Archiv der Kategorie: Kurzprosa

Ja, na und?

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Thusnelda sah von der Zeitung auf und erschrak: „Da steht ein Typ am Gartenzaun und starrt mich an.“
Ihr Mann Baldrian antwortete, ohne von seinem Smartphone aufzusehen: „Ja, na und?“
„Das stört dich nicht?“
„Es ist nicht verboten, aber sicher starrt er nicht dich an, sondern woanders hin.“
Sie erhob sich und schloss den Vorhang. Nach fünf Minuten ertönte Stimmengewirr und sie schob den Vorhang beiseite: „Jetzt ist draußen ein Menschenauflauf.“
„Das ist eine Demonstration.“
„In unserer Wohnstraße? Wer soll hier demonstrieren?“
„Das weiß ich nicht, junge Leute demonstrieren sehr schnell. Vielleicht gehst du raus und fragst sie.“
„Das sind keine jungen Leute und außerdem sehen sie gefährlich aus. Geh du doch raus.“
„Zieh den Vorhang einfach wieder zu. Ja?“
Nach wiederum fünf Minuten walzte ein Bagger mit Abrissbirne den Gartenzaun nieder.
„Die Irren wollen unser Haus abreißen, ich rufe die Polizei.“
„Himmel! Häuser werden einmal gebaut und einmal abgerissen, auch unseres, das ist kein Grund, die Polizei zu rufen oder Leute für irre zu erklären.“
Nun brach die Abrissbirne durch, die Mauer stürzte ein, es wurde dunkel. In diesem Augenblick erwachte Thusnelda erleichtert und begann wieder Zeitung zu lesen. Sie sah auf und erschrak: „Da steht ein Typ am Gartenzaun und starrt mich an.“
Ihr Mann Baldrian antwortete, ohne von seinem Smartphone aufzusehen: „Ja, na und?“


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Wasserralle

Eine Wasserralle
Ralaqu.jpg aus Wikimedia Commons. Foto: Pierre Dalous, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Meine Aufnahme ist eine Klangtapete mit friedvollen Tönen und kontrastierenden Geräuschen. Ich hatte in der Au Wassergurgeln mit Glockengeläut aufgenommen, dann quiekte ein Vogel dazwischen und schließlich stritten eine Frau und ein Junge: „Ist der Herr endlich fertig? Wir müssen zur Klangtherapeutin, deine Aggressionen behandeln.“
„Nein! Das war eine seltene Wasserralle und jetzt ist sie weg, du …“, er suchte nach einem Wort: „… Geräuschprinzessin!“
„Oh, das tut mir sehr leid, aber es ist nett, dass du mich trotzdem Prinzessin nennst.“
„Ja, eine fürs Klo.“
Eine Ohrfeige schallte und dann verschwanden beide zur Klangtherapeutin.
Ich lud alles geschnitten und abgemischt ins Träumelandforum hoch. Eine der Kritiken lautet: „Grundsätzlich gut gemachtes Soundfile mit Tönen vom Land. Die Idylle wird regelmäßig von schrägem Vogelgeschrei durchbrochen, das ist reizvoll, aber ein Kind sagt am Schluss etwas Unverschämtes und bekommt dafür eine Ohrfeige. Ich verzichte deshalb auf die Höchstwertung und vergebe nur sieben von zehn Traummännlein.“


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Biene und Schmetterling

Der Boxer Ferdinand Schnalzer konnte nach nur einem halben Jahr wieder feste Nahrung zu sich nehmen, seine Nase und sein Gebiss waren rekonstruiert worden und auch die Sprünge im Schädel verheilt. Die Ärzte sprachen von einem Wunder: es bleibe nur eine sogenannte „weiche Birne“ zurück, wie sie bei Boxern üblich sei. Er hatte zuvor während einer Reise durch die Vereinigten Staaten mit einem berühmten Kollegen gesprochen, dem, wie er sagte: „Völlig aufgeblasenen und überbewerteten Angeber Muhammad Ali.“ Dabei kam es zu folgendem Dialog:
„Merk dir eines, Fremder: Ich schwebe wie ein Schmetterling und steche wie eine Biene.“
„Genau. Du stichst wie die Biene Maja.“
„Diese Bienenart kenne ich nicht, sag du es mir.“
„Aber das ist egal, du Schmetterling. Biene ist Biene.“
„Ich werde mich informieren.“
Nach einer Weile kam der Weltmeister zurück: „Meine Brüder schwören, dass es eine Witzfigur für Kinder ist. Entschuldige dich!“
„Ach woher denn, oder nein, jetzt weiß ich es: Du schmetterst mir sonst eine?“

Muhammad Ali finanzierte Schnalzer danach eine Behandlung in einer Privatklinik. Er sagte: „Ich denke manchmal nicht darüber nach, was ich tue, aber ich weiß, dass es richtig ist.“


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Im inneren Kreis

Ich überprüfe meine Bilder: „Verflixt. Alle abgesoffen oder ausgerissen.“ Das Wandgemälde, vor dem ich stehe, ist eine stilisierte Blüte aus sieben Kreisen. Sechs davon sind Blütenblätter mit Münchner Stadtansichten, aber im Blütenkorb überstrahlt ein mit Leuchtfarben gemaltes Comic-Porträt. Jetzt erscheint eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn, der offenbar Nepumuk heißt. Sie hält ein Quiz über die Ansichten ab, aber das Kind interessiert sich nur für das strahlende Porträt. Ich vergesse darüber meinen Ärger und die neuen Bilder gelingen mir. Am Ende seufzt die Mutter: „O Pumuckl.“


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Einschaltung

Die Musik verstummte, dann ertönte eine Stimme: „Es folgt eine Einschaltung im öffentlichen Interesse“. Nach lautem Knacken und Rascheln blieb es dann allerdings still. Fabian überlegte, was interessant sein könnte, griff zu Papier und Stift und notierte ein paar Vermutungen. Als die Übertragung wieder anging, war die Einschaltung vorbei und Schlagermusik lief. Fabian drehte ab, rief beim Sender an und bedankte sich für die anregende Unterbrechung.


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Im Ernst

Großer und kleiner Pinsel
Big and small paintbrush (Unsplash).jpg. Fotograf: William Felker, Lizenz: CC0 1.0

„Nein, auf dem Kindergarten-Mural wurde nichts übermalt. Der Künstler hatte zuerst einen Entwurf für eine lustige Theaterszene mit einem Kasperle, einem Professor, einem Großvater und einem Teufelchen vorgestellt. Wir lehnten das ab, weil Kinder ein Recht auf ernst zu nehmende Vorbilder haben. Es sei zwar trotzdem gut, auf den autoritären Wachtmeister zu verzichten, aber andererseits schlecht, das Böse zu verniedlichen, wie beim Teufelchen. Solche religiösen Themen solle er vermeiden. ‚Das ist machbar‘, sagte der Künstler, und jetzt haben wir dafür ein Wandbild mit einem Charlie Chaplin, einem Albert Einstein, einem Albert Schweitzer und einem Krokodil.“


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Fünf Eigenschaften

Höllenmaschine
Dixi-Rennwagen im Grunewald 25-07-1922.jpg. Foto: unbekannt / Bearbeitung (beschnitten, Tonwert angepasst, Retuschen): Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Die eindrucksvollsten Fortbewegungsmittel vereinen stets fünf Eigenschaften: Sie sind extrem schnell, ihre Bedienung ist gefährlich und sie verursachen enorme Erschütterungen, viel Lärm und große Mengen Abgase. Beispiele dafür sind Dampflokomotiven im 19. Jahrhundert, Automobile im frühen 20. Jahrhundert und bis heute Düsenflugzeuge und Weltraumraketen. Auf den ersten Blick scheint die Geschwindigkeit der einzige Vorteil zu sein, aber man muss auch die Stimulierung aller Sinne berücksichtigen. Hinzu kommt die Befriedigung, eine lebensgefährliche Technologie zu beherrschen. Dies rechtfertigt diese Maschinen, bis sie zu Massenverkehrsmitteln werden, denn ihre Verlangsamung, ein Übermaß an Emissionen und eine einfachere, kaum noch stimulierende Bedienung lassen die Wahrnehmung ins Negative kippen. Wenn nun Lärm, Abgase und Vibrationen reduziert oder sogar beseitigt werden, bleiben reizlose Verkehrsmittel zurück, die von neuen mit den oben genannten Eigenschaften ersetzt werden.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Irrer Friedhof

„Mensch Killian, dieser Schrottplatz schimpft sich Friedhof.“
„Pst, nicht so laut, Xaver. Hier trauern Menschen.“
„Um Schrott.“
„Um Autos.“
Xaver fotografierte ein Prachtmosaik und trat für das gesamte Gebäude ein paar Schritte zurück: „Vergoldetes Tor, Goldkuppel, vier Türme, Mosaik ‚Himmelfahrt eines Ferrari‘. Wär so was Abgefahrenes nicht für unsereinen?“
„Nein, eine Garage ist nicht angebracht.“
„Zugegeben: Der Besitzer des Ferrari fand das auch und ließ seine Asche mit einer Kanone verschießen.“
„Das ist passend für einen Waffenproduzenten.“
„Und unser Architekt und Mosaikkünstler war Jaguarfutter.“
„Diese Spende an den Zoo war anständig. Denk an die strahlenden Kinderaugen.“
„Aber er hat kein Grab. Was soll ich stattdessen fotografieren? Einen Jaguar?“
„Nein, das Grabmal seines Citroën 2CV, oder seiner Ente, wenn du das besser verstehst.“
„Ach Killian.“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das Brückenlachen

Brücke
Unterhimmel.jpg aus Wikimedia Commons, Foto: Michael Brezocnik, Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

„Teufel, wer ist das?“ Er dreht sich um, aber sieht niemanden: „Ja, lacht mich die Natur aus?“
Noch bis eben war ihm alles ideal erschienen: Das Licht, der Blick von der Brücke, die Kameraeinstellungen, aber gleich darauf entdeckte er einen fettigen Film auf der Linse. Kaum hatte er sie gereinigt, zog eine Wolkenbank vor die Sonne. „Hundert Fotos für nichts. Vielleicht hätte ich opfern sollen?“
Er denkt an einen Film: Eine Tanzlehrerin steht auf einer Brücke und kramt nach Kleingeld, aber ein Windstoß weht ihre Dollarscheine in den Fluss. Bald darauf macht sie Karriere, nicht als Tanzlehrerin, aber als Radiopsychologin. „War das ein Flussgott? Hier bei mir siehts nach einem Kobold aus. Opfert man Kobolden? Nein, das ist doch Quatsch.“
Er trinkt aus einer Colaflasche und steckt sie ein, ohne sie zuzuschrauben. Als die Sonne durchbricht, lässt sich die nasse Kamera einschalten, aber schießt von selbst Reihenaufnahmen. Die Bilder werden brillant und am Monitor erscheint das Menü einer zehnmal teureren Profikamera. Er dreht sich um: „Mein Gott, wer lacht hier?“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0