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Leicht

Sonnenstrahlen
Volkenschwand (2440932143).jpg. Foto: Bjoern Schwarz, Lizenz: CC-BY 2.0

Der Nachrichtensprecher verlas Katastrophenmeldungen und dazu prasselte Hagel aufs Dach. „Ach“, dachte Horst-Egon und stellte das Radio auf einen Schlagersender um. Gleich darauf sprang es wieder auf den Nachrichtenkanal: „….Kapazitäten bestätigten die schlimmsten Befürchtungen: Der Erreger verursacht kognitive Störungen: Nach der Erkrankung verwechseln beinahe sämtliche Patienten Humor mit Ernst, danach kommt es zu Visionen von albernen, ungefähr zwanzig Zentimeter großen Männchen. Ein Vertreter der Vereinigten Clowndoktoren sagte, dass solche Patienten meist glaubten, Clowns seien nun überflüssig. Dies sei die größte Bedrohung seit.…“ Das Radio ging mit einem Knacks aus und von der Kommode fiepste es: „Ich bin nicht albern! Diese Kaputtzitäten sind Clowndeppen!“

Horst-Egon sah auf die zwanzig Zentimeter große Erscheinung, sah dann wieder weg, schüttelte den Kopf und schloss die Augen: „Ist das ernst?“

Das Radio ging wieder an: „Nun zum täglichen Gesundheitsschnelltest: Wir verlesen ausgesuchten Humor aus der Sammlung ‚Lieber Herr Witzepräsident‘, gleich danach folgt eine Rede unseres Gesundheitspräsidenten. Wenn Sie über die Witze lachen und bei der Rede ernst bleiben, verstehen Sie Humor korrekt und sind gesund, sollte es umgekehrt sein, sind Sie wahrscheinlich bereits erkrankt. Absolvieren Sie den Test in Gesellschaft und beobachten Sie die Reaktionen der anderen Anwesenden. Die Clowndoktor-Notfallhotline ist rund um die Uhr besetzt.“

Er wollte mit der Fernbedienung ausschalten, aber irgendetwas verdeckte den Sensor. Obendrein lag plötzlich ein scharfer Geruch in der Luft: „Ob ernst oder nicht: Hier ist was.“
Die Erscheinung vergaß nun ihre Wut und schüttelte sich vor Lachen. Ihn berührten zwar nicht die Kinderwitze, aber umso mehr dieses Gelächter, das aus sehr rasch hintereinander ausgestoßenen Fieptönen bestand.

Nun folgte die Rede: Der Präsident fasste die Erkenntnisse zusammen und rief junge Menschen auf, mit älteren Erkrankten zu diskutieren. Danach mahnte er zur Einhaltung der Vorschriften, damit es nicht zum Worst Case komme. Nun ging das Radio aus. Die Erscheinung, die bis dahin wortlos zugehört hatte, schüttelte den Kopf: „Wieso nicht zum Wurstkäs’?“

Bereits das Gelächter hatte Horst-Egon erschüttert, aber jetzt war ihm, als wäre etwas Schweres in ihm zerbrochen. Er begann zu lachen und es klang, als würde ein Ölfass gluckernd auslaufen. Das Männchen begriff nicht und kicherte verwirrt, dann trat es einen Schritt zurück und stieß an den Einschaltknopf. Das Radio ging für ein paar Sekunden an und plärrte einen Superhit: „Du kleines Symptom, du.…!“ Erschrocken sprang es wieder nach vorn, fiel hin und kam knapp vor der Plattenkante zu liegen. Horst-Egon gluckste immer noch, aber schließlich trat Stille ein, auch das Trommeln am Dach hatte aufgehört. Der Erscheinung wurde noch unbehaglicher. Um irgendetwas zu sagen, begann sie: „Magst du Wurstkäse?“, aber das Gegluckse ging davon nur wieder los und sie rief: „Aufhören, aufhören!“, und als das nichts nützte: „Dann sag mir, dass ich nicht albern bin und überhaupt kein Siphon!“

„Albern und Symptom. Das ist doch Wurst und Käse! Mensch, du bist ja so was von gelungen.“
Das kleine Gesicht entspannte sich und in den Augen erschien freudiger Glanz: „Wirklich? Und ich bin gelungen? Und ein Mensch?“ Dann verdunkelte sich der Blick: „Aber meinst du das ernst?“

Er stutzte und spürte einen Ruck in seiner Brust. Dann war ihm leicht.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0