Schatt al-Arab

Dau-Segelschiff auf dem Schatt-al-Arab
Dau auf dem Schatt al-Arab.png aus Wikimedia Commons. Fotograf: Buonasera, Bearbeitung: Christoph Waghubinger (in JPEG konvertiert, Graustufen). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ein schlechtes Gewissen steht der Verwandtschaft“, überlegte sich Dora und so waren alle ihre Wünsche zum 75. Geburtstag unerfüllbar. Als es so weit war, legte sie eine Schallplatte auf, nahm in einem Sessel Platz und empfing die vielen unter Bedauern überreichten Ersatzgeschenke, wie Bonbonnieren, Schnäpse; Blumensträuße und Engelsfiguren. „Aber das macht doch nichts. Nein wirklich, ich freu mich trotzdem“, wiederholte sie mit sanfter Stimme immer und immer wieder und fühlte sich sehr gut. Nun lag jedoch das Geschenk ihres Großneffen Roderich vor ihr: Eine alte Zigarettendose aus den 50ern mit einem Segelschiff und der verschlungenen Aufschrift „Schatt al-Arab. Leichte Mischung. 20 Cigaretten“. Dora war nichts übrig geblieben, als sich zu bedanken, denn schließlich hatte sie sich genau solche Zigaretten gewünscht. Sie wusste nicht, ob sie sich auf den Arm genommen, oder vielleicht doch beschämt fühlen sollte, denn Roderich war von ganz ausgesuchter Freundlichkeit, ganz im Gegensatz zu den anderen Verwandten. Jedem Einzelnen von ihnen hatte sie schon einmal ihr ganzes Erbe versprochen, auch Roderich, aber dieser war der einzige, der abgelehnt hatte. „Warum kommt dann ausgerechnet dieser junge Mensch zu mir alten, unausstehlichen Person?“, denn dass sie unausstehlich war, wusste sie, aber auch es nicht immer gewesen zu sein. Darüber, wie solches Unausstehlichwerden vor sich ginge, hatte sie früher oft gegrübelt, jetzt wischte sie solche Gedanken beiseite. Etwas anderes erschien ihr wichtiger: Ihr war, als hätten sich mit Roderich wichtige Dinge verschoben, wären halbfremd geworden, wie eine vertraute Melodie, der eine Note hinzugefügt wurde. Sie hatte diesen Gedanken vor langer Zeit einmal in einem Buch gelesen und versuchte sich zu erinnern: Der Autor war irgendein Philosoph oder Theoretiker, den sie damals für ziemlich exzentrisch gehalten hatte. Jetzt allerdings erschien ihr dies alles sonnenklar und vernünftig.

Die unmögliche Zigarettendose sah tatsächlich alt aus und – sie setzte ihre Lesebrille auf – wirkte dieses Schiff nicht eher wie ein Wrack, oder täuschten die vielen Sprünge und Flecken? Nun schien ihr selbst der Wunsch nach Zigaretten, wenn auch erfundenen, höchst sonderbar. Hatte sie nicht schon vor über vierzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört, weil ihr selbst von den leichteren Sorten übel wurde? Sie legte die Dose weg und sah geistesabwesend in ihren Schminkspiegel ohne die Brille abzunehmen. Sie schrak zurück, denn in diesem Augenblick sah sie zum ersten Mal diesen seltsamen winzigen Punkt in ihren Augen, einen Punkt, hinter dem Dunkelheit und Kälte lauerten. Jetzt fiel ihr ein, dass Roderich nicht immer freundlich gewesen war. Einmal hatte er sie sogar auffallend lange mit eindringlichem Blick fixiert, als wäre sie ein anatomisches Präparat. Ihr war damals unheimlich geworden, aber seit damals war sein Verhalten verändert. „Er weiß, dass ich sterbe“, dachte sie bestürzt. Sie betrachtete die Zigarettendose und hoffte, dass sie sich in etwas anderes verwandeln würde – in eines der Ersatzgeschenke – und sie erwachen könne, wie aus einem Traum. Die Dose aber blieb, was sie war und als sie den Deckel öffnete, lagen tatsächlich Zigaretten darin. Der Geruch des alten Orienttabaks erschien ihr wunderbarer als die fernste Erinnerung und sie fühlte sich plötzlich wieder sehr jung. Sie nahm eine davon heraus, schob sie spielerisch zwischen die Lippen und überlegte, was ihr Arzt sagen würde, wenn sie erzählte, dass sie alte filterlose Orientzigaretten rauche wolle. Vielleicht, dass sie nichts als albern-leichtsinnig mit ihrem Leben spiele? Sie entzündete ein Streichholz und dachte: „Ja, vielleicht“.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

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