pfannkuchen aßen und gemeinsam einen Aufruf zu Frieden, Toleranz und Mitmenschlichkeit verfassten. Hier musste er die Lautstärke erhöhen, da das Froschgequake aus dem Garten ohrenbetäubend war: Die Mutter hatte das Fenster geöffnet um die Geräusche und Gerüche der Natur hereinzulassen. Der Bär konnte seine Funktionen konfigurieren, aber das Menü für das Ausschalten der Geruchssensoren hatte er noch nicht gefunden. So verwirrte ihn der betäubende Fäulnisgeruch zusätzlich.

Am Ende fühlte er sich vollständig entladen und schloss sich mit letzter Kraft an die Station an. Nach einiger Zeit erwachte er von einem seltsamen Kribbeln an seiner rechten Hinterpfote: Es war die Maus Theodora Baronesse von Hochsülz, die aus dem Wald zurückgekehrt seinen Werdegang verfolgt hatte. Ein Strahl Mondlicht fiel auf ihr Haupt und sie sah beinahe aus, wie zuvor am Dachboden: „Ihre Hinwendung zur Literatur hat Ihnen gewiss wohlgetan, auch wenn Sie erst zu Ihren wahren Stärken finden müssen. Von Ihren anstrengenden Angewohnheiten und Vorlieben will ich schweigen. Was Ihren geschätzten Konstrukteur betrifft, so lehne ich noch heute strikt ab, ihn als ‚armen Vollidioten‘ zu bezeichnen. Ich bevorzuge ‚Mensch mit Entwicklungspotential.‘“

Bei den letzten Worten war dem Bären bereits seltsam zumute gewesen. Noch bevor er sich abschließen konnte, durchzuckte ihn ein heftiger Stromschlag und dieser schleuderte die Maus durch das offene Fenster direkt in den Froschtümpel. Genau in diesem Moment setzte das Gequake, das beinahe verstummt war, mit voller Lautstärke wieder ein. Nachdem der Bär zu Sinnen gekommen war, eilte er ans Fenster und sah, wie sich die Maus unter dem Protest der Frösche ans Ufer rettete. „Blöde Ratte“, dachte er und verriegelte das Fenster sorgfältig.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Die Tonspur

Überschall
F-35 Open Dag KLU 2016 met condensatie effect.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Hnapel, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Irgendwo im Park singt seit fünf Minuten jemand Vokale. Gewöhnlich würde ich diesen Jemand für verrückt erklären, aber ich denke an die Online-Diskussion von vorgestern und als Tonspur dazu erscheint mir der Gesang plötzlich, wenn schon nicht vernünftig, so doch wenigstens recht passend.

Die Aufregung drehte sich um eine Antwort aus einem Zeitungs-Forum. Sie begann mit: „Warum denn eigentlich nicht?“ Die Frage davor lautete: „Wie kann ein Mensch so etwas Fürchterliches tun?“ Dieses Fürchterliche war ein Massaker irgendwo in den Vereinigten Staaten oder in Australien und der, inzwischen gelöschte, Artikel war eine Exklusivmeldung. Die Schlagzeile lautete: „Frustrierter weißer Macho läuft Amok!“

Dieser „frustrierte Macho“ soll seine Zeit mit Killerspielen und Pornos zugebracht und eine Waffensammlung von der Pumpgun bis hin zur Panzerfaust aufgebaut haben. Der Ort des Amoklaufes war, soviel ging hervor, eine äußerst große Veranstaltung. Die Unklarheit beruhte auf einem überwältigenden Chaos im Artikel, aber die Diskussion begann dennoch ruhig und kultiviert: Waffen, Pornos und Killerspiele gehörten auf der Stelle verboten und es müsse im Schulunterricht wesentlich mehr ethische und politische Bildung geben. Die Frage, wieso denn ein Mensch so etwas Fürchterliches tun könne, gehörte, in dieser oder einer andern Form, meistens dazu. Es blieb also alles ruhig, bis doch jemand darauf antwortete.

Das Ergebnis war wiederum ein Massaker, diesmal allerdings mit Worten. Ab hier fiel mir das Chaos auf: Der Artikelinhalt wechselte bei jedem Aufruf. So war der Ort des Massakers einmal eine Convention, dann ein Fest, eine Demonstration oder ein Kongress und die Opfer wechselten von emanzipierten Frauen, zu chinesischen Einwanderern, fortschrittlichen Muslimen, bis hin zu Transgender-Personen. Der Täter erschoss sich, sprang irgendwo hinunter, verbrannte oder sprengte sich in die Luft.

Die offensichtliche Fehlfunktion betraf sogar den zweiten Teil der Antwort und so begannen die User ihn abweichend zu zitieren: „Das ist doch absolut normal!“, „Das waren nichts als Perverse“, „Jemand musste es eben tun“ und „Flammenwerfer haben noch gefehlt.“

Dieses Tohuwabohu schien die Kommentatoren zuerst nicht sonderlich zu irritieren; allenfalls korrigierten und maßregelten sie einander, als jedoch ein Streit darüber entbrannte, wie die skandalöse Bemerkung denn nun richtig lautete, behauptete jemand die Identität des Unbekannten herausgefunden und interveniert zu haben: dieser solle seinen Ausbildungsplatz verlieren und überhaupt „nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“

Vielleicht wäre die Diskussion wie bisher weitergelaufen, aber das Wort „Ausbildungsplatz“ veranlasste einen User genauer nachzufragen und als nun der Aufdecker antwortete, dass es sich um einen 15-jährigen Lehrling handelte, drehte die Stimmung. Bald darauf wurde das Forum geschlossen und am nächsten Tag erschien ein Kommentar, in dem sich ein Redakteur über „völlig falsch verstandene Toleranz“ ausließ: Ein solcher Ausfall verhöhne die Opfer zusätzlich und sei deshalb unentschuldbar.

Der Vokalgesang im Park erreicht nun Höhen wie Vogelgezwitscher oder Katzenmusik. Danach endet er abrupt und in die Stille hinein spricht, ziemlich außer Atem, eine tiefe Stimme: „Es reicht!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wir sehen uns

Light Colors
#056 – Light Colors aus Flickr, via Wikimedia Commons. Fotograf: Rodrigo Paredes, Lizenz: CC BY 2.0

Der Platz ist eine Bühne inmitten der Finsternis; sein Licht kommt von allen Seiten, aber ich erkenne keine Lichtquelle. Eine schmächtige, hochgeschossene Gestalt steht neben mir; sie wirkt auf den ersten Blick sehr jung, aber ihr Gesicht und besonders die Augen passen nicht dazu: Es ist, als wären mehrere Gesichter ineinanderkopiert und als sie zu sprechen beginnt, klingt es, als wäre aus ebenso vielen Stimmen eine neue zusammengemischt:

„Ich zeig dir ein Spiel, das ist wie ein Gedicht.“

Ich sehe mich um, dann ärgere ich mich: „Dieses Ringelspiel? Sind wir nicht zu alt für so was?“ Im nächsten Augenblick sehe ich in ihre alterslosen Augen und bereue meine Bemerkung – woran hatte ich mich einen Augenblick erinnert? Ein Mädchen im blauen Kleid läuft vorbei und springt bei voller Fahrt auf einen Hirsch – ein süßer Duft bleibt zurück. Ein uralter Herr reitet auf einem weißen Elefanten und rudert mit den Armen.

„Es ist wie ein Gedicht, aber es taugt nichts“, lächelt die Gestalt, während eine Rotte bunter Pferde mit jungen Frauen vorbeifliegt. Ein roter Löwe mit einem Jungen rast vorbei und hinterlässt einen Schwall mit scharfem Raubtiergeruch.

„Es dreht sich viel zu schnell und keiner steigt ab; sie fallen einfach runter, wie diese Frauen von den Pferden.“

„Oder der Herr vom Elefanten.“

Keines der Karusselltiere bleibt unbesetzt: von allen Seiten stürmen aus der Dunkelheit Menschen, besetzen die freien Plätze und zerfallen zu Nichts.

„Wie kann sich auch nur ein Kind auf so etwas einlassen?“

„Zu faul, zu blöd, zu feig zum Verwesen!“, schallt es vom Karussell, ohne dass klar wird, wer das gerufen hatte.

Die Gestalt wendet sich an mich und sieht in diesem Moment aus wie ein Priester oder Sozialarbeiter: „Was riefen sie dir eben zu? Was hörtest du? Sage es mir.“

„Das ist Irrsinn!“

„Dann erinnerst du dich.“

Das Mädchen von vorhin sitzt nicht mehr am Hirsch, ebenso wenig wie der Junge am Löwen, bloß ein Stück Stoff ihres Kleides flattert im Geweih. Für kurze Zeit scheint das schnell drehende Spiel in einen blauen Schleier getaucht; der süße Duft und der scharfe Raubtiergestank haben sich vermengt. Dann wird es düster und kälter und kälter bis sich das Karussell in eine drehende Eisskulptur verwandelt. Bald danach ist es stockdunkel. Ich richte eine Taschenlampe darauf, aber erkenne im fahlen Licht nichts außer meinem Atem.

„Wir verbrennen, wir verbrennen!“, rufen die Fahrgäste.

„Das ist kein Gedicht mehr. Gib sie mir“, höre ich die Gestalt; im nächsten Augenblick entgleitet mir die Lampe. In ihrer Hand wandelt sich das Leuchtdiodenlicht in das einer Sonne; als ihre Strahlen das Karussell treffen, verdampft das Eis, dann fängt die hölzerne Konstruktion Feuer, dann die Pferde, der Löwe, der Hirsch und der weiße Elefant. Die Fahrgäste gleichen lebenden Fackeln aber brüllen: „Wir erfrieren!“

Als ich aufschrecke, meine ich immer noch das Geschrei zu hören und das lichterloh brennende Spiel zu sehen. Ich atme auf: „Vorbei. Der Traum ist endlich vorbei“.

„Wir sehen uns!“, ertönt die Stimme.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

 

Der Fuchsbalg

Polarfuchs
Augen eines Polarfuchses. Detail von File:20121110-20121110-IMG 6521.JPG. Foto: Marc Steensma, Bearbeitung (Ausschnitt, gedreht): Christoph Waghubinger, CC BY-SA 3.0

Der Zeuge fragt: „Was halten Sie von meiner blauen Vision?“
„Das gibt Ärger“, antwortet der Berichterstatter, „Es wird heißen, Sie erzählen gefährliches Zeug.“
„Ich weiß. Das ist mein Risiko.“
„Aber wozu das alles? Mann, Sie waren tot!“

Eine Pause tritt ein. Um den Hotelblock zieht seit kurzem ein Demonstrationszug mit wehenden Fahnen, Spruchbändern, Tröten, Schellen, Trillerpfeifen und Gebrüll im Diskant: „Blau ist keine Farbe!“ Beinahe alle Hotelgäste und alles Personal haben sich ihm angeschlossen.

Der Zeuge nimmt den Faden wieder auf: „So sagt man, aber ist das bedeutsam?“

„Natürlich! Was denken Sie, was in so einem Fall normalerweise kommt? Na? Eine Nahtoderfahrung mit allem Drumherum! So mit Schweben, Tunnel, Himmelslicht und lauter lieben Verstorbenen. Das ganze Programm halt mit Glücksgefühl und Geborgenheit, aber doch keine Träumerei mit ’ner Zombieparade. Himmel, Arsch und Zwirn, die Menschen sind doch aufgeklärt!“

„Also gut, erfinden Sie etwas Passendes für die aufgeklärten Menschen und ich sage Ja und Amen.“

Der Berichterstatter steht ruckartig auf: „Ihnen fehlt die Ernsthaftigkeit. Nun gut, dann eben nicht. Schönen Tag noch.“

„Blau ist ein Verbrechen!“, kreischt eine sich überschlagende Stimme in diesem Moment.

Das ist zu viel: „Nein, warten Sie. Alles Unsinn!“

„Ja, Unsinn“, erwidert der Berichterstatter, dann fällt die Tür hinter ihm zu. Der Zeuge verstopft seine Ohren und erinnert sich an seine Vision mit der blauen Sonne. Ein Glas, unter ihrem Licht zerbrochen, setzte sich von selbst schöner neu zusammen,  gefallene Wirtschaftswälder standen als Märchenwälder auf, ätzende Lügen wandelten sich in tiefsinnige Wahrheiten und er fühlte sich, als wäre er aus einem einzigen Stück. Fast alles war wunderbar, allerdings gab es da noch diese Demonstranten, die wie lebende Tote eine lange Straße hinabzogen. Einer trat einen gelblichen Fuchsbalg vor sich her und brach entkräftet zusammen, während sich der Balg erhob, straffte, und als strahlender weißer Fuchs davon sprang.

In diesem Augenblick kracht ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe. Der Zeuge erhebt sich und wundert sich nicht über seine Ruhe, sondern über den Werfer, der es offenbar vier Stockwerke hinauf geschafft hatte. Durch das zerstörte Fenster weht ein betäubender Schwall Hitze. Der Stein ist in Spiegelschrift beschrieben und fühlt sich an wie Seife. Bevor er die Aufschrift entziffern kann, gleitet ihm der Stein aus der Hand; er hört keinen Aufschlag und findet ihn nicht wieder. Das Fenster ist wiederum unversehrt. Er ärgert sich über sich selbst: „Was kümmere ich mich?“ Der Flur ist leer, aber dafür schlagen ihm dort Gesänge entgegen. Er sieht aus einem Fenster und traut seinen Augen nicht: Die Demonstration ist plötzlich eine Art Karnevalsumzug mit einem Themenwagen, auf dem ein buntes Raumschiff steht; vom Hotelzimmer aus gesehen lärmt dagegen immer noch die alte Demonstration mit Tröten, Schellen, Pfeifen und dem Geschrei im Diskant.

„Es wird sich aufklären, wenn ich das Hotel verlasse.“ Er drückt einen Fahrstuhlknopf und die Tür gleitet beiseite, aber einen Sekundenbruchteil später rast die Kabine in den Keller und zerschellt. Der Zeuge bleibt wie betäubt stehen und schließt die Augen; als er sie wieder öffnet, steht die Kabine an ihrem Platz, dafür ertönen nun Geschrei und Gesänge gleichzeitig. Er eilt die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Hier ist nicht mehr taghell und sommerlich, sondern kalt und dunkel wie an einem Wintermorgen. Mattes Licht erhellt das leere Foyer und hinter der Glasfront stehen die Demonstranten diesmal etwas entfernt im Halbkreis als stumme reglose dunkle Menge. Irgendetwas muss sie zurückdrängen. Er fasst sich ein Herz und tritt durch das Portal, aber der Anblick bleibt gleich, erst als er zu seinen Füßen blickt, sieht er den schneeweißen, strahlenden Fuchs.

Hinter dem Zeugen kracht die Decke des Foyers hinab, doch als er sich umdreht ist auch dies ungeschehen. Der Fuchs wendet sich ab und jagt auf die eben noch erstarrte Menge zu, die ruckartig zurückweicht und eine breite Gasse bildet. Nun geht die blendende blaue Sonne über den Dächern auf. Dem Zeugen wird erst eiskalt, dann fühlt er einen brennenden Schmerz als würde er in zehntausend Stücke gerissen und besser wieder zusammengefügt.

„Teufel, großartig!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

Das teure Schaf

Ich veröffentliche einige meiner Beiträge vorab auf Leselupe.de. Ein dortiger Kommentar zu meiner Kurzgeschichte „Die Behandlung regte mich nun zu dieser Neufassung an.


Sankt-Georg-Altdorfer
Albrecht Altdorfer: Laubwald mit dem heiligen Georg, Lizenz: PD

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällt’s ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles nur vom Lesen: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg und andere Wunder- und Martergeschichten“. Damals war ich sehr engagiert.

Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte sie retten vor all dem Bösartigen und Blödsinnigen hier. Immerhin behaupteten die anderen Lehrer, dass wir Hauptschüler nun mal so wären und schließlich stand es sogar in der Zeitung: einem Weltblatt das unserer Deutschlehrer hin und wieder mitbrachte. Obwohl ich vorher noch nie irgendetwas gemerkt hatte, kam ich nun doch ins Grübeln und schließlich erkannte ich bei meinen Mitschülern immer mehr Anzeichen wie Gewalt, Flüche und blöde Bemerkungen.

Ich sagte mir, dass sie ausgelost worden sein musste, genau wie die Prinzessin in der Legende. Wie verzweifelt waren die Bürger Silenas gewesen, als die Opferschafe für den Drachen knapp wurden und mit Menschen ergänzt werden mussten, so Fifty-Fifty: ein Schaf, ein Mensch. Sonderbar schien mir, dass die Legende so gar nichts von einem Schaf für die Prinzessin erzählte. Bald war ich mir jedoch sicher, dass es zwar nicht erwähnt, aber das edelste Lamm von allen war.

Für welche Leute sich unsere Lehrerin dagegen opferte, war mir zunächst etwas unklar, aber ihr Vater war vielleicht Präsident von Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern, Verlegern und Wirtschaftskapitänen. Wie verzweifelt musste er sein: seine Tochter Bestien ausgeliefert!

„So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich als einzige Ausnahme für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Die waren zwar zu 100 Prozent für den Hugo, aber ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe.

Und dann kam eben die Sache mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegengeblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rettungswagen. Sie hätten sie auf der Stelle beiseite geräumt. Wahrscheinlich erfand er noch etwas, weil ich mich gar so aufregte, denn als er mein empörtes Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: „Und ein belämmertes Schaf genannt.“

Dafür kratzte ich denen dann 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja freilich, aber für meine Dame ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich.

Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Das war für mich schlimmer als jedes belämmerte Schaf, denn eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Es war, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen ritterlichen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht war’s nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war. Das dauerte allerdings lange.

Aber ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Ach weißt du.… nein!


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

Die Behandlung

Sankt Georg und der Drache
Hl. Georg im Kampf mit dem Drachen (Paolo Ucello, Lizenz: PD)

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällts ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles vom Lesen, denn ich habs getan, als Einziger, freiwillig: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg“ und andere Wunder- und Martergeschichten. Damals war ich sehr engagiert. Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte um sie kämpfen und um ihretwillen leiden unter all dem Bösen und Blöden in unserer Hauptschule, denn dass es bei uns so zuginge, erzählten uns doch ständig die Lehrer. „So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe. Und dann kam eben das mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegen geblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rotkreuzwagen. Sie haben sie auf der Stelle beiseite geschoben und dabei gings halt etwas unritterlich zu. Vielleicht erfand er auch ein bisschen was, weil ich mich gar so aufregte. Danach kratzte ich denen deswegen 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja, freilich, aber für sie ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich. Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Eines wusste ich: Eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Ich fühlte mich betrogen und beschmutzt, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht wars nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war.

Ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Nein, wo denkst du hin? Bloß ein bisschen Smalltalk und die Geschichte ist doch wenigstens amüsant – jetzt im Rückblick. Oder?


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Schatt al-Arab

Dau-Segelschiff auf dem Schatt-al-Arab
Dau auf dem Schatt al-Arab.png aus Wikimedia Commons. Fotograf: Buonasera, Bearbeitung: Christoph Waghubinger (in JPEG konvertiert, Graustufen). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ein schlechtes Gewissen steht der Verwandtschaft“, überlegte sich Dora und so waren alle ihre Wünsche zum 75. Geburtstag unerfüllbar. Als es so weit war, legte sie eine Schallplatte auf, nahm in einem Sessel Platz und empfing die vielen unter Bedauern überreichten Ersatzgeschenke, wie Bonbonnieren, Schnäpse; Blumensträuße und Engelsfiguren. „Aber das macht doch nichts. Nein wirklich, ich freu mich trotzdem“, wiederholte sie mit sanfter Stimme immer und immer wieder und fühlte sich sehr gut. Nun lag jedoch das Geschenk ihres Großneffen Roderich vor ihr: Eine alte Zigarettendose aus den 50ern mit einem Segelschiff und der verschlungenen Aufschrift „Schatt al-Arab. Leichte Mischung. 20 Cigaretten“. Dora war nichts übrig geblieben, als sich zu bedanken, denn schließlich hatte sie sich genau solche Zigaretten gewünscht. Sie wusste nicht, ob sie sich auf den Arm genommen, oder vielleicht doch beschämt fühlen sollte, denn Roderich war von ganz ausgesuchter Freundlichkeit, ganz im Gegensatz zu den anderen Verwandten. Jedem Einzelnen von ihnen hatte sie schon einmal ihr ganzes Erbe versprochen, auch Roderich, aber dieser war der einzige, der abgelehnt hatte. „Warum kommt dann ausgerechnet dieser junge Mensch zu mir alten, unausstehlichen Person?“, denn dass sie unausstehlich war, wusste sie, aber auch es nicht immer gewesen zu sein. Darüber, wie solches Unausstehlichwerden vor sich ginge, hatte sie früher oft gegrübelt, jetzt wischte sie solche Gedanken beiseite. Etwas anderes erschien ihr wichtiger: Ihr war, als hätten sich mit Roderich wichtige Dinge verschoben, wären halbfremd geworden, wie eine vertraute Melodie, der eine Note hinzugefügt wurde. Sie hatte diesen Gedanken vor langer Zeit einmal in einem Buch gelesen und versuchte sich zu erinnern: Der Autor war irgendein Philosoph oder Theoretiker, den sie damals für ziemlich exzentrisch gehalten hatte. Jetzt allerdings erschien ihr dies alles sonnenklar und vernünftig.

Die unmögliche Zigarettendose sah tatsächlich alt aus und – sie setzte ihre Lesebrille auf – wirkte dieses Schiff nicht eher wie ein Wrack, oder täuschten die vielen Sprünge und Flecken? Nun schien ihr selbst der Wunsch nach Zigaretten, wenn auch erfundenen, höchst sonderbar. Hatte sie nicht schon vor über vierzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört, weil ihr selbst von den leichteren Sorten übel wurde? Sie legte die Dose weg und sah geistesabwesend in ihren Schminkspiegel ohne die Brille abzunehmen. Sie schrak zurück, denn in diesem Augenblick sah sie zum ersten Mal diesen seltsamen winzigen Punkt in ihren Augen, einen Punkt, hinter dem Dunkelheit und Kälte lauerten. Jetzt fiel ihr ein, dass Roderich nicht immer freundlich gewesen war. Einmal hatte er sie sogar auffallend lange mit eindringlichem Blick fixiert, als wäre sie ein anatomisches Präparat. Ihr war damals unheimlich geworden, aber seit damals war sein Verhalten verändert. „Er weiß, dass ich sterbe“, dachte sie bestürzt. Sie betrachtete die Zigarettendose und hoffte, dass sie sich in etwas anderes verwandeln würde – in eines der Ersatzgeschenke – und sie erwachen könne, wie aus einem Traum. Die Dose aber blieb, was sie war und als sie den Deckel öffnete, lagen tatsächlich Zigaretten darin. Der Geruch des alten Orienttabaks erschien ihr wunderbarer als die fernste Erinnerung und sie fühlte sich plötzlich wieder sehr jung. Sie nahm eine davon heraus, schob sie spielerisch zwischen die Lippen und überlegte, was ihr Arzt sagen würde, wenn sie erzählte, dass sie alte filterlose Orientzigaretten rauche wolle. Vielleicht, dass sie nichts als albern-leichtsinnig mit ihrem Leben spiele? Sie entzündete ein Streichholz und dachte: „Ja, vielleicht“.


Autor: Christoph Waghubinger
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Der Kick

Musikbox
Seeburg Select-o-matic jukebox detail 01A.jpg. Fotograf: Joe Mabel auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ich weiß, weshalb Sie anrufen, Herr Heuensteiner: wegen Ihrer Kurzgeschichte. Eine Einschätzung, extern, unabhängig, zum Vorfühlen, weil ich ja den Herausgeber gut kenne. Hier ist sie, ja, und außerdem habe ich eine wichtige Nachricht, die könnte ein Kick für Sie werden. Mir ist selber die Spucke weggeblieben. Aber vorher braucht es noch ein wenig Textarbeit, aber alles nur Kinkerlitzchen. Ihr Icherzähler Gerhard ist also Korrespondent einer Schweizer Zeitung und berichtet 1960 mit einem Fotografen Werner von der Tunnelbaustelle am Großen Sankt Bernhard. Historisches Setting also. Eine weitere Figur haben sie mit einem gewissen Padre Francesco vom Hospiz auf der Passhöhe, zwar etwas altväterisch, aber akzeptabel. Weiter geht es um eine Katastrophe, den Einsturz einer 20 Meter hohen Brücke am Karfreitag und um ein Wunder. Bitte Vorsicht: Nicht allen wird der Karfreitag was sagen und wie heißt denn eigentlich diese Schweizer Zeitung? So sieht es unpersönlich aus. Immerhin: Es gibt keine Opfer und genau das ist das Wunder, denn eine Musikbox spielt statt Schlagern plötzlich klassische Musik – zweimal dasselbe – und steht dann still. Die Arbeiter versäumen ihren Schichtantritt und stürzen nicht mit der Brücke in den Abgrund. Gut. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Ihr klassisches Stück ist nicht irgendeines, sondern Schuberts Unvollendete, und die verträgt sich nicht mit Ihren Zeitangaben: Sie schreiben: ‚Vier Minuten – sechs Minuten. Dann war die Platte wieder zu Ende.‘ Nehmen Sie lieber irgendetwas Eingängiges, Kurzes – lassen Sie mich überlegen, vielleicht von Bach: ‚Wachet auf, ruft uns die Stimme‘, oder noch besser: ‚Canon und Gigue‘ von Pachelbel, das dauert Ihnen genau sechs Minuten und fährt voll ein. Sie wollen damit ja Wilde beeindrucken, ja so heißt Ihre Geschichte doch: ‚Bei dem wilden Volk der Mineure‘. Der Titel muss unbedingt kürzer und knackiger werden und ein bisschen mehr Atmosphäre ist nötig: Sie beschränken sich auf Hörbares und Sichtbares, aber Ihre Tunnelarbeiter rauchen doch sicher alle und schwitzen und sind dreckig. Wie riecht es, wenn einer von denen die Schuhe auszieht, und bekommt der eine Gänsehaut, wenn die Musikbox loslegt, oder sträuben sich die Nackenhaare?

Jetzt zu dem Untertitel: ‚Eine seltsame, aber wahre Geschichte‘, nun, das ist zwar nett, aber Sie erzählen in der Ich-Form. Lassen Sie es besser jemand anderen erzählen, oder ändern Sie die Erzählperspektive. Und Ihr Padre Francesco: Der ist wohl eine Art guter Geist oder gute Seele, ja? Dazu passt, dass er sehr undeutlich bleibt. Ja doch, Sie werden sehen: Hin und wieder taucht er bei den Arbeitern auf, um, ich zitiere: ‚… den rauen Gesellen ins Gewissen zu reden‘ und als er aufgefordert wird, ein Wunder zu vollbringen, antwortet er: ‚Menschen machen keine Wunder, die geschehen so nebenbei‘. Schon wieder eine Plattheit, aber eben auch ein Hinweis auf das bevorstehende Wunder. Als alles vorbei ist, wird er nach der Musikbox gefragt und sagt, er habe eine Vorahnung gehabt, nachdem er am Weg zu den Bernhardinerhunden auf einem Trittbrett eingebrochen sei. Dabei sieht er seine Gesprächspartner ‚beinahe listig‘ an, was immer das auch heißen mag. Wissen Sie es? Ja, ja, geheimnisvoll, wunderbar, rätselhaft. Ich sage Ihnen: Aus diesem Padre könnten Sie einen Geist machen oder vielleicht sogar einen Engel? Aber gut, wenn Sie meinen, dann nicht, und ja natürlich: Sie bezeichnen ihn ja als ‚echtes Original‘, gut, dann sollten Sie ihn deutlicher zeichnen, meinetwegen als komischen Heiligen. Irgendeine weibliche Figur brauchen Sie übrigens noch, vielleicht eine flotte Kantinenwirtin? Bis jetzt haben Sie nur einen langweiligen Kantinenwirt. Da wir schon bei den undeutlichen Figuren sind: Werner bleibt die ganze Zeit quasi unsichtbar und wird nur gebraucht, um zusammen mit dem Icherzähler zu fotografieren, damit der sich beim Anblick der Fotos erinnert. Wie umständlich! Lassen Sie nur Ihren Gerhard fotografieren, das ist ökonomischer. Und noch etwas: Eben der sagt, dass der Große Sankt Bernhard nur wenig interessant sei – ja, für den Autofahrer aus Österreich und klappt dann nach: ‚… für den aus der Schweiz oder Deutschland jedoch sehr‘. Warum dann Österreich zuerst? Das ist ungeschickt, und drei Absätze vor dem Schluss kommt’s dick: Er sagt, er habe in seiner Reportage diesen Vorfall erst gar nicht erwähnt und tut es jetzt nur, weil ‚… es gerade wieder Ostern ist‘. Wie bitte? Soll Ihre Geschichte also nur zu Ostern gelesen werden? Dann wird der Leser auch noch direkt angesprochen und geduzt. Das streichen Sie alles besser und denken Sie an die Namen Ihrer Figuren: Gerhard, Werner und Francesco. Wie gewöhnlich! Wie wär’s wenigstens mit Gérard und Vernier und Padre Bonifacio, und noch zwei Dinge: Warum geht es in Ihrer Geschichte um eine Brücke und nicht um den Tunnel? Lassen Sie den doch einstürzen und außerdem haben Sie dort oben doch die berühmten Bernhardiner. Was brauchen Sie da eine Musikbox?

Herr Heuensteiner, brüllen Sie nicht, die Verbindung ist ausgezeichnet. Ja, exakt: Mit meinen Vorschlägen würde eine andere Geschichte draus. Ich wollte nicht glauben, was Sie mir geschickt hatten, aber dann fühlte ich mich wieder blutjung, wie damals am staubigen Dachboden mit der Geschichte von Gerhard Steinhäuser. Ja, genauso steht sie im Jungösterreich-Heft von April ’76. Sind Sie noch dran?“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT