Schlagwort-Archive: Schaf

Das teure Schaf

Ich veröffentliche einige meiner Beiträge auch auf Leselupe.de. Ein dortiger Kommentar zu meiner Kurzgeschichte „Die Behandlung regte mich nun zu dieser Neufassung an.


Sankt-Georg-Altdorfer
Albrecht Altdorfer: Laubwald mit dem heiligen Georg, Lizenz: PD

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällt’s ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles nur vom Lesen: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg und andere Wunder- und Martergeschichten“. Damals war ich sehr engagiert.

Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte sie retten vor all dem Bösartigen und Blödsinnigen hier. Immerhin behaupteten die anderen Lehrer, dass wir Hauptschüler nun mal so wären und schließlich stand es sogar in der Zeitung: einem Weltblatt das unserer Deutschlehrer hin und wieder mitbrachte. Obwohl ich vorher noch nie irgendetwas gemerkt hatte, kam ich nun doch ins Grübeln und schließlich erkannte ich bei meinen Mitschülern immer mehr Anzeichen wie Gewalt, Flüche und blöde Bemerkungen.

Ich sagte mir, dass sie ausgelost worden sein musste, genau wie die Prinzessin in der Legende. Wie verzweifelt waren die Bürger Silenas gewesen, als die Opferschafe für den Drachen knapp wurden und mit Menschen ergänzt werden mussten, so Fifty-Fifty: ein Schaf, ein Mensch. Sonderbar schien mir, dass die Legende so gar nichts von einem Schaf für die Prinzessin erzählte. Bald war ich mir jedoch sicher, dass es zwar nicht erwähnt, aber das edelste Lamm von allen war.

Für welche Leute sich unsere Lehrerin dagegen opferte, war mir zunächst etwas unklar, aber ihr Vater war vielleicht Präsident von Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern, Verlegern und Wirtschaftskapitänen. Wie verzweifelt musste er sein: seine Tochter Bestien ausgeliefert!

„So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich als einzige Ausnahme für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Die waren zwar zu 100 Prozent für den Hugo, aber ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe.

Und dann kam eben die Sache mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegengeblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rettungswagen. Sie hätten sie auf der Stelle beiseite geräumt. Wahrscheinlich erfand er noch etwas, weil ich mich gar so aufregte, denn als er mein empörtes Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: „Und ein belämmertes Schaf genannt.“

Dafür kratzte ich denen dann 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja freilich, aber für meine Dame ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich.

Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Das war für mich schlimmer als jedes belämmerte Schaf, denn eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Es war, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen ritterlichen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht war’s nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war. Das dauerte allerdings lange.

Aber ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Ach weißt du.… nein!


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

Advertisements

Die Sache mit dem Schaf

Ein Junge springt über Betonstelen
Georgie Pauwels – Jump.jpg aus Wikimedia Commons (Übernahme aus Flickr), Fotograf: Georgie Pauwels, CC-BY-2.0

Am Ende versammelten sich die Schüler in der dunklen, süßlich-schimmelig riechenden Garderobe und warteten auf ihre Eltern. Das von der Decke tropfende Wasser sammelte sich in Kübeln und Schüsseln und klang wie das Ticken dutzender Uhren. Fabian dachte: „Verdammt, fast vorbei und ich stottere immer noch, Rechnen ist auch Scheiße.“ Mutter hatte zu Beginn etwas von „tollen, lehrreichen Erlebnissen“ und von „vielen neuen Freunden“ gesagt. „Schämen muss ich mich. Mama wird heulen und Papa wütend werden.“ Beim Unterricht Frau Dr. Anreithers konnte er nicht einen Satz richtig vorlesen, etwa: „Saint-Exupéry aß in Bordeaux extrem viele Doughnuts“. Das Wetter hier in Bernhardsöde war verheerend, es goss den halben Sommer lang und an den Plafonds der Schlafsäle wuchsen dunkle Flecken. In die Gänge und manche Zimmer tropfte das Wasser, wie in die Garderobe. Einige Kameraden glaubten, sie wären ihren Eltern vollkommen egal, „zu 100 Prozent wurscht“, wie sie sagten. Das dachte Fabian nicht, denn einmal erhielt er ein Paket mit Schimmelkäse, Müsliriegeln und Dinkelwecken. Im Brief stand: „Lieber Fabian, hier ist ein Paket voller leckerer Fressalien, aber teile sie mit anderen, die’s nicht so gut haben.“ Er überflog die nächsten sechs Blätter und auf der Rückseite des letzten stand: „Aber ich weiß ja, dass du dich freust. Bussi, Mama.“ „Vielleicht ist es ja normal sich zu freuen?“ überlegte er und kippte einen Eimer Regenwasser in den Hof. Normal sollte er hier werden und deshalb auch einen „normalen Roman“ lesen: „Der Schatz im Silbersee“. Nach den ersten Seiten warf er das Buch zwar in eine Ecke, aber überlegte: „Wirklich normale Leute lesen das und werden Minister und Präsidenten, aber ich, o je.“ Vater hatte einmal einen Science-Fiction Roman bei ihm gefunden: „Der letzte Countdown“. Das gab einen Krach: „Wirf ihn weg und lies was Gescheites!“ (siehe oben). Noch etwas steckte im Paket: das Magazin „Wunderwelt“. „Das gesunde Zeug kann ich ja loswerden, das Heft nicht, wenn das einer im Mülleimer findet, nennt er mich einen blöden Warmen und verdrischt mich.“ Zum Glück gab es in der Garderobe eine Hydrokultur, aber jetzt bekam er Albträume: Irgendjemand fingerte das Heft aus den Tonkügelchen und bald rätselten alle: „Wer liest so was? Ein Warmer?“ Ein Psychologe sprach: „Nicht ganz! Ein kleiner warmer Schwachsinniger.“ Aus solchen Träumen wachte er schweißnass auf, manchmal auch mit Regenwasser, denn die Oberlichten der Schlafsaalfenster waren gekippt, aber sich beschweren? „Lieber nicht, sonst bin ich ein schwuler Bettnässer“. Erbrechen war dagegen respektierter. Von Achim, dem netten Mathelehrer, hieß es sogar, er hätte letzten Silvester in seine Winterstiefel gekotzt, aber er war trotzdem für alle ein Supertyp, denn in seinen Stunden durfte man sogar Taschenrechner benutzen. „Ich bin sicher nur so dumm, weil ich nicht saufe, ich bin ein Schlumpf.“ Neben Fabians Schlafsaal logierte eine Kindergartengruppe mit einem Riesenschlumpf an der Tür. Hin und wieder gab es mathematische Fitnessläufe: Die Schüler liefen mit einem Pädagogen durch einen Wald und regelmäßig gab es Rechenaufgaben und Turnübungen. Meistens nieselte es und schon beim Bruchrechnen hatten sich die Meisten ihren Knöchel verstaucht. Fabian nieste außerdem dauernd, das störte und bald wusste er: „Eine rinnende Nase ist besser als eine blutende.“

Jetzt blitzte und donnerte es gleichzeitig. Er überlegte, weshalb man ihn verschickt hatte. „Vielleicht die Sache mit dem Schaf?“ In der Pausenhalle seiner Hauptschule hatte er einmal eine Tür entdeckt, er öffnete und muffiger Geruch schlug ihm entgegen. In dieser „Lehrmittelkammer“, wie ein Schild verkündete, gab es Ständer mit Landkarten und einen Globus, sogar ein ausgestopftes Schaf, aber alles mit einer Staubschicht bedeckt. Neben dem Schaf lehnte hochkant ein gerahmtes Zitat, das Glas war zerbrochen, das Zitat zerknittert und stellenweise unlesbar. Fabian entzifferte: „Um Mitglied sein zu können, muss man ein Schaf sein. Einstein.“ Bald traute er seinem Verstand nicht mehr, denn das ausgestopfte Schaf blökte und spazierte zur Tür hinaus. Später hätte er sich ohrfeigen mögen: „Warum habe ich das erzählt?“ Denn der Klassenvorstand riet danach seiner Mutter: „Lassen Sie Ihren Sohn einmal gründlich untersuchen.“ Ergebnis: ein Termin beim Kinderpsychiater, dann ein EEG beim Neurologen und später eine Computertomografie des Gehirns. Dazu passte ein Gespräch, das er eben mit anhörte: Mathelehrer Achim und Frau Dr. Anreither, die Sprachpädagogin, lehnten beide aus einem Fenster, sahen auf den verregneten Hof und rauchten. „Manchmal möchte ich fast verzweifeln“, begann Frau Anreither, „besonders bei diesem Fabian. Ein Schafskopf ist er, und faul dazu.“

„Aber liebe Kollegin“, erwiderte Achim, „seien Sie nicht so streng. Bei den Burschen, die hierher kommen, ist sowieso alles verloren, aber was wir tun können, ist das Leben schöner machen und davon zehren sie und das …“, er zündete eine neue Zigarette an, „haben sie auch bald verdammt nötig.“

Fabian rätselte: „Was nun? Da hält mich jemand für ein Schaf und es ist trotzdem alles egal?“ Das Wunderwelt-Heft hatte wenigstens niemand entdeckt, das war gut, auch wenn Mutter jetzt mit einem neuen hereinkam. „Aber ich muss ja diese ganzen Arschlöcher nie wieder sehen, diese Anreither und diesen Achim auch nicht.“ Als er über den Vorplatz zum Wagen lief, brach sogar die Sonne durch, an den Hecken glitzerten Regentropfen und klare Luft strömte ihm entgegen. Fabian war so vergnügt, dass er einen Hüpfer nach vorne machte: „Ist es jetzt nicht wunderschön?“

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT