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Ja, na und?

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Thusnelda sah von der Zeitung auf und erschrak: „Da steht ein Typ am Gartenzaun und starrt mich an.“
Ihr Mann Baldrian antwortete, ohne von seinem Smartphone aufzusehen: „Ja, na und?“
„Das stört dich nicht?“
„Es ist nicht verboten, aber sicher starrt er nicht dich an, sondern woanders hin.“
Sie erhob sich und schloss den Vorhang. Nach fünf Minuten ertönte Stimmengewirr und sie schob den Vorhang beiseite: „Jetzt ist draußen ein Menschenauflauf.“
„Das ist eine Demonstration.“
„In unserer Wohnstraße? Wer soll hier demonstrieren?“
„Das weiß ich nicht, junge Leute demonstrieren sehr schnell. Vielleicht gehst du raus und fragst sie.“
„Das sind keine jungen Leute und außerdem sehen sie gefährlich aus. Geh du doch raus.“
„Zieh den Vorhang einfach wieder zu. Ja?“
Nach wiederum fünf Minuten walzte ein Bagger mit Abrissbirne den Gartenzaun nieder.
„Die Irren wollen unser Haus abreißen, ich rufe die Polizei.“
„Himmel! Häuser werden einmal gebaut und einmal abgerissen, auch unseres, das ist kein Grund, die Polizei zu rufen oder Leute für irre zu erklären.“
Nun brach die Abrissbirne durch, die Mauer stürzte ein, es wurde dunkel. In diesem Augenblick erwachte Thusnelda erleichtert und begann wieder Zeitung zu lesen. Sie sah auf und erschrak: „Da steht ein Typ am Gartenzaun und starrt mich an.“
Ihr Mann Baldrian antwortete, ohne von seinem Smartphone aufzusehen: „Ja, na und?“


Autor: Christoph Waghubinger, Lizenz: CC BY-SA 4.0