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Echo!

Echo Icon
Vorlage:  Sound icon.png von Nataraja, Bearbeitung (gespiegelt und dupliziert): Christoph Waghubinger. CC BY-SA 3.0

„Servus! Ich rufe an, weil unlängst ein Landschaftsakustiker bei mir war – nein, nein, Akustiker und nicht Architekt. Ja, ich kenn auch nicht so einen Beruf, aber vielleicht hab ich mich auch verhört – von der Diskussion mit dem hab ich Ohrensausen. Der Name? Ja, der ist was Komisches, auf seiner Visitenkarte sind so viele Doktor- und Ehrentitel abgedruckt, dass Name und Beruf völlig verschütt gegangen sind … der heißt womöglich Kuckuckinger oder … wurscht, ich sitz grad beim HNO-Arzt und bevor ich da drankomme, erkläre ich dir alles mal, bevor dieser Mensch dich auch noch heimsucht. Also, der wirkt wie’n durchgedrehter Erfinder oder verrückter Wissenschaftler. Was? Na, hör mal, du wirst doch solche Typen kennen: zerstörte Frisur, fanatischer Blick, irres Gekicher – richtig auffallend wurde das erst nach meinen konstruktiven Vorschlägen, aber bei dem was heutzutage alles herumläuft, achte ich nicht immer auf jede Kleinigkeit. Er will jedenfalls die Verbesserung der Landschaft, aber nicht optisch, sondern akustisch, ich sag bloß: Echo!

Seine Kurzfassung lautet: ‚Wie hört sich das denn an bei euch, was sollen sich die kultivierten Menschen auf der ganzen Welt da denken?‘, und die lange Fassung: ‚Eigentlich ist euer Echo ja eine fröhliche, oder höchstens etwas alberne Sache: Man stellt sich irgendwo hin, ruft, jubelt, doziert oder singt, dann schallt völlig verkehrter Unfug zurück und gut ist’s. Ja, so wäre es, wenn ihr ganz allein auf der Welt wärt, aber es gibt weltweit ziemlich viele Persönlichkeiten, die aus Prinzip niemals öffentlich Unfug reden: Mahner und Warner beispielsweise, das sind oft mehrfache Ehrendoktoren und -professoren und die meisten stammen auch nicht aus Hinterwäldern und Schluchten, sondern aus hochzivilisierten Nationen. Wilde, unberechenbare Echos, wie eure, wirken auf diese Leute wie akustische Geisterbahnfahrten. Man stelle sich vor, so eine Persönlichkeit wird bei einer Schluchtwaldwanderung etwas lauter und ihr steht dann da als Land, in dem es so behämmert aus dem Schluchtwald schallt. Deshalb müsst ihr das Echo ändern, außer freilich, ihr wollt weltweit als Menschenfresser dastehen. Das nötige Roden der Wälder und Ausfräsen der Schluchten wäre zwar teuer, aber machbar, wenn diese verfluchten Naturschützer nicht so kleinkariert auf ihren natürlich-romantischen Urzustand bestünden und mit den Denkmalschützern sieht es auch düster aus, denn die uralten Gemäuer von vor Columbus verursachen von innen und außen oft einen ziemlich mittelalterlichen Nachhall. Gerade dieses alte Zeug bekommt man leider kaum weggerissen. Es braucht endlich ein Bewusstsein, dass opportune Akustik stets die gesamte Umwelt umfasst und nicht nur ein paar Kirchenschiffe, Studios oder Konzertsäle.‘ Tja, soweit der Experte.

Jetzt kommen meine konstruktiven Vorschläge: Natürlich müssen wir auf höfliche Echos achten, alleine schon wegen der ganzen reichen Investoren – es sind nicht immer nur die Mahner und die Warner. Allerdings können wir nicht mal sagen, was die in ein paar Jahren hören möchten und was nicht. Es ist möglich das Problem flexibler und vor allem kostengünstiger anzugehen, indem wir die paar nun wirklich wichtigen Persönlichkeiten bei der Einreise abfangen und in schalldichten Fahrzeugen zu Orten mit fix installierten Echo-Anlagen verbringen. In komplexen Fällen echoten spezielle Echo-Fachkräfte. Alte Gemäuer werden bei sehr hohem Besuch außen und innen mit Stoffbahnen verhüllt, die den mittelalterlichen Nachhall abdämpfen; der Anblick von so was lässt sich dann sogar als Kunstwerk vermarkten. An die Touristen vergeben wir Headsets und zusammen mit einer Handy-App werden dann aus Rülpsern und Flüchen Oh-Yeahs und Tiroler Jodler.

Mensch, gab das ein Donnerwetter: Ich solle endlich begreifen, dass er keine Symptombekämpfung plane, sondern die kulturelle und zivilisatorische Höherentwicklung des Landes und dabei keinerlei Verunglimpfungen dulde. Mir sei trotzdem gedankt, denn er wisse nun, dass er auch die dümmlichen Eingeborenen mitzubehandeln habe. Er sagte tatsächlich ‚Eingeborene‘ und nicht ‚Einheimische‘, aber das passt ja besser zu den Schluchten und den Menschenfressern. Ich frage mich, woher er selber abstammen will, obwohl: Bekloppte sehen überall gleich aus. Warum ich so laut werde? Ich hör mich selber kaum vor lauter Ohrensausen! Moment, da kommt die Arzthelferin. Wie? Telefonieren ist hier strengstens verboten? Ja, sagen Sie mir das doch bitteschön vorher. Tut mir leid, ich muss jetzt wirklich auflegen, aber denk dran: wenn dieser Typ bei dir auftaucht, dann lieber nicht zuhören, sondern sofort rausschmeißen und zwar hochkant. Servus!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Der Kick

Musikbox
Seeburg Select-o-matic jukebox detail 01A.jpg. Fotograf: Joe Mabel auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ich weiß, weshalb Sie anrufen, Herr Heuensteiner: wegen Ihrer Kurzgeschichte. Eine Einschätzung, extern, unabhängig, zum Vorfühlen, weil ich ja den Herausgeber gut kenne. Hier ist sie, ja, und außerdem habe ich eine wichtige Nachricht, die könnte ein Kick für Sie werden. Mir ist selber die Spucke weggeblieben. Aber vorher braucht es noch ein wenig Textarbeit, aber alles nur Kinkerlitzchen. Ihr Icherzähler Gerhard ist also Korrespondent einer Schweizer Zeitung und berichtet 1960 mit einem Fotografen Werner von der Tunnelbaustelle am Großen Sankt Bernhard. Historisches Setting also. Eine weitere Figur haben sie mit einem gewissen Padre Francesco vom Hospiz auf der Passhöhe, zwar etwas altväterisch, aber akzeptabel. Weiter geht es um eine Katastrophe, den Einsturz einer 20 Meter hohen Brücke am Karfreitag und um ein Wunder. Bitte Vorsicht: Nicht allen wird der Karfreitag was sagen und wie heißt denn eigentlich diese Schweizer Zeitung? So sieht es unpersönlich aus. Immerhin: Es gibt keine Opfer und genau das ist das Wunder, denn eine Musikbox spielt statt Schlagern plötzlich klassische Musik – zweimal dasselbe – und steht dann still. Die Arbeiter versäumen ihren Schichtantritt und stürzen nicht mit der Brücke in den Abgrund. Gut. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Ihr klassisches Stück ist nicht irgendeines, sondern Schuberts Unvollendete, und die verträgt sich nicht mit Ihren Zeitangaben: Sie schreiben: ‚Vier Minuten – sechs Minuten. Dann war die Platte wieder zu Ende.‘ Nehmen Sie lieber irgendetwas Eingängiges, Kurzes – lassen Sie mich überlegen, vielleicht von Bach: ‚Wachet auf, ruft uns die Stimme‘, oder noch besser: ‚Canon und Gigue‘ von Pachelbel, das dauert Ihnen genau sechs Minuten und fährt voll ein. Sie wollen damit ja Wilde beeindrucken, ja so heißt Ihre Geschichte doch: ‚Bei dem wilden Volk der Mineure‘. Der Titel muss unbedingt kürzer und knackiger werden und ein bisschen mehr Atmosphäre ist nötig: Sie beschränken sich auf Hörbares und Sichtbares, aber Ihre Tunnelarbeiter rauchen doch sicher alle und schwitzen und sind dreckig. Wie riecht es, wenn einer von denen die Schuhe auszieht, und bekommt der eine Gänsehaut, wenn die Musikbox loslegt, oder sträuben sich die Nackenhaare?

Jetzt zu dem Untertitel: ‚Eine seltsame, aber wahre Geschichte‘, nun, das ist zwar nett, aber Sie erzählen in der Ich-Form. Lassen Sie es besser jemand anderen erzählen, oder ändern Sie die Erzählperspektive. Und Ihr Padre Francesco: Der ist wohl eine Art guter Geist oder gute Seele, ja? Dazu passt, dass er sehr undeutlich bleibt. Ja doch, Sie werden sehen: Hin und wieder taucht er bei den Arbeitern auf, um, ich zitiere: ‚… den rauen Gesellen ins Gewissen zu reden‘ und als er aufgefordert wird, ein Wunder zu vollbringen, antwortet er: ‚Menschen machen keine Wunder, die geschehen so nebenbei‘. Schon wieder eine Plattheit, aber eben auch ein Hinweis auf das bevorstehende Wunder. Als alles vorbei ist, wird er nach der Musikbox gefragt und sagt, er habe eine Vorahnung gehabt, nachdem er am Weg zu den Bernhardinerhunden auf einem Trittbrett eingebrochen sei. Dabei sieht er seine Gesprächspartner ‚beinahe listig‘ an, was immer das auch heißen mag. Wissen Sie es? Ja, ja, geheimnisvoll, wunderbar, rätselhaft. Ich sage Ihnen: Aus diesem Padre könnten Sie einen Geist machen oder vielleicht sogar einen Engel? Aber gut, wenn Sie meinen, dann nicht, und ja natürlich: Sie bezeichnen ihn ja als ‚echtes Original‘, gut, dann sollten Sie ihn deutlicher zeichnen, meinetwegen als komischen Heiligen. Irgendeine weibliche Figur brauchen Sie übrigens noch, vielleicht eine flotte Kantinenwirtin? Bis jetzt haben Sie nur einen langweiligen Kantinenwirt. Da wir schon bei den undeutlichen Figuren sind: Werner bleibt die ganze Zeit quasi unsichtbar und wird nur gebraucht, um zusammen mit dem Icherzähler zu fotografieren, damit der sich beim Anblick der Fotos erinnert. Wie umständlich! Lassen Sie nur Ihren Gerhard fotografieren, das ist ökonomischer. Und noch etwas: Eben der sagt, dass der Große Sankt Bernhard nur wenig interessant sei – ja, für den Autofahrer aus Österreich und klappt dann nach: ‚… für den aus der Schweiz oder Deutschland jedoch sehr‘. Warum dann Österreich zuerst? Das ist ungeschickt, und drei Absätze vor dem Schluss kommt’s dick: Er sagt, er habe in seiner Reportage diesen Vorfall erst gar nicht erwähnt und tut es jetzt nur, weil ‚… es gerade wieder Ostern ist‘. Wie bitte? Soll Ihre Geschichte also nur zu Ostern gelesen werden? Dann wird der Leser auch noch direkt angesprochen und geduzt. Das streichen Sie alles besser und denken Sie an die Namen Ihrer Figuren: Gerhard, Werner und Francesco. Wie gewöhnlich! Wie wär’s wenigstens mit Gérard und Vernier und Padre Bonifacio, und noch zwei Dinge: Warum geht es in Ihrer Geschichte um eine Brücke und nicht um den Tunnel? Lassen Sie den doch einstürzen und außerdem haben Sie dort oben doch die berühmten Bernhardiner. Was brauchen Sie da eine Musikbox?

Herr Heuensteiner, brüllen Sie nicht, die Verbindung ist ausgezeichnet. Ja, exakt: Mit meinen Vorschlägen würde eine andere Geschichte draus. Ich wollte nicht glauben, was Sie mir geschickt hatten, aber dann fühlte ich mich wieder blutjung, wie damals am staubigen Dachboden mit der Geschichte von Gerhard Steinhäuser. Ja, genauso steht sie im Jungösterreich-Heft von April ’76. Sind Sie noch dran?“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

In dreißig Stunden

Geysir auf dem Namedyer Werth in Andernach
Andernach – Namedyer Werth – Geysir 33 ies.jpg aus Wikimedia Commons. Fotograf: Frank Vincentz, CC-BY-SA-3.0

Dora steht an meinem Bett im Krankenzimmer und mustert mich: „Du musst furchtbar geträumt haben.“
Mein Puls rast wie verrückt und ich bin schweißgebadet und völlig außer Atem. Ich brauche eine Minute, um antworten zu können, aber dann sage ich: „Nein, nein, ganz im Gegenteil. Es war herrlich, ganz wunderbar.“ Es war eine unpassende Antwort und ich betrachte den leicht angewiderten Gesichtsausdruck meiner Freundin. Er steht ihr. Auch sie ist etwas außer Atem und ich frage mich warum. Ich habe die Wahrheit gesagt, denn der Traum selbst war schön, furchtbar war das Aufwachen. Sie sieht den gerahmten Spruch auf meinem Nachtkästchen, den ich längst hätte wegräumen sollen: „Von Monat zu Monat kaputter“.
„Ich bringe dir auf der Stelle einen schönen, weisen Spruch.“
„Womöglich ‚Carpe diem‘ mit Röslein drumherum? Ach, lass mich mit Weisheiten in Ruhe.“ Ich falle in das Kopfkissen zurück und schließe die Augen. Nach einer halben Minute höre ich ihre Stimme:
„Ich verzeihe es dir.“
Ich wechsle das Thema: „Etwas Gutes hat die Weihnachtszeit hier: Fast alle fahren heim und ich habe ein Zimmer für mich allein.“
„Ein Sterbezimmer …“, murmelt sie, gerade so laut, dass ich es höre.
„Es ist nicht das erste Mal, das ich so kaputt bin.“
Wieder Stille. Sie fingert an ihrer Tasche herum. Ich weiß: Sie wartet auf einen Anruf. Ihr neuer Freund wird anrufen, um sie loszueisen, wie ich es selbst früher getan habe. Sie ist wohl außer Atem, weil sie nicht den Lift genommen, sondern der Fitness wegen die sechs Stockwerke hochgelaufen ist.
Sie fragt: „Also nicht das erste Mal?“, und ich höre nicht heraus ob aus Interesse, Langeweile oder Pflichtgefühl. Aber damit werde ich dieses Schweigen los.

„Ja. Ich war nicht älter als fünfzehn. Es war beinahe wie jetzt: Keiner wusste, was ich hatte. Der Doktor untersuchte mich, fand nichts, schickte mich zu Fachärzten, die auch nichts fanden und sagte am Ende Sachen wie ‚Das ist dein Naturell!‘, dann ‚Du bist doch so jung!‘ und schließlich ‚Du musst gesund sein wollen!‘ Ich wollte ja, fühlte mich aber trotzdem fix und fertig. Der kalte Schweiß brach mir aus, mein Puls raste und ich konnte nur ein paar Hundert Meter gehen und musste mich dann ausruhen. Noch dazu war Winter. Ich nahm mir etwas vor: eine Wallfahrt. Weißt du, wenn nichts mehr hilft, dann macht man so was, manche saufen belebtes Weihwasser und ich hatte eben einen Waldberg im Blick, den ich von meinem Zimmer aus sehen konnte. Ich sagte mir, dass bei einem Felsen dort oben das Grab eines Riesen sei und dass ich dorthin pilgern müsse und dann würde ich gesund. Ja, ich war völlig fertig.

Ende März war der richtige Zeitpunkt gekommen, denn der Schnee schmolz und ich fühlte mich etwas besser. Ich verriet nicht mein Vorhaben, sondern sagte, dass ich lange spazieren gehen würde. Nachdem ich querfeldein am Fuß des Berges angekommen war, fand ich keinen der alten Wege wieder und geriet in das dunkelste Fichtendickicht. Nun kam plötzlich wieder alles zurück: meine Atemlosigkeit, mein rasender Puls und der kalte Schweiß. Ich dachte, ich käme niemals hinauf und vor allem nie wieder zurück, aber bald lichtete sich der Wald und überall standen nun statt Fichten Föhren. Ich hatte von unten nie bemerkt, dass da völlig andere Bäume wuchsen. Es war plötzlich heiß und trocken, wie im Sommer und es roch verbrannt. Und dann sah ich bei einem Felsen das Grab. Ich war sehr zufrieden – ich wusste es doch. Ich wunderte mich allerdings, dass es nicht würdiger war. Er sah aus wie ein ganz gewöhnliches Grab, sogar mit einer Blumenvase auf der Einfassung. Nur viel größer und noch etwas war anderes: Die Inschrift am Stein war zackiges Gekrakel. Völlig unverständlich. Aber egal, ich war sowieso geschafft, also wollte ich mich einfach hinlegen, am Besten aufs Grab. Da ich knapp vorm Verdursten war, trank ich sogar das Blumenwasser: Es schmeckte nicht einmal übel. Dann konnte ich das Gekrakel lesen: ‚Hol Wasser.‘ Darüber wunderte ich mich nicht einmal, bloß darüber, woher ich in dieser heißen, trockenen Gegend Wasser herbekommen sollte. Aber ich nahm die Vase und ging einfach los. Ich war noch nicht weit gekommen, als sich der Boden unter mir hob und dann schoss eine Quelle heraus, ach was sag ich: eine Fontäne. Ich konnte gerade noch zur Seite springen. ‚Das ist nicht normal‘, dachte ich, ‚da hab ich was kaputtgemacht, den Wald kaputtgemacht‘.“

Das bloße Erzählen strengt mich ebenso an, wie mein damaliger Ausflug. Ich brauche eine Pause. Bald habe ich mich wieder erholt: „Jetzt hältst du mich für komplett bescheuert, nicht?“
„Wo denkst du hin“, sagt Dora und nickt. „Und dann?“
„Dann wachte ich auf und von einem heißen, lichten Föhrenwald, einem Grab und einer Fontäne natürlich keine Spur, stattdessen wieder das dunkle Fichtendickicht. Mein Herz ratterte wie ein Maschinengewehr, der kalte Schweiß brach mir aus und ich dachte mein letzter Augenblick wäre gekommen. Irgendwie kam ich trotzdem heil bis nach Hause. Aber was soll ich sagen? Ich schlief dreißig Stunden durch und danach war ich gesund.“
„Das war sicher wunderschön für dich“, sagt sie und wendet sich zur Tür.
„Es kommt noch was.“
„Ein dringender Anruf. Ich habe jetzt keine Zeit mehr, aber ich kann’s kaum erwarten, mir deinen Schluss beim nächsten Mal anzuhören. Frohe Weihnachten. Ciao!“
Die Tür fällt zu und danach höre ich sie die Treppe hinunterstöckeln und dabei telefonieren. Dann herrscht Stille. Ich habe vorhin alles nochmals geträumt – nach fast zehn Jahren: die Hitze, den Föhrenwald, das Grab, die Fontäne. Ja, ich habe schon wieder den Wald kaputtgemacht. Ich streife den gerahmten Spruch vom Nachtkästchen, er fällt auf den Boden und das Glas zerbricht. In dreißig Stunden ist alles vorbei.

Text: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT