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Der Fuchsbalg

Polarfuchs
Augen eines Polarfuchses. Detail von File:20121110-20121110-IMG 6521.JPG. Foto: Marc Steensma, Bearbeitung (Ausschnitt, gedreht): Christoph Waghubinger, CC BY-SA 3.0

Der Zeuge fragt: „Was halten Sie von meiner blauen Vision?“
„Das gibt Ärger“, antwortet der Berichterstatter, „Es wird heißen, Sie erzählen gefährliches Zeug.“
„Ich weiß. Das ist mein Risiko.“
„Aber wozu das alles? Mann, Sie waren tot!“

Eine Pause tritt ein. Um den Hotelblock zieht seit kurzem ein Demonstrationszug mit wehenden Fahnen, Spruchbändern, Tröten, Schellen, Trillerpfeifen und Gebrüll im Diskant: „Blau ist keine Farbe!“ Beinahe alle Hotelgäste und alles Personal haben sich ihm angeschlossen.

Der Zeuge nimmt den Faden wieder auf: „So sagt man, aber ist das bedeutsam?“

„Natürlich! Was denken Sie, was in so einem Fall normalerweise kommt? Na? Eine Nahtoderfahrung mit allem Drumherum! So mit Schweben, Tunnel, Himmelslicht und lauter lieben Verstorbenen. Das ganze Programm halt mit Glücksgefühl und Geborgenheit, aber doch keine Träumerei mit ’ner Zombieparade. Himmel, Arsch und Zwirn, die Menschen sind doch aufgeklärt!“

„Also gut, erfinden Sie etwas Passendes für die aufgeklärten Menschen und ich sage Ja und Amen.“

Der Berichterstatter steht ruckartig auf: „Ihnen fehlt die Ernsthaftigkeit. Nun gut, dann eben nicht. Schönen Tag noch.“

„Blau ist ein Verbrechen!“, kreischt eine sich überschlagende Stimme in diesem Moment.

Das ist zu viel: „Nein, warten Sie. Alles Unsinn!“

„Ja, Unsinn“, erwidert der Berichterstatter, dann fällt die Tür hinter ihm zu. Der Zeuge verstopft seine Ohren und erinnert sich an seine Vision mit der blauen Sonne. Ein Glas, unter ihrem Licht zerbrochen, setzte sich von selbst schöner neu zusammen,  gefallene Wirtschaftswälder standen als Märchenwälder auf, ätzende Lügen wandelten sich in tiefsinnige Wahrheiten und er fühlte sich, als wäre er aus einem einzigen Stück. Fast alles war wunderbar, allerdings gab es da noch diese Demonstranten, die wie lebende Tote eine lange Straße hinabzogen. Einer trat einen gelblichen Fuchsbalg vor sich her und brach entkräftet zusammen, während sich der Balg erhob, straffte, und als strahlender weißer Fuchs davon sprang.

In diesem Augenblick kracht ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe. Der Zeuge erhebt sich und wundert sich nicht über seine Ruhe, sondern über den Werfer, der es offenbar vier Stockwerke hinauf geschafft hatte. Durch das zerstörte Fenster weht ein betäubender Schwall Hitze. Der Stein ist in Spiegelschrift beschrieben und fühlt sich an wie Seife. Bevor er die Aufschrift entziffern kann, gleitet ihm der Stein aus der Hand; er hört keinen Aufschlag und findet ihn nicht wieder. Das Fenster ist wiederum unversehrt. Er ärgert sich über sich selbst: „Was kümmere ich mich?“ Der Flur ist leer, aber dafür schlagen ihm dort Gesänge entgegen. Er sieht aus einem Fenster und traut seinen Augen nicht: Die Demonstration ist plötzlich eine Art Karnevalsumzug mit einem Themenwagen, auf dem ein buntes Raumschiff steht; vom Hotelzimmer aus gesehen lärmt dagegen immer noch die alte Demonstration mit Tröten, Schellen, Pfeifen und dem Geschrei im Diskant.

„Es wird sich aufklären, wenn ich das Hotel verlasse.“ Er drückt einen Fahrstuhlknopf und die Tür gleitet beiseite, aber einen Sekundenbruchteil später rast die Kabine in den Keller und zerschellt. Der Zeuge bleibt wie betäubt stehen und schließt die Augen; als er sie wieder öffnet, steht die Kabine an ihrem Platz, dafür ertönen nun Geschrei und Gesänge gleichzeitig. Er eilt die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Hier ist nicht mehr taghell und sommerlich, sondern kalt und dunkel wie an einem Wintermorgen. Mattes Licht erhellt das leere Foyer und hinter der Glasfront stehen die Demonstranten diesmal etwas entfernt im Halbkreis als stumme reglose dunkle Menge. Irgendetwas muss sie zurückdrängen. Er fasst sich ein Herz und tritt durch das Portal, aber der Anblick bleibt gleich, erst als er zu seinen Füßen blickt, sieht er den schneeweißen, strahlenden Fuchs.

Hinter dem Zeugen kracht die Decke des Foyers hinab, doch als er sich umdreht ist auch dies ungeschehen. Der Fuchs wendet sich ab und jagt auf die eben noch erstarrte Menge zu, die ruckartig zurückweicht und eine breite Gasse bildet. Nun geht die blendende blaue Sonne über den Dächern auf. Dem Zeugen wird erst eiskalt, dann fühlt er einen brennenden Schmerz als würde er in zehntausend Stücke gerissen und besser wieder zusammengefügt.

„Teufel, großartig!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

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Das Tier

Sunupbirdsflare
Sunupbirdsflare.jpg. Fotograf: Jmettlen auf Wikimedia Commons, CC-BY-SA-3.0

„Er ist wie ein Tier“, denkt sie und betrachtet den Jungen, der sich in der Sitzreihe gegenüber hingelegt und seinen Rucksack auf den Boden geworfen hatte. Er blättert in einem Mathematikbuch und kritzelt etwas in einen Notizblock, danach schüttelt er den Kopf, zerknüllt den Zettel und wirft beides auf den Boden. Das Buch ist eine Ausgabe für Hauptschulen mit einer großen Drei auf dem Einband. „Also höchstens dreizehn“, stellt sie fest. Ihre Kopfschmerzen sind nach drei morgendlichen Tabletten beinahe verschwunden, aber sie fühlt sie immer noch wie unter örtlicher Betäubung. Sie fährt gewöhnlich nicht mit dem Zug, aber ein Marder hatte in ihrem Wagen Kabel durchgebissen. Ihre Fingernägel drücken sich beim Gedanken daran in den abgewetzten Kunststoffbezug. Der Junge gähnt und rekelt sich, bis seine in schmuddeligen Turnschuhen steckenden Füße über die Armlehne in den Gang ragen. Seine Haare sind etwas wirr und das T-Shirt und die kurze Hose trägt er schon sehr lange. Bei jeder Bewegung weht ein Schwall spitzer Käsegeruch hinüber. Er holt ein Mobiltelefon aus dem Rucksack, oder besser einen Miniaturcomputer, legt den Kopf auf die Armlehne bei der Waggonwand und spricht mit Blick zur Decke. Seine Schneidezähne stehen etwas ab und die Ohren ragen aus einem struppigen Haardickicht. „Ja, wie ein Tier – ein Äffchen“, und gleich danach fällt ihr ihre Tochter Désirée ein, die ebenso alt ist, aber wie eine Dame aussieht. Ob es in Ordnung ist, einen fremden Jungen so anzustarren, fragt sie sich und beruhigt sich selbst: „Aber natürlich, da ist noch nichts los“. Der Junge riecht ihr Parfüm und verzieht sein Gesicht, danach erzählt er einen ordinären Witz und verbringt die nächsten Minuten feixend damit, dessen Hauptfiguren durch Bekannte, Freunde und Lehrer zu ersetzen. Auf einer Zeitschrift, die hinter ihm an einem Haken hängt, ist eine Erdkugel in einer Hand zu sehen und darunter steht: „Die Welt gehört dir.“
Ihre Kopfschmerzen kehren mit voller Stärke zurück. Sie sucht nach ihren Tabletten, aber findet sie nicht sofort. Schließlich schüttelt sie drei aus einem Glasfläschchen und trinkt dazu aus einer Mineralwasserflasche. Sie sieht sich um, ob sie jemand beobachtet, aber da ist nur dieser Junge, der über den Witz lacht. Plötzlich hält er inne und drückt mehrmals die Resettaste des Telefons, danach schüttelt er es und wirft es mit einem Ausruf auf den gegenüberliegenden Sitz: „uraltes Zeug!“
„So eines will Désirée“, denkt sie beim Blick auf das beinahe neue Gerät, „aber sie muss nicht alles … nein, verflixt, ich habe die falschen Tabletten eingefüllt.“ Plötzlich scheint ihr, als falle sie in einen Abgrund und es wird dunkel. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie Wolken, Wasser, Wüsten und Wälder auf einer Kugel in der Hand dieses Jungen, aber es ist nicht die Welt, sondern sein Spielzeug – solange es funktioniert. Es funktioniert nicht und er schließt wütend die Hand. „Nein!“, ruft sie, und erwacht. Sie sieht sich um: Hat sie etwas gesagt? Der Junge beachtet sie nicht. Sein Spielzeug funktioniert wieder und er hört damit Musik. Nachdem die Übelkeit nachgelassen hatte, stellt sie fest, dass sie über das Ziel hinausgefahren ist. Fünf Minuten später steht sie auf einem Bahnsteig und überlegt, ob sie auf einen Gegenzug warten oder ein Taxi rufen soll. Schließlich fühlt sie Schwindel und setzt sich. Die Sonne geht eben als blutroter Ball auf und sie blinzelt hinein.
„Uraltes Zeug“, hört sie die Stimme des Jungen laut neben sich. Sie sieht sich um, aber da ist niemand. Mit ohrenbetäubendem Getöse fährt nun der Zug wieder an. „Ich muss zum Arzt“, murmelt sie, „zum Arzt.“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT