Der Bücherwurm

Der Bücherwurm von Carl SpitzwegDer Bücherwurm, wie er kritisch den Wortlaut der Quellen mit vier Folianten jonglierend in vollem Einsatz des Körpers vergleicht, professionell mit großem Taschentuche zur Reinigung der erst verstaubten, dann von Handschweiß benetzten Bände, bevor er sie an die richtige Position zurückstellt, ausgestattet, der helle, in jugendlicher Wissbegierde weiß gewordenen Kopf wie das Modell einer Sonne dem grünlichen Erdglobus im Bildvordergrund etwas Licht verleihend, ist einer der letzten Hoffnungsträger, wie er sich auf der Trittleiter der geistigen Herausforderung der mächtigen Bücherwand entgegenreckt, der im dunklen und einsamen Labyrinth der Bibliothek das Regal der metaphysischen Werke aufsucht und Expeditionen des Lesens hinein unternimmt um den schwersten unbeantworteten Fragen eine erhellende Antwort zu erjagen, todesmutig trotzend dem im alten Papier wohnenden modernden Schimmelpilz und dem die Regalwand auf gefährliche Weise destabilisierenden tickenden Holzwurm.

 Text: Benutzer Rosenkohl auf der Diskussionsseite der Wikipedia-Auskunft (Archiv 2010)
Bearbeitung: Christoph Waghubinger (etwas gekürzt, Typografie, Typos, Überschrift)
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Bild: Carl Spitzweg 021.jpg auf Wikimedia Commons
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In dreißig Stunden

Geysir auf dem Namedyer Werth in Andernach
Andernach – Namedyer Werth – Geysir 33 ies.jpg aus Wikimedia Commons. Fotograf: Frank Vincentz, CC-BY-SA-3.0

Dora steht an meinem Bett im Krankenzimmer und mustert mich: „Du musst furchtbar geträumt haben.“
Mein Puls rast wie verrückt und ich bin schweißgebadet und völlig außer Atem. Ich brauche eine Minute, um antworten zu können, aber dann sage ich: „Nein, nein, ganz im Gegenteil. Es war herrlich, ganz wunderbar.“ Es war eine unpassende Antwort und ich betrachte den leicht angewiderten Gesichtsausdruck meiner Freundin. Er steht ihr. Auch sie ist etwas außer Atem und ich frage mich warum. Ich habe die Wahrheit gesagt, denn der Traum selbst war schön, furchtbar war das Aufwachen. Sie sieht den gerahmten Spruch auf meinem Nachtkästchen, den ich längst hätte wegräumen sollen: „Von Monat zu Monat kaputter“.
„Ich bringe dir auf der Stelle einen schönen, weisen Spruch.“
„Womöglich ‚Carpe diem‘ mit Röslein drumherum? Ach, lass mich mit Weisheiten in Ruhe.“ Ich falle in das Kopfkissen zurück und schließe die Augen. Nach einer halben Minute höre ich ihre Stimme:
„Ich verzeihe es dir.“
Ich wechsle das Thema: „Etwas Gutes hat die Weihnachtszeit hier: Fast alle fahren heim und ich habe ein Zimmer für mich allein.“
„Ein Sterbezimmer …“, murmelt sie, gerade so laut, dass ich es höre.
„Es ist nicht das erste Mal, das ich so kaputt bin.“
Wieder Stille. Sie fingert an ihrer Tasche herum. Ich weiß: Sie wartet auf einen Anruf. Ihr neuer Freund wird anrufen, um sie loszueisen, wie ich es selbst früher getan habe. Sie ist wohl außer Atem, weil sie nicht den Lift genommen, sondern der Fitness wegen die sechs Stockwerke hochgelaufen ist.
Sie fragt: „Also nicht das erste Mal?“, und ich höre nicht heraus ob aus Interesse, Langeweile oder Pflichtgefühl. Aber damit werde ich dieses Schweigen los.

„Ja. Ich war nicht älter als fünfzehn. Es war beinahe wie jetzt: Keiner wusste, was ich hatte. Der Doktor untersuchte mich, fand nichts, schickte mich zu Fachärzten, die auch nichts fanden und sagte am Ende Sachen wie ‚Das ist dein Naturell!‘, dann ‚Du bist doch so jung!‘ und schließlich ‚Du musst gesund sein wollen!‘ Ich wollte ja, fühlte mich aber trotzdem fix und fertig. Der kalte Schweiß brach mir aus, mein Puls raste und ich konnte nur ein paar Hundert Meter gehen und musste mich dann ausruhen. Noch dazu war Winter. Ich nahm mir etwas vor: eine Wallfahrt. Weißt du, wenn nichts mehr hilft, dann macht man so was, manche saufen belebtes Weihwasser und ich hatte eben einen Waldberg im Blick, den ich von meinem Zimmer aus sehen konnte. Ich sagte mir, dass bei einem Felsen dort oben das Grab eines Riesen sei und dass ich dorthin pilgern müsse und dann würde ich gesund. Ja, ich war völlig fertig.

Ende März war der richtige Zeitpunkt gekommen, denn der Schnee schmolz und ich fühlte mich etwas besser. Ich verriet nicht mein Vorhaben, sondern sagte, dass ich lange spazieren gehen würde. Nachdem ich querfeldein am Fuß des Berges angekommen war, fand ich keinen der alten Wege wieder und geriet in das dunkelste Fichtendickicht. Nun kam plötzlich wieder alles zurück: meine Atemlosigkeit, mein rasender Puls und der kalte Schweiß. Ich dachte, ich käme niemals hinauf und vor allem nie wieder zurück, aber bald lichtete sich der Wald und überall standen nun statt Fichten Föhren. Ich hatte von unten nie bemerkt, dass da völlig andere Bäume wuchsen. Es war plötzlich heiß und trocken, wie im Sommer und es roch verbrannt. Und dann sah ich bei einem Felsen das Grab. Ich war sehr zufrieden – ich wusste es doch. Ich wunderte mich allerdings, dass es nicht würdiger war. Er sah aus wie ein ganz gewöhnliches Grab, sogar mit einer Blumenvase auf der Einfassung. Nur viel größer und noch etwas war anderes: Die Inschrift am Stein war zackiges Gekrakel. Völlig unverständlich. Aber egal, ich war sowieso geschafft, also wollte ich mich einfach hinlegen, am Besten aufs Grab. Da ich knapp vorm Verdursten war, trank ich sogar das Blumenwasser: Es schmeckte nicht einmal übel. Dann konnte ich das Gekrakel lesen: ‚Hol Wasser.‘ Darüber wunderte ich mich nicht einmal, bloß darüber, woher ich in dieser heißen, trockenen Gegend Wasser herbekommen sollte. Aber ich nahm die Vase und ging einfach los. Ich war noch nicht weit gekommen, als sich der Boden unter mir hob und dann schoss eine Quelle heraus, ach was sag ich: eine Fontäne. Ich konnte gerade noch zur Seite springen. ‚Das ist nicht normal‘, dachte ich, ‚da hab ich was kaputtgemacht, den Wald kaputtgemacht‘.“

Das bloße Erzählen strengt mich ebenso an, wie mein damaliger Ausflug. Ich brauche eine Pause. Bald habe ich mich wieder erholt: „Jetzt hältst du mich für komplett bescheuert, nicht?“
„Wo denkst du hin“, sagt Dora und nickt. „Und dann?“
„Dann wachte ich auf und von einem heißen, lichten Föhrenwald, einem Grab und einer Fontäne natürlich keine Spur, stattdessen wieder das dunkle Fichtendickicht. Mein Herz ratterte wie ein Maschinengewehr, der kalte Schweiß brach mir aus und ich dachte mein letzter Augenblick wäre gekommen. Irgendwie kam ich trotzdem heil bis nach Hause. Aber was soll ich sagen? Ich schlief dreißig Stunden durch und danach war ich gesund.“
„Das war sicher wunderschön für dich“, sagt sie und wendet sich zur Tür.
„Es kommt noch was.“
„Ein dringender Anruf. Ich habe jetzt keine Zeit mehr, aber ich kann’s kaum erwarten, mir deinen Schluss beim nächsten Mal anzuhören. Frohe Weihnachten. Ciao!“
Die Tür fällt zu und danach höre ich sie die Treppe hinunterstöckeln und dabei telefonieren. Dann herrscht Stille. Ich habe vorhin alles nochmals geträumt – nach fast zehn Jahren: die Hitze, den Föhrenwald, das Grab, die Fontäne. Ja, ich habe schon wieder den Wald kaputtgemacht. Ich streife den gerahmten Spruch vom Nachtkästchen, er fällt auf den Boden und das Glas zerbricht. In dreißig Stunden ist alles vorbei.

Text: Christoph Waghubinger
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Der köstliche König

Wolpertinger (frei nach Albrecht Dürer)
Wolpertinger.jpg aus Wikimedia Commons. Vorlagen: Albrecht Dürer, Bildmontage: Rainer Zenz. CC-BY-SA-3.0

Der König von Barbaresien verkündete alle Beschlüsse, alle Einfälle und alle Taten mit Posaunenbläsern, Trommlern und Beckenschlägern und er beschloss viel und hatte viele Einfälle und seine Taten waren zahlreich. Einer seiner Beschlüsse war, als schlichter Bürger gekleidet auszugehen. Dazu wählte er einen schlichten Ornat, schlichte Leibgardisten und eine schlichte goldene Kutsche. Die Händler nutzten die Gelegenheit ihm allerlei Dinge sehr teuer zu verkaufen und der König war jedes Mal sehr angetan: „Ist er nicht köstlich?“, wandte er sich an seinen Finanzminister, als er den Fresssack des Trojanischen Pferdes erworben hatte. „Und Ihr tut wohl, wenn Ihr sagt, dass er es ist.“ Der Minister hatte vorige Woche, als der König im Reichs-Heimatmuseum einen Wolpertinger erlegte, unterlassen zu loben und zu preisen und so war einiges zu kitten, umsomehr als ihn der verärgerte Monarch vom Weihnachtsessen ausgeladen hatte. „Nicht nur der Fresssack, auch Ihr selbst seid köstlich, da ihr den Gedanken hattet, ihn zu erwerben.“ Der König nickte gnädig und sagte zu ihn zu begnadigen, wenn auch die Bemerkungen über Inflation aufhörten. Der König bezahlte bei seinen Ausflügen mit immer höheren Scheinen, und dies beunruhigte den Minister. Deshalb drängte ihn dieser zu heiraten, offiziell natürlich wegen eines Thronfolgers, aber auch, damit jemand anderer Geld ausgäbe. Der König antwortete: „Uns heiraten? Dies ist kein Mensch wert“, und erinnerte den Minister an dessen Herkommen als Sohn armer Bauersleute, denen er „aus Warmherzigkeit“, wie er betonte, eine Heugabel, ein Fuchseisen und einen Donnerbalken abgekauft hatte. Als er den einzigen Sohn als Draufgabe wollte, lehnten diese ab und auch der Bauernsohn sträubte sich. Die Stimme des Königs bebte selbst nun, Jahre danach, vor Zorn. Er ließ die Bauersleute auf der Stelle hinrichten und beschlagnahmte den Sohn. Danach wusste der König dennoch nicht recht, was er mit einem Bauernsohn anfangen sollte. Er erwog ihn eventuell auszustopfen, oder als Hofnarren zu verwenden. Das Zweite verwarf er jedoch rasch wieder, da ein Hofnarr umfassend gebildet und recht feinsinnig sein müsse. Der Bauernsohn bemerkte rasch, dass dem König Geld fehlte, und so bot er an, ihm als Finanzminister welches herbeizuschaffen. Der König bewilligte dies, da dies eine einfache Tätigkeit sei, die jeder Depp ausüben könne: „So erkennet Euch also und unterlasset künftig dümmliche Ratschläge.“

Nun war es drei Uhr morgens. Der König war eben wieder von einem Ausflug zurückgekehrt und hatte etwas gekauft, das ihn außerordentlich beschäftigte. So rief er seinen Finanzminister nicht nur mit Posaunen, Trommeln und Becken, sondern auch mit Gongs, Orgeln und Alphörnern. Und um die Wichtigkeit zu betonen, sprach er in Reimen: „Wir wollten preisen, was gekauft Wir auf Reisen, denn Wir waren nicht tatlos, doch nun sind Wir ratlos.“
Der Minister applaudierte: „Was für ein köstliches Gedicht!“
„Ihr lobt die Köstlichkeit und vergesst den Sinn! Wir wollten Uns preisen, doch dies vermögen Wir erst, wenn Wir wissen, was es ist.“ Mit diesen Worten übergab der König dem Minister eine Weinflasche. Dieser entkorkte sie und roch am Inhalt. Er empfand das saure Johannisbeeraroma als durchaus angenehm, aber er wusste, dass ein solcher Wein als sehr, sehr schlecht galt. Er verzog also sein Gesicht und wich zurück. Es war ein Uhudler mit fuchsigem Geschmack. Ein Heckenklescher mit Rabiatperle.
„Majestät, gepriesen sei Eure Weisheit, denn wer weiß, was dieses Getränk unter Unkundigen angerichtet hätte.“
„Die Weisheit beginnt auch in Euch zu wohnen“, bemerkte der König lächelnd, „doch lasst Uns erzählen: Wir orderten in einem ärmlichen Wirtshause ein schlichtes Mahl mit nur zwölf Gängen …“ Er ließ den Minister, der etwas einwerfen wollte, nicht zu Wort kommen und setzte fort: „Wir wissen, Euch ekelt, doch wahrhaft edel und weise ist es Arme zu achten und an ihrem Ärmsten teilzuhaben. Der Händler, den ich danach an meinen Tische rief, war ein schlichter, abergläubischer Mann. Die Flasche, die er bei sich führte, sei ihm, wie er sagte, vor vielen Jahren aus dem Besitz eines verstorbenen Alchimisten zugefallen. Er wisse nicht, was sie enthalte, doch möglicherweise ein teuflisches Gift. So habe er bis heute nicht gewagt, sie zu verkaufen. Wir konnten ihn schließlich überzeugen, doch nur nach langem Bedenken seinerseits und zum vielfachen Preise seiner restlichen Ware.“
Der Minister wollte den König dazu bringen, für immer zu Hause zu bleiben: „Ich weiß, Majestät sorgen sich um das Volk, aber seit Majestät regieren, herrschen Jubel, Freude und Heiterkeit.“
„Ihr sprecht die Wahrheit. Alle drei sind grenzenlos.“
„Wie groß wäre die Not, geschähe Euch etwas? Wie sollten wir weiterleben?“
„So spricht es Bände, dass Wir legen Unser Schicksal, in göttliche Hände.“
„Erlaubt mir, mich zurückzuziehen, um diesen Trank genauer zu untersuchen.“
„Wir erlauben es nicht nur, Wir befehlen es.“
Der Minister überlegte, wie er die Erwartung des Königs erfüllen könnte. Hatte er nicht vor Jahren eine Essenz erworben, die im Selbstversuch ganz erstaunliche Wirkungen zeigte? Die Vollmondnacht erschien hell wie der lichte Tag und unerhörte Töne und Düfte betörten ihn. Offensichtlich schärfte diese Essenz die Sinne und geschärfte Sinne, überlegte er, erleichtern die Selbsterkenntnis. Als er zurückkehrte, hatte er den Wein mit ihr versetzt: „Majestät, dies ist in der Tat ein unerhörtes Getränk, denn es verwandelt jeden Menschen eine kurze Zeit lang in das, was er in seinem Innersten ist.“
„Ganz erstaunlich, aber was ist dies?“
„In Eurem Falle ein majestätischer Leu, oder ein edler Aar.“
„Ihr werdet gewiss ein Sperlingskauz, denn dieser ist dem Steinkauz, dem Tier der Weisheit, ähnlich.“
Der Minister schenkte ein und beide tranken gleichzeitig. Gleich darauf wiederholte sich alles so, wie es der Minister in Erinnerung hatte und überdies stand eine blütenweiße, herrlich duftende Gans neben ihm. Er verspürte unbändigende Lust sie zu verspeisen und wollte sich eben auf sie stürzen, als die Gans die Flügel über dem Kopf zusammenschlug und schnatterte: „Was ist mit Euch? Ihr sündigt!“
Der Minister prallte zurück: „Wie meinen?“
„Ihr solltet ein Kauz sein, aber seid ein Fuchs!“
„Das war’s also“, murmelte der Minister, und setzte danach mit lauter Stimme fort: „Aber Ihr seid ein edler Aar, ein blütenreiner Adler.“
„Ihr belügt Uns, denn Wir sind kein Adler, sondern ein blütenreiner Engel. Wir werden Uns erheben, um Euch zu züchtigen!“ Nach diesen Worten flatterte er angestrengt, schwebte aber nur eine Handbreit über dem Boden. Der Minister vermochte sich nicht mehr zu beherrschen und stürzte auf ihn. Bald waren von der Gans nur noch Kopf und Füße übrig und dem Minister schien, als habe er noch nie so köstlich gespeist. Im nächsten Augenblick erklangen Posaunen, Trommeln, Becken, Gongs, Orgeln und Alphörner. Es war wieder drei Uhr morgens und er hatte alles nur geträumt. Eine Sache allerdings traf zu: Es gab eine Essenz mit dieser Wirkung. Er kleidete sich an und eilte in das Gemach des Königs: „Majestät, es ist sicherlich eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit?“
„Gewiss, gewiss, denn Wir haben soeben beschlossen, Euch die Nichtachtung des geflügelten Wunderhasens, genannt Wolpertinger, zu vergeben und Euch zum Weihnachtsessen einzuladen. Wir erlauben Euch das Ganze aus Eurer Privatschatulle zu bezahlen.“ Der König deutete das Schweigen des Ministers als Ausdruck sprachloser Ergriffenheit und fügte an: „So groß ist Unsere Huld, dass Ihr sogar ein Getränk auswählen dürft.“
Der Minister verbeugte sich tief: „Majestät, es soll mir ein köstliches Vergnügen sein.“

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Text unter CC-BY-SA-3.0-AT

Verpasst

Große Feuerzeugflamme
Ec-hasslau.de 010.jpg auf Wikimedia Commons. PD

Verdammt, wo bin ich? Ich erinnere mich nicht. „Der Scheißaufzug steckt!“, ruft ein Unbekannter und trommelt gegen die Tür. Nach ein paar Minuten beruhigt er sich und zündet eine Zigarette an. Ich bring kein Wort heraus, nein, und was sind diese schwarzen Krümel? Am Boden, im Leuchtenschirm? Tote Fliegen? Muss sein. An der Rückwand pappen ein roter Kreis mit durchgestrichener Zigarette und ein Papierfetzen: „Gesundheit – empfindlich wie ein rohes Ei“. Der Alte wendet sich zu mir: „Was glotzt du? Das hängt seit zwanzig Jahren hier.“
Es ist ein Aufzug, schön, aber wer ist dieser Mensch?
„Und das an Großvaters Neunzigsten. Das wird eine Predigt geben: was er an mir versäumt hat und dass er abkratzt, bevor wir kommen. Und wie siehst du überhaupt aus? Jeans und Pullover? Pfui Teufel! Das nächste Mal nimmst du Anzug und Krawatte und geh endlich zum Friseur.“ Er beugt sich zum Nottelefon unter den Liftknöpfen: „Mausetot. Hast du deines dabei? Ach, natürlich nicht. Ahnen hätt ich’s können, mit dir muss ja alles schiefgehen und mit deinem Lümmel auch. Angehängt habt ihr uns den eine Woche: nach Venedig mit deiner besoffenen Schachtel. ‚Aber Vati, der Bub ist wie ein Engel’, meinst du. Deine Mutter hat mir dann was erzählt: Dein Engel schmeißt Kleiderständer um und beleidigt wildfremde Leute. Aus dem Geschäft schleichen haben sie sich dürfen, nun ja, das wäre ja nicht schlimm, aber erst hier drinnen: trainiert Kung-Fu – voll in meine Eier. Ich verpass ihm eine und schmeiß ihn raus. Wer sonst? Du belohnst ihn auch noch.“
Ja genau, ein Zwanziger. Ich wollt’ ihm einen Zwanziger geben, wenn er mitkäme, aber „Vati“? Ob ich wirklich Vati gesagt habe? Vater fixiert mich: „Was ist los? Ist dir schlecht? Ja, sauf doch deine Dose aus!“
Red Bull. Ex!
„Na also, geht doch. Aber sonst nichts. Am Weg hierher eine halbe Stunde hinter diesem Leichenwagen, verflucht knapp war’s schon und jetzt das. Wie dieser Bau schon heißt: ‚Seniorenheim Goldener Herbst’, quatsch, Mausoleum wäre besser. Wie spät ist es überhaupt?“ Er reißt meinen linken Arm hoch: „Im Arsch!“ Tatsächlich: vier blinkende Nullen. Danach drückt er am Rauchen-verboten-Schild seinen Zigarettenstummel aus: „Verbrannt will er werden und im Wald verstreut, weil wir uns nicht um sein Grab kümmern. Unglaublich!“ Er angelt ein leeres Streichholzbriefchen aus der Sakkotasche: „Feuer hast du nicht?“ Nein, aber was ist das? Justus’ Zwanziger. Jetzt klappt der Leuchtenschirm herunter und Dreck und Fliegen rieseln heraus.
„Wir verschimmeln! Jetzt steh nicht dämlich herum, hilf mir.“ Nach endlosem Zerren und Schieben rutscht die Tür beiseite, aber die Kabine hängt zwischen zwei Etagen. Dumpfe Schritte nahen: Zwei bullige Gestalten schleppen eine Kiste hinunter.
„Gesindel! Das sind die Typen, die uns aufgehalten haben.“ Vater wird ohne Zigaretten noch gereizter, aber durch die offene Tür strömt Luft, sonst läge ich längst am Boden. Bald kehren die zwei Träger mit einer Leiter zurück. Der stiernackige Ältere wendet sich an den blonden Jüngling: „Bingo!“ Der Jüngling schiebt mit finsterem Blick die zusammengeklappte Leiter hinunter, und während Vater hinaufkeucht, plaudert der Stiernacken: „Wissen’s, immer wenn so was passiert, wetten wir um eine Kiste Bier, wer drinnen steckt. Zu wem wollen Sie denn? Wie? Warten Sie …“
„Keine Zeit!“, ruft Vater und stürzt die Stiege hinauf. Drei Stock höher, in Großvaters Zimmer, fällt er dunkelviolett angelaufen in einen Sessel, aber keine Spur von Großvater. Dann hebt er ein Gasfeuerzeug von der Tischplatte auf und liest mechanisch: „Verein Die Flamme – hygienisch und modern.“ Am Weg hinunter zündet er sich mit Opas Feuerzeug eine neue Zigarette an. Das Treppenhaus schwankt, ich könnte noch eine Dose brauchen. Durch eines der verschmierten Fenster fällt mein Blick auf den Vorplatz, wo der Leichenwagen eben abfährt. Eine kleine Gestalt läuft hinterher und wirft Äpfel auf die Heckscheibe. Während Vater im Foyer neue Zigaretten zieht, trete ich vor das Portal und streife den Schmutz und die Fliegen ab. Ich erinnere mich: Eine Amnesie hatte mich schon mal, auch bei so einem Besuch und sprechen geht noch immer nicht. Die kleine Gestalt von vorhin kommt auf mich zu: ein recht verbummelter, ungefähr Zwölfjähriger, mit wirrem braunen Haarschopf. Justus? Jawohl. „Ich krieg aber jetzt den Zwanziger, der ist versprochen.“ Er steckt ihn ein und zeigt zum Leichenwagen, der eben um eine Ecke biegt: „Diese Gruftis spinnen! Wen haben wir verpasst? Unseren Alten?“

Text: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

 

Jägermeister

Rennender Pudel
Kare (14080248151).jpg. Fotograf: Pal-Kristian Hamre, CC-BY-SA-2.0. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Retuschen im unscharfen Vordergrund)

An meinem dreizehnten Geburtstag stürmte ich in die Küche und rief: „Das deckt, das wehrt und das liegt unter, ober, hinter und vor dir!“ Mutter schlug die Hände vors Gesicht: „So jung und schon verdorben!“
„Nein, aber besoffen“, knurrte Vater, „Hauch mich an.“ Danach setzte er sich und murmelte: „Nüchtern.“
Dabei hatte mir mein Patenonkel Kilian mit diesem Spruch die Karten gelegt, aber niemand hörte zu, auch nicht der Pfarrer – also erst fünf Vaterunser und dann drei Ave-Maria. Von der Orgelmusik bekam ich Kopfschmerzen und der süßlich-schimmelige Mief vermischte sich mit dem Weihrauch – bloß nicht umfallen. Ich trank einen geklauten Jägermeister und beschloss die Buße ausfallen zu lassen, denn schließlich war alles ein Missverständnis. Zu Beginn der Sommerferien hatte mein Patenonkel geschrieben und der Brief steckte eine Woche hinter dem Spiegel. Als ihn Vater dann abends öffnete, sagte er: „Der Irre lädt uns alle ein.“ Vater kippte einen Schnaps und Mutter schluckte Aspirin, aber war mir vor Mathetests nicht auch immer schlecht und was half da? „Jetzt trinkt einen Pfefferminztee und dann ab ins Bett.“
„Und du stehst nur da“, rief Mutter, „knall ihm eine.“
„Ich weiß was Besseres: den schicken wir zum Kilian.“
So stapfte ich am nächsten Morgen mit einer riesigen Umhängetasche zur Bushaltestelle. Das Straßenbett war erst ausgespült und dann zugewachsen, so sank ich mit jedem Schritt etwas ein. Lastwagen pfiffen vorbei, ihr Fahrtwind riss mir die Kappe runter, und als ich sie wieder aufhob, war ein Reifenmuster drauf. Ich wartete: fünf Minuten, zehn, es regnete. „Ich gehe wieder heim.“ In diesem Augenblick wackelte ein rostiger Bus daher. Auf Mutters Merkzettel verschwamm durch den Regen die Tinte, so sagte ich auswendig, wohin ich wollte. Danach bugsierte ich meine Tasche durch den engen Gang – warum sahen mich alle so seltsam an? Fünfzehn Kilometer weiter war es noch trocken, aber es donnerte schon bedrohlich. Auf der Bank im Wartehäuschen pappten drei halb abgerissene Aufkleber: „Weil nur daheim zu Hause ist: Heimatpartei.“ „Ich fahre sofort heim“, beschloss ich. Bald darauf knatterte ein Moped aus einer Nebenstraße: Es war Randolf, Kilians vierzehnjähriger Sohn. Ich ärgerte mich: „In fünf Minuten wäre ich wieder weg gewesen.“
„Nö, der Bus kommt immer eine Viertelstunde später. Eine coole Kappe hast du ja, aber sag, was ist in dem Riesensack?“ Er riss den Reißverschluss auf: „Für jeden Tag neue Sachen? Bist du verrückt?“ Nach einer Fehlzündung heulte der Motor auf, Staub und Abgase vermengten sich zu einer weißlich blauen Wolke und bald strömte Regen herunter. Als wir über eine Brücke aus Baumstämmen holperten, flog der Inhalt meiner Tasche in eine Schlucht, und ein knurrendes schwarzes Knäuel stürmte heran: „Das ist unser Fisto.“ Der Pudel hetzte neben dem Moped her und verbiss sich solange in mein Hosenbein, bis Onkel Kilian mich auspendelte und sagte, dass ich ausspannen müsse. Fisto verzog sich danach mit dem herausgebissenen Stück unter die Küchenbank und Tante Heidegret gab mir Randolfs alte Klamotten. Die Tage danach waren herrlich: Randolf und ich schossen mit Luftdruckgewehren auf Krähen und Tauben, die Fisto apportierte, und klauten Jägermeister und Kondome. Die Kondome waren für Randolf, „wegen der Weiber“, wie er sagte und es solle in Rotenöd im Nachbartal einen abgefahrenen Puff geben. Tante Heidegret ohrfeigte ihn eines Abends links und rechts: „Das ist für den Jägermeister und das für dieses verdorbene Zeug!“ Ich rätselte: „Wieso sollen diese lustigen Dinger verdorben sein? Die sehen doch noch ganz in Ordnung aus und was ist überhaupt ein abgefahrener Puff?“ Aber es gab Wichtigeres, denn so schön die Tage auch waren, so furchtbar waren die Nächte: Rote Fliegende Untertassen und strahlend rote Adler schwebten über den Waldbergen und im Haus geisterten schwarze Schatten. Es erscholl Geheule, unterbrochen von Schreien und es stank fürchterlich. Ich dachte an Außerirdische und Werwölfe und traute mich nicht mehr einschlafen. Bald sah ich wie ein Zombie aus und dann roch Tante Heidegret den Jägermeister, sagte, alles käme davon und verbot mir auch noch das Fernsehen.

Einmal als die Munition ausging, brach Randolf eine Packung Silvesterkracher an: „Papa pendelt jetzt das ganze Tal aus. Er sucht nach …“
„Werwölfen? Außerirdischen?“
Randolf sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren: „Nein, Kraftplätzen“, dann zündete er die Lunte und warf den Kracher weg. Nach dem Knall jaulte Fisto und Randolf rief: „Verdammt, das wollte ich nicht!“
Auch mit Randolf konnte ich also nicht darüber sprechen. Die Adler und Ufos kamen jede Nacht näher, und als zum Gestank, Geschrei und Gejaule auch noch Geknurre und Flüche dazukamen, wurde es mir zu viel. Ich überlegte: „Vielleicht hilft Musik? Irgendwas Klassisches, Beruhigendes?“ Ich verwechselte jedoch die Tasten am Rekorder und Heavy Metal ging los. Jetzt war mir alles egal. Ich stürmte zur Tür hinaus, stolperte über Fisto und rannte Randolf um. Der Pudel jaulte auf und verkroch sich knurrend hinter einem Ficus. Ich stand fassungslos da: „Ihr zwei Irren seid das?“ Randolf haute mir links und rechts eine runter und begutachtete dann seine zerrissene Pyjamahose: „Bald brauch ich eine Urschreitherapie, wie meine Alten.“ In diesem Augenblick ertönten wieder zwei Schreie. Bis auf den Gestank war die Werwolfangelegenheit nun geklärt, es blieben also die Adler und Ufos. Künftig klaute ich nicht nur Jägermeister und Kondome, sondern auch Leckerlis für Fisto und jaulte mit ihm nachts um die Wette, denn vor völlig Verrückten, sagte ich mir, haben sicher auch Adler und Außerirdische Respekt. Fisto brachte mir bald die geschossenen Krähen und Tauben, die er bis dahin vergraben hatte.

Eine Woche danach fuhr uns Onkel Kilian mit seinem Käfer nach Rotenöd ins Kino und bald darauf gerieten wir in dichte Rauchschwaden. Es stank wie nachts und dann erschienen rechts schwelende schwarze Haufen: „Kohlenmeiler!“, erklärte der Onkel, „das ist Geschichte.“ Randolf verdrehte die Augen und tippte sich an die Stirn, aber immerhin, dachte ich, kommt auch der Gestank nicht aus der Hölle. Als wir in Rotenöd einfuhren, zeigte Randolf nach links: „Da ist der abgefahrene Puff.“ Erwartet hätte ich einen babylonischen Turm, aber dieser Flachbau mit dem Schild „Ganymed“ sah wie eine Lagerhalle aus. Im Kino gab es einen Kinderfilm, aber im Foyer klebten Plakate der Abendvorstellung: „Aliens. Sie holen dich. Jetzt!“ Es war nicht beruhigend, daran erinnert zu werden. Als wir zurückfuhren, war es schon dunkel und beim Ganymed warfen Laserstrahler rote Adler und rote Ufo-Scheiben an den Himmel. Jetzt war auch das geklärt und ich flippte aus vor Freude: „Der Puff, hurra! Es ist der abgefahrene Puff!“ Onkel Kilian knallte vor Schreck in den Vorderwagen.

An meinem Geburtstag, sechs Wochen später, fühlte ich mich schon dreimal besser und Tante Heidegret sagte, ich könne Randolfs alte Klamotten behalten. Onkel Kilian legte mir die Karten, prophezeite ich würde sicherlich noch irgendetwas Ordentliches und Fisto legte mir eine tote Krähe zu Füßen. Danach fuhr mich Randolf zur Bushaltestelle und tauschte ein paar Jägermeister gegen meine Kappe mit dem Reifenmuster. Daheim verkündete ich Onkel Kilians Prophezeiung, aber nur deshalb saß ich in der Kirche und konnte meinen Geburtstag vergessen. Am Kirchplatz zündete Vater eine Zigarette an: „Na, hast du fleißig bereut?“ So etwas konnte es doch nicht geben, fand ich, nein, das ist unmöglich. Also erklärte ich alles und sagte noch einmal Onkel Kilians Spruch auf. Dann fiel mir ein, dass ich Vorrat übrig hatte: „Wollt ihr keinen Jägermeister?“
Vater fiel die Zigarette aus dem Mund und Mutter ohrfeigte mich.

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

 

 

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