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Das darf nicht wahr sein

Kubus
Screenshot aus 3D model of a Cube.stl. Invertiert und beschnitten, CC-Zero

Am Ende des Traumes warf’s Emil hin, aber noch stand sein Termin im Albtraumcenter (kurz ATC) bevor. Dieses ATC war ein mausgraues, würfelförmiges Gebäude in einer lichtgrauen Ebene. Es schwebte zweieinhalb Meter über der Oberfläche und war für gewöhnlich unsichtbar, aber weil der Termin direkt bevorstand, war der Anblick für Emil freigeschaltet. Um durch die Sicherheitsschleuse einzutreten, musste jeder Besucher sein Vorhaben vorläufig vergessen und überhaupt nichts mehr wissen. Dies war bei diesem Anblick für niemanden ein Problem. Das Gebäude senkte sich also auf Normalniveau und Emil trat ein. Er stand nun in einen langen mausgrauen Korridor mit einem Dutzend offenstehender lichtgrauer Türen, die sogleich zuschlugen. Nur eine bisher geschlossene an der Stirnseite flog auf. Der Sachbearbeiter dahinter saß an einen wuchtigen lichtgrauen Schreibtisch. Da sich sein letzter Klient übergeben hatte, war gründlich desinfiziert worden. Der Reiniger verursachte bei Emil einen Asthmaanfall, davon kehrte allerdings auch seine Erinnerung wieder.

Der Sachbearbeiter musterte ihn: „Sie müssen zum Arzt!“

Emil zog das gefaltete Verständigungsschreiben aus der Hosentasche und stellte sein Asthmaspray auf den Schreibtisch: „Danke, da war ich schon.“

„Gut, ich sehe, dass Ihnen der Grund unseres Gespräches wieder bekannt ist.“

Emil wischte sich die Schweißtropfen von der Stirne und antwortete keuchend: „Und Ihr Schrieb ist diesmal sogar auf Deutsch.“

Die Gestalt des Sachbearbeiters verschmolz beinahe mit der mausgrauen Wand, nur seine blassgrün-blau gemusterte Krawatte hob sich etwas ab. Die Stimme klang, als käme sie von einem Ort außerhalb: „Aufgrund der Wichtigkeit erhielten Sie eine TRa-Verständigung in Helvetica Punkt 12, anstatt wie ansonsten üblich TRb in gespiegelter Schwabacher Punkt 8.“

Emil dachte an den letzten Termin: „Und das alles wegen einer Ampel?“ Staub rieselte auf ihn nieder.

„Ja. Ihre neue Aufgabe ist ein Training in Selbstbewusstsein. Sie bestreichen sich morgens fingerdick mit Spinat und überqueren danach bis abends mit Schlusssprüngen einen geregelten Fußgängerüberweg. Dies gilt für gerade Tage.“

„Wie ein Blödsinniger?“, platzte Emil heraus.

„Auch Blödsinnige, korrekt ‚originelle herausgeforderte Menschen‘, haben ein Recht zur Teilnahme am öffentlichen Albtraumleben“, antwortete der Sachbearbeiter ungehalten. „Ihre Tätigkeit dient zur Herausbildung eines allgemeinen Bewusstseins diesbezüglich. Wir verstehen uns. Aber nun weiter: An ungeraden Tagen bestreichen Sie sich mit Kleister und wälzen sich in einem Ameisenhaufen. Danach jodeln und juchzen Sie vor Publikum. Spinat und Kleister stehen bereit, Jodelkurs und Turnunterricht werden auf Antrag gefördert. Fußgängerüberweg, Ameisenhaufen und Publikum sind selbstständig aufzusuchen und/oder bereitzustellen.“

„Das darf nicht wahr sein!“

„Dies scheint Ihnen lediglich so, denn auch Ihr Bewusstsein muss erst gebildet werden. Ansonsten verzichten Sie bitteschön auf unsere Leistungen.“ Er betrachtete Emils vergebliche Versuche, den Staub abzuschütteln: „Ein Nervenarzt könnte hilfreich sein.“

„Nein! Und ich brauche doch meine Aufwachversicherung.“

Der Sachbearbeiter erhob sich verärgert: „Das ATC ist nicht bloß dazu da, Ihnen eine Aufwachversicherung zu garantieren! Nun, für das wiederholte Verweigern von zumutbaren Tätigkeiten werden Ihnen die dafür vorgeschriebenen … warten Sie …“, er blätterte in seinen Unterlagen, „vier Panikattacken zugeteilt. Einen schönen Tag noch und nehmen Sie Ihr Spray mit.“

Als Emil das Ende des Korridors erreicht hatte, schlug die Tür an der Stirnseite schallend zu, während sich alle anderen wieder öffneten. Er drehte sich um und der Vorgang wiederholte sich. Nachdem dies einige Male geschehen war, atmete er endlich wieder tief durch und begann im Rhythmus der schlagenden Türen zu singen und zu tanzen. Die Staubkruste fiel in großen Schollen ab, solange bis eine Stimme über einen Lautsprecher ertönte: „Der Klient wird dringendst aufgefordert, derlei Unfug zu unterlassen!“

Emil reckte den Mittelfinger hoch und schritt rasch durch die Sicherheitsschleuse. Diese forderte von innen allerdings bedingungslose Zustimmung und Kooperation. Deshalb senkte sich das Gebäude nicht vollständig ab und Emil stürzte auf den Boden. Er rappelte sich mühsam auf: „Ja, das ist es: hinwerfen!“


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wir sehen uns

Light Colors
#056 – Light Colors aus Flickr, via Wikimedia Commons. Fotograf: Rodrigo Paredes, Lizenz: CC BY 2.0

Der Platz ist eine Bühne inmitten der Finsternis; sein Licht kommt von allen Seiten, aber ich erkenne keine Lichtquelle. Eine schmächtige, hochgeschossene Gestalt steht neben mir; sie wirkt auf den ersten Blick sehr jung, aber ihr Gesicht und besonders die Augen passen nicht dazu: Es ist, als wären mehrere Gesichter ineinanderkopiert und als sie zu sprechen beginnt, klingt es, als wäre aus ebenso vielen Stimmen eine neue zusammengemischt:

„Ich zeig dir ein Spiel, das ist wie ein Gedicht.“

Ich sehe mich um, dann ärgere ich mich: „Dieses Ringelspiel? Sind wir nicht zu alt für so was?“ Im nächsten Augenblick sehe ich in ihre alterslosen Augen und bereue meine Bemerkung – woran hatte ich mich einen Augenblick erinnert? Ein Mädchen im blauen Kleid läuft vorbei und springt bei voller Fahrt auf einen Hirsch – ein süßer Duft bleibt zurück. Ein uralter Herr reitet auf einem weißen Elefanten und rudert mit den Armen.

„Es ist wie ein Gedicht, aber es taugt nichts“, lächelt die Gestalt, während eine Rotte bunter Pferde mit jungen Frauen vorbeifliegt. Ein roter Löwe mit einem Jungen rast vorbei und hinterlässt einen Schwall mit scharfem Raubtiergeruch.

„Es dreht sich viel zu schnell und keiner steigt ab; sie fallen einfach runter, wie diese Frauen von den Pferden.“

„Oder der Herr vom Elefanten.“

Keines der Karusselltiere bleibt unbesetzt: von allen Seiten stürmen aus der Dunkelheit Menschen, besetzen die freien Plätze und zerfallen zu Nichts.

„Wie kann sich auch nur ein Kind auf so etwas einlassen?“

„Zu faul, zu blöd, zu feig zum Verwesen!“, schallt es vom Karussell, ohne dass klar wird, wer das gerufen hatte.

Die Gestalt wendet sich an mich und sieht in diesem Moment aus wie ein Priester oder Sozialarbeiter: „Was riefen sie dir eben zu? Was hörtest du? Sage es mir.“

„Das ist Irrsinn!“

„Dann erinnerst du dich.“

Das Mädchen von vorhin sitzt nicht mehr am Hirsch, ebenso wenig wie der Junge am Löwen, bloß ein Stück Stoff ihres Kleides flattert im Geweih. Für kurze Zeit scheint das schnell drehende Spiel in einen blauen Schleier getaucht; der süße Duft und der scharfe Raubtiergestank haben sich vermengt. Dann wird es düster und kälter und kälter bis sich das Karussell in eine drehende Eisskulptur verwandelt. Bald danach ist es stockdunkel. Ich richte eine Taschenlampe darauf, aber erkenne im fahlen Licht nichts außer meinem Atem.

„Wir verbrennen, wir verbrennen!“, rufen die Fahrgäste.

„Das ist kein Gedicht mehr. Gib sie mir“, höre ich die Gestalt; im nächsten Augenblick entgleitet mir die Lampe. In ihrer Hand wandelt sich das Leuchtdiodenlicht in das einer Sonne; als ihre Strahlen das Karussell treffen, verdampft das Eis, dann fängt die hölzerne Konstruktion Feuer, dann die Pferde, der Löwe, der Hirsch und der weiße Elefant. Die Fahrgäste gleichen lebenden Fackeln aber brüllen: „Wir erfrieren!“

Als ich aufschrecke, meine ich immer noch das Geschrei zu hören und das lichterloh brennende Spiel zu sehen. Ich atme auf: „Vorbei. Der Traum ist endlich vorbei“.

„Wir sehen uns!“, ertönt die Stimme.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT