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Der Kick

Musikbox
Seeburg Select-o-matic jukebox detail 01A.jpg. Fotograf: Joe Mabel auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ich weiß, weshalb Sie anrufen, Herr Heuensteiner: wegen Ihrer Kurzgeschichte. Eine Einschätzung, extern, unabhängig, zum Vorfühlen, weil ich ja den Herausgeber gut kenne. Hier ist sie, ja, und außerdem habe ich eine wichtige Nachricht, die könnte ein Kick für Sie werden. Mir ist selber die Spucke weggeblieben. Aber vorher braucht es noch ein wenig Textarbeit, aber alles nur Kinkerlitzchen. Ihr Icherzähler Gerhard ist also Korrespondent einer Schweizer Zeitung und berichtet 1960 mit einem Fotografen Werner von der Tunnelbaustelle am Großen Sankt Bernhard. Historisches Setting also. Eine weitere Figur haben sie mit einem gewissen Padre Francesco vom Hospiz auf der Passhöhe, zwar etwas altväterisch, aber akzeptabel. Weiter geht es um eine Katastrophe, den Einsturz einer 20 Meter hohen Brücke am Karfreitag und um ein Wunder. Bitte Vorsicht: Nicht allen wird der Karfreitag was sagen und wie heißt denn eigentlich diese Schweizer Zeitung? So sieht es unpersönlich aus. Immerhin: Es gibt keine Opfer und genau das ist das Wunder, denn eine Musikbox spielt statt Schlagern plötzlich klassische Musik – zweimal dasselbe – und steht dann still. Die Arbeiter versäumen ihren Schichtantritt und stürzen nicht mit der Brücke in den Abgrund. Gut. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Ihr klassisches Stück ist nicht irgendeines, sondern Schuberts Unvollendete, und die verträgt sich nicht mit Ihren Zeitangaben: Sie schreiben: ‚Vier Minuten – sechs Minuten. Dann war die Platte wieder zu Ende.‘ Nehmen Sie lieber irgendetwas Eingängiges, Kurzes – lassen Sie mich überlegen, vielleicht von Bach: ‚Wachet auf, ruft uns die Stimme‘, oder noch besser: ‚Canon und Gigue‘ von Pachelbel, das dauert Ihnen genau sechs Minuten und fährt voll ein. Sie wollen damit ja Wilde beeindrucken, ja so heißt Ihre Geschichte doch: ‚Bei dem wilden Volk der Mineure‘. Der Titel muss unbedingt kürzer und knackiger werden und ein bisschen mehr Atmosphäre ist nötig: Sie beschränken sich auf Hörbares und Sichtbares, aber Ihre Tunnelarbeiter rauchen doch sicher alle und schwitzen und sind dreckig. Wie riecht es, wenn einer von denen die Schuhe auszieht, und bekommt der eine Gänsehaut, wenn die Musikbox loslegt, oder sträuben sich die Nackenhaare?

Jetzt zu dem Untertitel: ‚Eine seltsame, aber wahre Geschichte‘, nun, das ist zwar nett, aber Sie erzählen in der Ich-Form. Lassen Sie es besser jemand anderen erzählen, oder ändern Sie die Erzählperspektive. Und Ihr Padre Francesco: Der ist wohl eine Art guter Geist oder gute Seele, ja? Dazu passt, dass er sehr undeutlich bleibt. Ja doch, Sie werden sehen: Hin und wieder taucht er bei den Arbeitern auf, um, ich zitiere: ‚… den rauen Gesellen ins Gewissen zu reden‘ und als er aufgefordert wird, ein Wunder zu vollbringen, antwortet er: ‚Menschen machen keine Wunder, die geschehen so nebenbei‘. Schon wieder eine Plattheit, aber eben auch ein Hinweis auf das bevorstehende Wunder. Als alles vorbei ist, wird er nach der Musikbox gefragt und sagt, er habe eine Vorahnung gehabt, nachdem er am Weg zu den Bernhardinerhunden auf einem Trittbrett eingebrochen sei. Dabei sieht er seine Gesprächspartner ‚beinahe listig‘ an, was immer das auch heißen mag. Wissen Sie es? Ja, ja, geheimnisvoll, wunderbar, rätselhaft. Ich sage Ihnen: Aus diesem Padre könnten Sie einen Geist machen oder vielleicht sogar einen Engel? Aber gut, wenn Sie meinen, dann nicht, und ja natürlich: Sie bezeichnen ihn ja als ‚echtes Original‘, gut, dann sollten Sie ihn deutlicher zeichnen, meinetwegen als komischen Heiligen. Irgendeine weibliche Figur brauchen Sie übrigens noch, vielleicht eine flotte Kantinenwirtin? Bis jetzt haben Sie nur einen langweiligen Kantinenwirt. Da wir schon bei den undeutlichen Figuren sind: Werner bleibt die ganze Zeit quasi unsichtbar und wird nur gebraucht, um zusammen mit dem Icherzähler zu fotografieren, damit der sich beim Anblick der Fotos erinnert. Wie umständlich! Lassen Sie nur Ihren Gerhard fotografieren, das ist ökonomischer. Und noch etwas: Eben der sagt, dass der Große Sankt Bernhard nur wenig interessant sei – ja, für den Autofahrer aus Österreich und klappt dann nach: ‚… für den aus der Schweiz oder Deutschland jedoch sehr‘. Warum dann Österreich zuerst? Das ist ungeschickt, und drei Absätze vor dem Schluss kommt’s dick: Er sagt, er habe in seiner Reportage diesen Vorfall erst gar nicht erwähnt und tut es jetzt nur, weil ‚… es gerade wieder Ostern ist‘. Wie bitte? Soll Ihre Geschichte also nur zu Ostern gelesen werden? Dann wird der Leser auch noch direkt angesprochen und geduzt. Das streichen Sie alles besser und denken Sie an die Namen Ihrer Figuren: Gerhard, Werner und Francesco. Wie gewöhnlich! Wie wär’s wenigstens mit Gérard und Vernier und Padre Bonifacio, und noch zwei Dinge: Warum geht es in Ihrer Geschichte um eine Brücke und nicht um den Tunnel? Lassen Sie den doch einstürzen und außerdem haben Sie dort oben doch die berühmten Bernhardiner. Was brauchen Sie da eine Musikbox?

Herr Heuensteiner, brüllen Sie nicht, die Verbindung ist ausgezeichnet. Ja, exakt: Mit meinen Vorschlägen würde eine andere Geschichte draus. Ich wollte nicht glauben, was Sie mir geschickt hatten, aber dann fühlte ich mich wieder blutjung, wie damals am staubigen Dachboden mit der Geschichte von Gerhard Steinhäuser. Ja, genauso steht sie im Jungösterreich-Heft von April ’76. Sind Sie noch dran?“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Das Tier

Sunupbirdsflare
Sunupbirdsflare.jpg. Fotograf: Jmettlen auf Wikimedia Commons, CC-BY-SA-3.0

„Er ist wie ein Tier“, denkt sie und betrachtet den Jungen, der sich in der Sitzreihe gegenüber hingelegt und seinen Rucksack auf den Boden geworfen hatte. Er blättert in einem Mathematikbuch und kritzelt etwas in einen Notizblock, danach schüttelt er den Kopf, zerknüllt den Zettel und wirft beides auf den Boden. Das Buch ist eine Ausgabe für Hauptschulen mit einer großen Drei auf dem Einband. „Also höchstens dreizehn“, stellt sie fest. Ihre Kopfschmerzen sind nach drei morgendlichen Tabletten beinahe verschwunden, aber sie fühlt sie immer noch wie unter örtlicher Betäubung. Sie fährt gewöhnlich nicht mit dem Zug, aber ein Marder hatte in ihrem Wagen Kabel durchgebissen. Ihre Fingernägel drücken sich beim Gedanken daran in den abgewetzten Kunststoffbezug. Der Junge gähnt und rekelt sich, bis seine in schmuddeligen Turnschuhen steckenden Füße über die Armlehne in den Gang ragen. Seine Haare sind etwas wirr und das T-Shirt und die kurze Hose trägt er schon sehr lange. Bei jeder Bewegung weht ein Schwall spitzer Käsegeruch hinüber. Er holt ein Mobiltelefon aus dem Rucksack, oder besser einen Miniaturcomputer, legt den Kopf auf die Armlehne bei der Waggonwand und spricht mit Blick zur Decke. Seine Schneidezähne stehen etwas ab und die Ohren ragen aus einem struppigen Haardickicht. „Ja, wie ein Tier – ein Äffchen“, und gleich danach fällt ihr ihre Tochter Désirée ein, die ebenso alt ist, aber wie eine Dame aussieht. Ob es in Ordnung ist, einen fremden Jungen so anzustarren, fragt sie sich und beruhigt sich selbst: „Aber natürlich, da ist noch nichts los“. Der Junge riecht ihr Parfüm und verzieht sein Gesicht, danach erzählt er einen ordinären Witz und verbringt die nächsten Minuten feixend damit, dessen Hauptfiguren durch Bekannte, Freunde und Lehrer zu ersetzen. Auf einer Zeitschrift, die hinter ihm an einem Haken hängt, ist eine Erdkugel in einer Hand zu sehen und darunter steht: „Die Welt gehört dir.“
Ihre Kopfschmerzen kehren mit voller Stärke zurück. Sie sucht nach ihren Tabletten, aber findet sie nicht sofort. Schließlich schüttelt sie drei aus einem Glasfläschchen und trinkt dazu aus einer Mineralwasserflasche. Sie sieht sich um, ob sie jemand beobachtet, aber da ist nur dieser Junge, der über den Witz lacht. Plötzlich hält er inne und drückt mehrmals die Resettaste des Telefons, danach schüttelt er es und wirft es mit einem Ausruf auf den gegenüberliegenden Sitz: „uraltes Zeug!“
„So eines will Désirée“, denkt sie beim Blick auf das beinahe neue Gerät, „aber sie muss nicht alles … nein, verflixt, ich habe die falschen Tabletten eingefüllt.“ Plötzlich scheint ihr, als falle sie in einen Abgrund und es wird dunkel. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie Wolken, Wasser, Wüsten und Wälder auf einer Kugel in der Hand dieses Jungen, aber es ist nicht die Welt, sondern sein Spielzeug – solange es funktioniert. Es funktioniert nicht und er schließt wütend die Hand. „Nein!“, ruft sie, und erwacht. Sie sieht sich um: Hat sie etwas gesagt? Der Junge beachtet sie nicht. Sein Spielzeug funktioniert wieder und er hört damit Musik. Nachdem die Übelkeit nachgelassen hatte, stellt sie fest, dass sie über das Ziel hinausgefahren ist. Fünf Minuten später steht sie auf einem Bahnsteig und überlegt, ob sie auf einen Gegenzug warten oder ein Taxi rufen soll. Schließlich fühlt sie Schwindel und setzt sich. Die Sonne geht eben als blutroter Ball auf und sie blinzelt hinein.
„Uraltes Zeug“, hört sie die Stimme des Jungen laut neben sich. Sie sieht sich um, aber da ist niemand. Mit ohrenbetäubendem Getöse fährt nun der Zug wieder an. „Ich muss zum Arzt“, murmelt sie, „zum Arzt.“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

In dreißig Stunden

Geysir auf dem Namedyer Werth in Andernach
Andernach – Namedyer Werth – Geysir 33 ies.jpg aus Wikimedia Commons. Fotograf: Frank Vincentz, CC-BY-SA-3.0

Dora steht an meinem Bett im Krankenzimmer und mustert mich: „Du musst furchtbar geträumt haben.“
Mein Puls rast wie verrückt und ich bin schweißgebadet und völlig außer Atem. Ich brauche eine Minute, um antworten zu können, aber dann sage ich: „Nein, nein, ganz im Gegenteil. Es war herrlich, ganz wunderbar.“ Es war eine unpassende Antwort und ich betrachte den leicht angewiderten Gesichtsausdruck meiner Freundin. Er steht ihr. Auch sie ist etwas außer Atem und ich frage mich warum. Ich habe die Wahrheit gesagt, denn der Traum selbst war schön, furchtbar war das Aufwachen. Sie sieht den gerahmten Spruch auf meinem Nachtkästchen, den ich längst hätte wegräumen sollen: „Von Monat zu Monat kaputter“.
„Ich bringe dir auf der Stelle einen schönen, weisen Spruch.“
„Womöglich ‚Carpe diem‘ mit Röslein drumherum? Ach, lass mich mit Weisheiten in Ruhe.“ Ich falle in das Kopfkissen zurück und schließe die Augen. Nach einer halben Minute höre ich ihre Stimme:
„Ich verzeihe es dir.“
Ich wechsle das Thema: „Etwas Gutes hat die Weihnachtszeit hier: Fast alle fahren heim und ich habe ein Zimmer für mich allein.“
„Ein Sterbezimmer …“, murmelt sie, gerade so laut, dass ich es höre.
„Es ist nicht das erste Mal, das ich so kaputt bin.“
Wieder Stille. Sie fingert an ihrer Tasche herum. Ich weiß: Sie wartet auf einen Anruf. Ihr neuer Freund wird anrufen, um sie loszueisen, wie ich es selbst früher getan habe. Sie ist wohl außer Atem, weil sie nicht den Lift genommen, sondern der Fitness wegen die sechs Stockwerke hochgelaufen ist.
Sie fragt: „Also nicht das erste Mal?“, und ich höre nicht heraus ob aus Interesse, Langeweile oder Pflichtgefühl. Aber damit werde ich dieses Schweigen los.

„Ja. Ich war nicht älter als fünfzehn. Es war beinahe wie jetzt: Keiner wusste, was ich hatte. Der Doktor untersuchte mich, fand nichts, schickte mich zu Fachärzten, die auch nichts fanden und sagte am Ende Sachen wie ‚Das ist dein Naturell!‘, dann ‚Du bist doch so jung!‘ und schließlich ‚Du musst gesund sein wollen!‘ Ich wollte ja, fühlte mich aber trotzdem fix und fertig. Der kalte Schweiß brach mir aus, mein Puls raste und ich konnte nur ein paar Hundert Meter gehen und musste mich dann ausruhen. Noch dazu war Winter. Ich nahm mir etwas vor: eine Wallfahrt. Weißt du, wenn nichts mehr hilft, dann macht man so was, manche saufen belebtes Weihwasser und ich hatte eben einen Waldberg im Blick, den ich von meinem Zimmer aus sehen konnte. Ich sagte mir, dass bei einem Felsen dort oben das Grab eines Riesen sei und dass ich dorthin pilgern müsse und dann würde ich gesund. Ja, ich war völlig fertig.

Ende März war der richtige Zeitpunkt gekommen, denn der Schnee schmolz und ich fühlte mich etwas besser. Ich verriet nicht mein Vorhaben, sondern sagte, dass ich lange spazieren gehen würde. Nachdem ich querfeldein am Fuß des Berges angekommen war, fand ich keinen der alten Wege wieder und geriet in das dunkelste Fichtendickicht. Nun kam plötzlich wieder alles zurück: meine Atemlosigkeit, mein rasender Puls und der kalte Schweiß. Ich dachte, ich käme niemals hinauf und vor allem nie wieder zurück, aber bald lichtete sich der Wald und überall standen nun statt Fichten Föhren. Ich hatte von unten nie bemerkt, dass da völlig andere Bäume wuchsen. Es war plötzlich heiß und trocken, wie im Sommer und es roch verbrannt. Und dann sah ich bei einem Felsen das Grab. Ich war sehr zufrieden – ich wusste es doch. Ich wunderte mich allerdings, dass es nicht würdiger war. Er sah aus wie ein ganz gewöhnliches Grab, sogar mit einer Blumenvase auf der Einfassung. Nur viel größer und noch etwas war anderes: Die Inschrift am Stein war zackiges Gekrakel. Völlig unverständlich. Aber egal, ich war sowieso geschafft, also wollte ich mich einfach hinlegen, am Besten aufs Grab. Da ich knapp vorm Verdursten war, trank ich sogar das Blumenwasser: Es schmeckte nicht einmal übel. Dann konnte ich das Gekrakel lesen: ‚Hol Wasser.‘ Darüber wunderte ich mich nicht einmal, bloß darüber, woher ich in dieser heißen, trockenen Gegend Wasser herbekommen sollte. Aber ich nahm die Vase und ging einfach los. Ich war noch nicht weit gekommen, als sich der Boden unter mir hob und dann schoss eine Quelle heraus, ach was sag ich: eine Fontäne. Ich konnte gerade noch zur Seite springen. ‚Das ist nicht normal‘, dachte ich, ‚da hab ich was kaputtgemacht, den Wald kaputtgemacht‘.“

Das bloße Erzählen strengt mich ebenso an, wie mein damaliger Ausflug. Ich brauche eine Pause. Bald habe ich mich wieder erholt: „Jetzt hältst du mich für komplett bescheuert, nicht?“
„Wo denkst du hin“, sagt Dora und nickt. „Und dann?“
„Dann wachte ich auf und von einem heißen, lichten Föhrenwald, einem Grab und einer Fontäne natürlich keine Spur, stattdessen wieder das dunkle Fichtendickicht. Mein Herz ratterte wie ein Maschinengewehr, der kalte Schweiß brach mir aus und ich dachte mein letzter Augenblick wäre gekommen. Irgendwie kam ich trotzdem heil bis nach Hause. Aber was soll ich sagen? Ich schlief dreißig Stunden durch und danach war ich gesund.“
„Das war sicher wunderschön für dich“, sagt sie und wendet sich zur Tür.
„Es kommt noch was.“
„Ein dringender Anruf. Ich habe jetzt keine Zeit mehr, aber ich kann’s kaum erwarten, mir deinen Schluss beim nächsten Mal anzuhören. Frohe Weihnachten. Ciao!“
Die Tür fällt zu und danach höre ich sie die Treppe hinunterstöckeln und dabei telefonieren. Dann herrscht Stille. Ich habe vorhin alles nochmals geträumt – nach fast zehn Jahren: die Hitze, den Föhrenwald, das Grab, die Fontäne. Ja, ich habe schon wieder den Wald kaputtgemacht. Ich streife den gerahmten Spruch vom Nachtkästchen, er fällt auf den Boden und das Glas zerbricht. In dreißig Stunden ist alles vorbei.

Text: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT


Verpasst

Große Feuerzeugflamme
Ec-hasslau.de 010.jpg auf Wikimedia Commons. PD

Verdammt, wo bin ich? Ich erinnere mich nicht. „Der Scheißaufzug steckt!“, ruft ein Unbekannter und trommelt gegen die Tür. Nach ein paar Minuten beruhigt er sich und zündet eine Zigarette an. Ich bring kein Wort heraus, nein, und was sind diese schwarzen Krümel? Am Boden, im Leuchtenschirm? Tote Fliegen? Muss sein. An der Rückwand pappen ein roter Kreis mit durchgestrichener Zigarette und ein Papierfetzen: „Gesundheit – empfindlich wie ein rohes Ei“. Der Alte wendet sich zu mir: „Was glotzt du? Das hängt seit zwanzig Jahren hier.“
Es ist ein Aufzug, schön, aber wer ist dieser Mensch?
„Und das an Großvaters Neunzigsten. Das wird eine Predigt geben: was er an mir versäumt hat und dass er abkratzt, bevor wir kommen. Und wie siehst du überhaupt aus? Jeans und Pullover? Pfui Teufel! Das nächste Mal nimmst du Anzug und Krawatte und geh endlich zum Friseur.“ Er beugt sich zum Nottelefon unter den Liftknöpfen: „Mausetot. Hast du deines dabei? Ach, natürlich nicht. Ahnen hätt ich’s können, mit dir muss ja alles schiefgehen und mit deinem Lümmel auch. Angehängt habt ihr uns den eine Woche: nach Venedig mit deiner besoffenen Schachtel. ‚Aber Vati, der Bub ist wie ein Engel’, meinst du. Deine Mutter hat mir dann was erzählt: Dein Engel schmeißt Kleiderständer um und beleidigt wildfremde Leute. Aus dem Geschäft schleichen haben sie sich dürfen, nun ja, das wäre ja nicht schlimm, aber erst hier drinnen: trainiert Kung-Fu – voll in meine Eier. Ich verpass ihm eine und schmeiß ihn raus. Wer sonst? Du belohnst ihn auch noch.“
Ja genau, ein Zwanziger. Ich wollt’ ihm einen Zwanziger geben, wenn er mitkäme, aber „Vati“? Ob ich wirklich Vati gesagt habe? Vater fixiert mich: „Was ist los? Ist dir schlecht? Ja, sauf doch deine Dose aus!“
Red Bull. Ex!
„Na also, geht doch. Aber sonst nichts. Am Weg hierher eine halbe Stunde hinter diesem Leichenwagen, verflucht knapp war’s schon und jetzt das. Wie dieser Bau schon heißt: ‚Seniorenheim Goldener Herbst’, quatsch, Mausoleum wäre besser. Wie spät ist es überhaupt?“ Er reißt meinen linken Arm hoch: „Im Arsch!“ Tatsächlich: vier blinkende Nullen. Danach drückt er am Rauchen-verboten-Schild seinen Zigarettenstummel aus: „Verbrannt will er werden und im Wald verstreut, weil wir uns nicht um sein Grab kümmern. Unglaublich!“ Er angelt ein leeres Streichholzbriefchen aus der Sakkotasche: „Feuer hast du nicht?“ Nein, aber was ist das? Justus’ Zwanziger. Jetzt klappt der Leuchtenschirm herunter und Dreck und Fliegen rieseln heraus.
„Wir verschimmeln! Jetzt steh nicht dämlich herum, hilf mir.“ Nach endlosem Zerren und Schieben rutscht die Tür beiseite, aber die Kabine hängt zwischen zwei Etagen. Dumpfe Schritte nahen: Zwei bullige Gestalten schleppen eine Kiste hinunter.
„Gesindel! Das sind die Typen, die uns aufgehalten haben.“ Vater wird ohne Zigaretten noch gereizter, aber durch die offene Tür strömt Luft, sonst läge ich längst am Boden. Bald kehren die zwei Träger mit einer Leiter zurück. Der stiernackige Ältere wendet sich an den blonden Jüngling: „Bingo!“ Der Jüngling schiebt mit finsterem Blick die zusammengeklappte Leiter hinunter, und während Vater hinaufkeucht, plaudert der Stiernacken: „Wissen’s, immer wenn so was passiert, wetten wir um eine Kiste Bier, wer drinnen steckt. Zu wem wollen Sie denn? Wie? Warten Sie …“
„Keine Zeit!“, ruft Vater und stürzt die Stiege hinauf. Drei Stock höher, in Großvaters Zimmer, fällt er dunkelviolett angelaufen in einen Sessel, aber keine Spur von Großvater. Dann hebt er ein Gasfeuerzeug von der Tischplatte auf und liest mechanisch: „Verein Die Flamme – hygienisch und modern.“ Am Weg hinunter zündet er sich mit Opas Feuerzeug eine neue Zigarette an. Das Treppenhaus schwankt, ich könnte noch eine Dose brauchen. Durch eines der verschmierten Fenster fällt mein Blick auf den Vorplatz, wo der Leichenwagen eben abfährt. Eine kleine Gestalt läuft hinterher und wirft Äpfel auf die Heckscheibe. Während Vater im Foyer neue Zigaretten zieht, trete ich vor das Portal und streife den Schmutz und die Fliegen ab. Ich erinnere mich: Eine Amnesie hatte mich schon mal, auch bei so einem Besuch und sprechen geht noch immer nicht. Die kleine Gestalt von vorhin kommt auf mich zu: ein recht verbummelter, ungefähr Zwölfjähriger, mit wirrem braunen Haarschopf. Justus? Jawohl. „Ich krieg aber jetzt den Zwanziger, der ist versprochen.“ Er steckt ihn ein und zeigt zum Leichenwagen, der eben um eine Ecke biegt: „Diese Gruftis spinnen! Wen haben wir verpasst? Unseren Alten?“

Text: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

 

Jägermeister

Rennender Pudel
Kare (14080248151).jpg. Fotograf: Pal-Kristian Hamre, CC-BY-SA-2.0. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Retuschen im unscharfen Vordergrund)

An meinem dreizehnten Geburtstag stürmte ich in die Küche und rief: „Das deckt, das wehrt und das liegt unter, ober, hinter und vor dir!“ Mutter schlug die Hände vors Gesicht: „So jung und schon verdorben!“
„Nein, aber besoffen“, knurrte Vater, „Hauch mich an.“ Danach setzte er sich und murmelte: „Nüchtern.“
Dabei hatte mir mein Patenonkel Kilian mit diesem Spruch die Karten gelegt, aber niemand hörte zu, auch nicht der Pfarrer – also erst fünf Vaterunser und dann drei Ave-Maria. Von der Orgelmusik bekam ich Kopfschmerzen und der süßlich-schimmelige Mief vermischte sich mit dem Weihrauch – bloß nicht umfallen. Ich trank einen geklauten Jägermeister und beschloss die Buße ausfallen zu lassen, denn schließlich war alles ein Missverständnis. Zu Beginn der Sommerferien hatte mein Patenonkel geschrieben und der Brief steckte eine Woche hinter dem Spiegel. Als ihn Vater dann abends öffnete, sagte er: „Der Irre lädt uns alle ein.“ Vater kippte einen Schnaps und Mutter schluckte Aspirin, aber war mir vor Mathetests nicht auch immer schlecht und was half da? „Jetzt trinkt einen Pfefferminztee und dann ab ins Bett.“
„Und du stehst nur da“, rief Mutter, „knall ihm eine.“
„Ich weiß was Besseres: den schicken wir zum Kilian.“
So stapfte ich am nächsten Morgen mit einer riesigen Umhängetasche zur Bushaltestelle. Das Straßenbett war erst ausgespült und dann zugewachsen, so sank ich mit jedem Schritt etwas ein. Lastwagen pfiffen vorbei, ihr Fahrtwind riss mir die Kappe runter, und als ich sie wieder aufhob, war ein Reifenmuster drauf. Ich wartete: fünf Minuten, zehn, es regnete. „Ich gehe wieder heim.“ In diesem Augenblick wackelte ein rostiger Bus daher. Auf Mutters Merkzettel verschwamm durch den Regen die Tinte, so sagte ich auswendig, wohin ich wollte. Danach bugsierte ich meine Tasche durch den engen Gang – warum sahen mich alle so seltsam an? Fünfzehn Kilometer weiter war es noch trocken, aber es donnerte schon bedrohlich. Auf der Bank im Wartehäuschen pappten drei halb abgerissene Aufkleber: „Weil nur daheim zu Hause ist: Heimatpartei.“ „Ich fahre sofort heim“, beschloss ich. Bald darauf knatterte ein Moped aus einer Nebenstraße: Es war Randolf, Kilians vierzehnjähriger Sohn. Ich ärgerte mich: „In fünf Minuten wäre ich wieder weg gewesen.“
„Nö, der Bus kommt immer eine Viertelstunde später. Eine coole Kappe hast du ja, aber sag, was ist in dem Riesensack?“ Er riss den Reißverschluss auf: „Für jeden Tag neue Sachen? Bist du verrückt?“ Nach einer Fehlzündung heulte der Motor auf, Staub und Abgase vermengten sich zu einer weißlich blauen Wolke und bald strömte Regen herunter. Als wir über eine Brücke aus Baumstämmen holperten, flog der Inhalt meiner Tasche in eine Schlucht, und ein knurrendes schwarzes Knäuel stürmte heran: „Das ist unser Fisto.“ Der Pudel hetzte neben dem Moped her und verbiss sich solange in mein Hosenbein, bis Onkel Kilian mich auspendelte und sagte, dass ich ausspannen müsse. Fisto verzog sich danach mit dem herausgebissenen Stück unter die Küchenbank und Tante Heidegret gab mir Randolfs alte Klamotten. Die Tage danach waren herrlich: Randolf und ich schossen mit Luftdruckgewehren auf Krähen und Tauben, die Fisto apportierte, und klauten Jägermeister und Kondome. Die Kondome waren für Randolf, „wegen der Weiber“, wie er sagte und es solle in Rotenöd im Nachbartal einen abgefahrenen Puff geben. Tante Heidegret ohrfeigte ihn eines Abends links und rechts: „Das ist für den Jägermeister und das für dieses verdorbene Zeug!“ Ich rätselte: „Wieso sollen diese lustigen Dinger verdorben sein? Die sehen doch noch ganz in Ordnung aus und was ist überhaupt ein abgefahrener Puff?“ Aber es gab Wichtigeres, denn so schön die Tage auch waren, so furchtbar waren die Nächte: Rote Fliegende Untertassen und strahlend rote Adler schwebten über den Waldbergen und im Haus geisterten schwarze Schatten. Es erscholl Geheule, unterbrochen von Schreien und es stank fürchterlich. Ich dachte an Außerirdische und Werwölfe und traute mich nicht mehr einschlafen. Bald sah ich wie ein Zombie aus und dann roch Tante Heidegret den Jägermeister, sagte, alles käme davon und verbot mir auch noch das Fernsehen.

Einmal als die Munition ausging, brach Randolf eine Packung Silvesterkracher an: „Papa pendelt jetzt das ganze Tal aus. Er sucht nach …“
„Werwölfen? Außerirdischen?“
Randolf sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren: „Nein, Kraftplätzen“, dann zündete er die Lunte und warf den Kracher weg. Nach dem Knall jaulte Fisto und Randolf rief: „Verdammt, das wollte ich nicht!“
Auch mit Randolf konnte ich also nicht darüber sprechen. Die Adler und Ufos kamen jede Nacht näher, und als zum Gestank, Geschrei und Gejaule auch noch Geknurre und Flüche dazukamen, wurde es mir zu viel. Ich überlegte: „Vielleicht hilft Musik? Irgendwas Klassisches, Beruhigendes?“ Ich verwechselte jedoch die Tasten am Rekorder und Heavy Metal ging los. Jetzt war mir alles egal. Ich stürmte zur Tür hinaus, stolperte über Fisto und rannte Randolf um. Der Pudel jaulte auf und verkroch sich knurrend hinter einem Ficus. Ich stand fassungslos da: „Ihr zwei Irren seid das?“ Randolf haute mir links und rechts eine runter und begutachtete dann seine zerrissene Pyjamahose: „Bald brauch ich eine Urschreitherapie, wie meine Alten.“ In diesem Augenblick ertönten wieder zwei Schreie. Bis auf den Gestank war die Werwolfangelegenheit nun geklärt, es blieben also die Adler und Ufos. Künftig klaute ich nicht nur Jägermeister und Kondome, sondern auch Leckerlis für Fisto und jaulte mit ihm nachts um die Wette, denn vor völlig Verrückten, sagte ich mir, haben sicher auch Adler und Außerirdische Respekt. Fisto brachte mir bald die geschossenen Krähen und Tauben, die er bis dahin vergraben hatte.

Eine Woche danach fuhr uns Onkel Kilian mit seinem Käfer nach Rotenöd ins Kino und bald darauf gerieten wir in dichte Rauchschwaden. Es stank wie nachts und dann erschienen rechts schwelende schwarze Haufen: „Kohlenmeiler!“, erklärte der Onkel, „das ist Geschichte.“ Randolf verdrehte die Augen und tippte sich an die Stirn, aber immerhin, dachte ich, kommt auch der Gestank nicht aus der Hölle. Als wir in Rotenöd einfuhren, zeigte Randolf nach links: „Da ist der abgefahrene Puff.“ Erwartet hätte ich einen babylonischen Turm, aber dieser Flachbau mit dem Schild „Ganymed“ sah wie eine Lagerhalle aus. Im Kino gab es einen Kinderfilm, aber im Foyer klebten Plakate der Abendvorstellung: „Aliens. Sie holen dich. Jetzt!“ Es war nicht beruhigend, daran erinnert zu werden. Als wir zurückfuhren, war es schon dunkel und beim Ganymed warfen Laserstrahler rote Adler und rote Ufo-Scheiben an den Himmel. Jetzt war auch das geklärt und ich flippte aus vor Freude: „Der Puff, hurra! Es ist der abgefahrene Puff!“ Onkel Kilian knallte vor Schreck in den Vorderwagen.

An meinem Geburtstag, sechs Wochen später, fühlte ich mich schon dreimal besser und Tante Heidegret sagte, ich könne Randolfs alte Klamotten behalten. Onkel Kilian legte mir die Karten, prophezeite ich würde sicherlich noch irgendetwas Ordentliches und Fisto legte mir eine tote Krähe zu Füßen. Danach fuhr mich Randolf zur Bushaltestelle und tauschte ein paar Jägermeister gegen meine Kappe mit dem Reifenmuster. Daheim verkündete ich Onkel Kilians Prophezeiung, aber nur deshalb saß ich in der Kirche und konnte meinen Geburtstag vergessen. Am Kirchplatz zündete Vater eine Zigarette an: „Na, hast du fleißig bereut?“ So etwas konnte es doch nicht geben, fand ich, nein, das ist unmöglich. Also erklärte ich alles und sagte noch einmal Onkel Kilians Spruch auf. Dann fiel mir ein, dass ich Vorrat übrig hatte: „Wollt ihr keinen Jägermeister?“
Vater fiel die Zigarette aus dem Mund und Mutter ohrfeigte mich.

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

 

 

Die Sache mit dem Schaf

Ein Junge springt über Betonstelen
Georgie Pauwels – Jump.jpg aus Wikimedia Commons (Übernahme aus Flickr), Fotograf: Georgie Pauwels, CC-BY-2.0

Am Ende versammelten sich die Schüler in der dunklen, süßlich-schimmelig riechenden Garderobe und warteten auf ihre Eltern. Das von der Decke tropfende Wasser sammelte sich in Kübeln und Schüsseln und klang wie das Ticken dutzender Uhren. Fabian dachte: „Verdammt, fast vorbei und ich stottere immer noch, Rechnen ist auch Scheiße.“ Mutter hatte zu Beginn etwas von „tollen, lehrreichen Erlebnissen“ und von „vielen neuen Freunden“ gesagt. „Schämen muss ich mich. Mama wird heulen und Papa wütend werden.“ Beim Unterricht Frau Dr. Anreithers konnte er nicht einen Satz richtig vorlesen, etwa: „Saint-Exupéry aß in Bordeaux extrem viele Doughnuts“. Das Wetter hier in Bernhardsöde war verheerend, es goss den halben Sommer lang und an den Plafonds der Schlafsäle wuchsen dunkle Flecken. In die Gänge und manche Zimmer tropfte das Wasser, wie in die Garderobe. Einige Kameraden glaubten, sie wären ihren Eltern vollkommen egal, „zu 100 Prozent wurscht“, wie sie sagten. Das dachte Fabian nicht, denn einmal erhielt er ein Paket mit Schimmelkäse, Müsliriegeln und Dinkelwecken. Im Brief stand: „Lieber Fabian, hier ist ein Paket voller leckerer Fressalien, aber teile sie mit anderen, die’s nicht so gut haben.“ Er überflog die nächsten sechs Blätter und auf der Rückseite des letzten stand: „Aber ich weiß ja, dass du dich freust. Bussi, Mama.“ „Vielleicht ist es ja normal sich zu freuen?“ überlegte er und kippte einen Eimer Regenwasser in den Hof. Normal sollte er hier werden und deshalb auch einen „normalen Roman“ lesen: „Der Schatz im Silbersee“. Nach den ersten Seiten warf er das Buch zwar in eine Ecke, aber überlegte: „Wirklich normale Leute lesen das und werden Minister und Präsidenten, aber ich, o je.“ Vater hatte einmal einen Science-Fiction Roman bei ihm gefunden: „Der letzte Countdown“. Das gab einen Krach: „Wirf ihn weg und lies was Gescheites!“ (siehe oben). Noch etwas steckte im Paket: das Magazin „Wunderwelt“. „Das gesunde Zeug kann ich ja loswerden, das Heft nicht, wenn das einer im Mülleimer findet, nennt er mich einen blöden Warmen und verdrischt mich.“ Zum Glück gab es in der Garderobe eine Hydrokultur, aber jetzt bekam er Albträume: Irgendjemand fingerte das Heft aus den Tonkügelchen und bald rätselten alle: „Wer liest so was? Ein Warmer?“ Ein Psychologe sprach: „Nicht ganz! Ein kleiner warmer Schwachsinniger.“ Aus solchen Träumen wachte er schweißnass auf, manchmal auch mit Regenwasser, denn die Oberlichten der Schlafsaalfenster waren gekippt, aber sich beschweren? „Lieber nicht, sonst bin ich ein schwuler Bettnässer“. Erbrechen war dagegen respektierter. Von Achim, dem netten Mathelehrer, hieß es sogar, er hätte letzten Silvester in seine Winterstiefel gekotzt, aber er war trotzdem für alle ein Supertyp, denn in seinen Stunden durfte man sogar Taschenrechner benutzen. „Ich bin sicher nur so dumm, weil ich nicht saufe, ich bin ein Schlumpf.“ Neben Fabians Schlafsaal logierte eine Kindergartengruppe mit einem Riesenschlumpf an der Tür. Hin und wieder gab es mathematische Fitnessläufe: Die Schüler liefen mit einem Pädagogen durch einen Wald und regelmäßig gab es Rechenaufgaben und Turnübungen. Meistens nieselte es und schon beim Bruchrechnen hatten sich die Meisten ihren Knöchel verstaucht. Fabian nieste außerdem dauernd, das störte und bald wusste er: „Eine rinnende Nase ist besser als eine blutende.“

Jetzt blitzte und donnerte es gleichzeitig. Er überlegte, weshalb man ihn verschickt hatte. „Vielleicht die Sache mit dem Schaf?“ In der Pausenhalle seiner Hauptschule hatte er einmal eine Tür entdeckt, er öffnete und muffiger Geruch schlug ihm entgegen. In dieser „Lehrmittelkammer“, wie ein Schild verkündete, gab es Ständer mit Landkarten und einen Globus, sogar ein ausgestopftes Schaf, aber alles mit einer Staubschicht bedeckt. Neben dem Schaf lehnte hochkant ein gerahmtes Zitat, das Glas war zerbrochen, das Zitat zerknittert und stellenweise unlesbar. Fabian entzifferte: „Um Mitglied sein zu können, muss man ein Schaf sein. Einstein.“ Bald traute er seinem Verstand nicht mehr, denn das ausgestopfte Schaf blökte und spazierte zur Tür hinaus. Später hätte er sich ohrfeigen mögen: „Warum habe ich das erzählt?“ Denn der Klassenvorstand riet danach seiner Mutter: „Lassen Sie Ihren Sohn einmal gründlich untersuchen.“ Ergebnis: ein Termin beim Kinderpsychiater, dann ein EEG beim Neurologen und später eine Computertomografie des Gehirns. Dazu passte ein Gespräch, das er eben mit anhörte: Mathelehrer Achim und Frau Dr. Anreither, die Sprachpädagogin, lehnten beide aus einem Fenster, sahen auf den verregneten Hof und rauchten. „Manchmal möchte ich fast verzweifeln“, begann Frau Anreither, „besonders bei diesem Fabian. Ein Schafskopf ist er, und faul dazu.“

„Aber liebe Kollegin“, erwiderte Achim, „seien Sie nicht so streng. Bei den Burschen, die hierher kommen, ist sowieso alles verloren, aber was wir tun können, ist das Leben schöner machen und davon zehren sie und das …“, er zündete eine neue Zigarette an, „haben sie auch bald verdammt nötig.“

Fabian rätselte: „Was nun? Da hält mich jemand für ein Schaf und es ist trotzdem alles egal?“ Das Wunderwelt-Heft hatte wenigstens niemand entdeckt, das war gut, auch wenn Mutter jetzt mit einem neuen hereinkam. „Aber ich muss ja diese ganzen Arschlöcher nie wieder sehen, diese Anreither und diesen Achim auch nicht.“ Als er über den Vorplatz zum Wagen lief, brach sogar die Sonne durch, an den Hecken glitzerten Regentropfen und klare Luft strömte ihm entgegen. Fabian war so vergnügt, dass er einen Hüpfer nach vorne machte: „Ist es jetzt nicht wunderschön?“

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
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