Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Das teure Schaf

Ich veröffentliche einige meiner Beiträge auch auf Leselupe.de. Ein dortiger Kommentar zu meiner Kurzgeschichte „Die Behandlung regte mich nun zu dieser Neufassung an.


Sankt-Georg-Altdorfer
Albrecht Altdorfer: Laubwald mit dem heiligen Georg, Lizenz: PD

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällt’s ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles nur vom Lesen: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg und andere Wunder- und Martergeschichten“. Damals war ich sehr engagiert.

Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte sie retten vor all dem Bösartigen und Blödsinnigen hier. Immerhin behaupteten die anderen Lehrer, dass wir Hauptschüler nun mal so wären und schließlich stand es sogar in der Zeitung: einem Weltblatt das unserer Deutschlehrer hin und wieder mitbrachte. Obwohl ich vorher noch nie irgendetwas gemerkt hatte, kam ich nun doch ins Grübeln und schließlich erkannte ich bei meinen Mitschülern immer mehr Anzeichen wie Gewalt, Flüche und blöde Bemerkungen.

Ich sagte mir, dass sie ausgelost worden sein musste, genau wie die Prinzessin in der Legende. Wie verzweifelt waren die Bürger Silenas gewesen, als die Opferschafe für den Drachen knapp wurden und mit Menschen ergänzt werden mussten, so Fifty-Fifty: ein Schaf, ein Mensch. Sonderbar schien mir, dass die Legende so gar nichts von einem Schaf für die Prinzessin erzählte. Bald war ich mir jedoch sicher, dass es zwar nicht erwähnt, aber das edelste Lamm von allen war.

Für welche Leute sich unsere Lehrerin dagegen opferte, war mir zunächst etwas unklar, aber ihr Vater war vielleicht Präsident von Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern, Verlegern und Wirtschaftskapitänen. Wie verzweifelt musste er sein: seine Tochter Bestien ausgeliefert!

„So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich als einzige Ausnahme für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Die waren zwar zu 100 Prozent für den Hugo, aber ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe.

Und dann kam eben die Sache mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegengeblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rettungswagen. Sie hätten sie auf der Stelle beiseite geräumt. Wahrscheinlich erfand er noch etwas, weil ich mich gar so aufregte, denn als er mein empörtes Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: „Und ein belämmertes Schaf genannt.“

Dafür kratzte ich denen dann 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja freilich, aber für meine Dame ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich.

Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Das war für mich schlimmer als jedes belämmerte Schaf, denn eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Es war, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen ritterlichen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht war’s nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war. Das dauerte allerdings lange.

Aber ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Ach weißt du.… nein!


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT

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Die Behandlung

Sankt Georg und der Drache
Hl. Georg im Kampf mit dem Drachen (Paolo Ucello, Lizenz: PD)

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzählt? Mir fällts ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrüßte mich, als wäre es erst unlängst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles vom Lesen, denn ich habs getan, als Einziger, freiwillig: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg“ und andere Wunder- und Martergeschichten. Damals war ich sehr engagiert. Sie war für mich eine echte Dame und ich wollte um sie kämpfen und um ihretwillen leiden unter all dem Bösen und Blöden in unserer Hauptschule, denn dass es bei uns so zuginge, erzählten uns doch ständig die Lehrer. „So ein Glück“, dachte ich, „dass wenigstens ich für sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine Anfängerin, sondern eine Vollblutpädagogin. Mensch, dieser Respekt, diese Wertschätzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Ich fühlte mich so unglaublich ernst genommen. Die größten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe. Und dann kam eben das mit dem Ritter: Sie hatte da so ein Wägelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spät. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegen geblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rotkreuzwagen. Sie haben sie auf der Stelle beiseite geschoben und dabei gings halt etwas unritterlich zu. Vielleicht erfand er auch ein bisschen was, weil ich mich gar so aufregte. Danach kratzte ich denen deswegen 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja, freilich, aber für sie ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsächlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler.…“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzählte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wäre. Mutter und Vater sahen sich bestürzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde später war ich beim Arzt. Mensch, war der übel aufgelegt: Für solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, für sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich. Meine Verehrung war danach bereits gedämpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzählte. So was hielt ich ja sowieso schon für undamenhaft, aber dann erwähnte sie amüsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der Bergführer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Eines wusste ich: Eine Dame hätte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Ich fühlte mich betrogen und beschmutzt, als hätte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen Anstand und behandelte sie künftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht wars nicht, denn ihr Parfüm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche Prüfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war.

Ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Nein, wo denkst du hin? Bloß ein bisschen Smalltalk und die Geschichte ist doch wenigstens amüsant – jetzt im Rückblick. Oder?


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Schatt al-Arab

Dau-Segelschiff auf dem Schatt-al-Arab
Dau auf dem Schatt al-Arab.png aus Wikimedia Commons. Fotograf: Buonasera, Bearbeitung: Christoph Waghubinger (in JPEG konvertiert, Graustufen). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ein schlechtes Gewissen steht der Verwandtschaft“, überlegte sich Dora und so waren alle ihre Wünsche zum 75. Geburtstag unerfüllbar. Als es so weit war, legte sie eine Schallplatte auf, nahm in einem Sessel Platz und empfing die vielen unter Bedauern überreichten Ersatzgeschenke, wie Bonbonnieren, Schnäpse; Blumensträuße und Engelsfiguren. „Aber das macht doch nichts. Nein wirklich, ich freu mich trotzdem“, wiederholte sie mit sanfter Stimme immer und immer wieder und fühlte sich sehr gut. Nun lag jedoch das Geschenk ihres Großneffen Roderich vor ihr: Eine alte Zigarettendose aus den 50ern mit einem Segelschiff und der verschlungenen Aufschrift „Schatt al-Arab. Leichte Mischung. 20 Cigaretten“. Dora war nichts übrig geblieben, als sich zu bedanken, denn schließlich hatte sie sich genau solche Zigaretten gewünscht. Sie wusste nicht, ob sie sich auf den Arm genommen, oder vielleicht doch beschämt fühlen sollte, denn Roderich war von ganz ausgesuchter Freundlichkeit, ganz im Gegensatz zu den anderen Verwandten. Jedem Einzelnen von ihnen hatte sie schon einmal ihr ganzes Erbe versprochen, auch Roderich, aber dieser war der einzige, der abgelehnt hatte. „Warum kommt dann ausgerechnet dieser junge Mensch zu mir alten, unausstehlichen Person?“, denn dass sie unausstehlich war, wusste sie, aber auch es nicht immer gewesen zu sein. Darüber, wie solches Unausstehlichwerden vor sich ginge, hatte sie früher oft gegrübelt, jetzt wischte sie solche Gedanken beiseite. Etwas anderes erschien ihr wichtiger: Ihr war, als hätten sich mit Roderich wichtige Dinge verschoben, wären halbfremd geworden, wie eine vertraute Melodie, der eine Note hinzugefügt wurde. Sie hatte diesen Gedanken vor langer Zeit einmal in einem Buch gelesen und versuchte sich zu erinnern: Der Autor war irgendein Philosoph oder Theoretiker, den sie damals für ziemlich exzentrisch gehalten hatte. Jetzt allerdings erschien ihr dies alles sonnenklar und vernünftig.

Die unmögliche Zigarettendose sah tatsächlich alt aus und – sie setzte ihre Lesebrille auf – wirkte dieses Schiff nicht eher wie ein Wrack, oder täuschten die vielen Sprünge und Flecken? Nun schien ihr selbst der Wunsch nach Zigaretten, wenn auch erfundenen, höchst sonderbar. Hatte sie nicht schon vor über vierzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört, weil ihr selbst von den leichteren Sorten übel wurde? Sie legte die Dose weg und sah geistesabwesend in ihren Schminkspiegel ohne die Brille abzunehmen. Sie schrak zurück, denn in diesem Augenblick sah sie zum ersten Mal diesen seltsamen winzigen Punkt in ihren Augen, einen Punkt, hinter dem Dunkelheit und Kälte lauerten. Jetzt fiel ihr ein, dass Roderich nicht immer freundlich gewesen war. Einmal hatte er sie sogar auffallend lange mit eindringlichem Blick fixiert, als wäre sie ein anatomisches Präparat. Ihr war damals unheimlich geworden, aber seit damals war sein Verhalten verändert. „Er weiß, dass ich sterbe“, dachte sie bestürzt. Sie betrachtete die Zigarettendose und hoffte, dass sie sich in etwas anderes verwandeln würde – in eines der Ersatzgeschenke – und sie erwachen könne, wie aus einem Traum. Die Dose aber blieb, was sie war und als sie den Deckel öffnete, lagen tatsächlich Zigaretten darin. Der Geruch des alten Orienttabaks erschien ihr wunderbarer als die fernste Erinnerung und sie fühlte sich plötzlich wieder sehr jung. Sie nahm eine davon heraus, schob sie spielerisch zwischen die Lippen und überlegte, was ihr Arzt sagen würde, wenn sie erzählte, dass sie alte filterlose Orientzigaretten rauche wolle. Vielleicht, dass sie nichts als albern-leichtsinnig mit ihrem Leben spiele? Sie entzündete ein Streichholz und dachte: „Ja, vielleicht“.


Autor: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Der Kick

Musikbox
Seeburg Select-o-matic jukebox detail 01A.jpg. Fotograf: Joe Mabel auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

„Ich weiß, weshalb Sie anrufen, Herr Heuensteiner: wegen Ihrer Kurzgeschichte. Eine Einschätzung, extern, unabhängig, zum Vorfühlen, weil ich ja den Herausgeber gut kenne. Hier ist sie, ja, und außerdem habe ich eine wichtige Nachricht, die könnte ein Kick für Sie werden. Mir ist selber die Spucke weggeblieben. Aber vorher braucht es noch ein wenig Textarbeit, aber alles nur Kinkerlitzchen. Ihr Icherzähler Gerhard ist also Korrespondent einer Schweizer Zeitung und berichtet 1960 mit einem Fotografen Werner von der Tunnelbaustelle am Großen Sankt Bernhard. Historisches Setting also. Eine weitere Figur haben sie mit einem gewissen Padre Francesco vom Hospiz auf der Passhöhe, zwar etwas altväterisch, aber akzeptabel. Weiter geht es um eine Katastrophe, den Einsturz einer 20 Meter hohen Brücke am Karfreitag und um ein Wunder. Bitte Vorsicht: Nicht allen wird der Karfreitag was sagen und wie heißt denn eigentlich diese Schweizer Zeitung? So sieht es unpersönlich aus. Immerhin: Es gibt keine Opfer und genau das ist das Wunder, denn eine Musikbox spielt statt Schlagern plötzlich klassische Musik – zweimal dasselbe – und steht dann still. Die Arbeiter versäumen ihren Schichtantritt und stürzen nicht mit der Brücke in den Abgrund. Gut. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Ihr klassisches Stück ist nicht irgendeines, sondern Schuberts Unvollendete, und die verträgt sich nicht mit Ihren Zeitangaben: Sie schreiben: ‚Vier Minuten – sechs Minuten. Dann war die Platte wieder zu Ende.‘ Nehmen Sie lieber irgendetwas Eingängiges, Kurzes – lassen Sie mich überlegen, vielleicht von Bach: ‚Wachet auf, ruft uns die Stimme‘, oder noch besser: ‚Canon und Gigue‘ von Pachelbel, das dauert Ihnen genau sechs Minuten und fährt voll ein. Sie wollen damit ja Wilde beeindrucken, ja so heißt Ihre Geschichte doch: ‚Bei dem wilden Volk der Mineure‘. Der Titel muss unbedingt kürzer und knackiger werden und ein bisschen mehr Atmosphäre ist nötig: Sie beschränken sich auf Hörbares und Sichtbares, aber Ihre Tunnelarbeiter rauchen doch sicher alle und schwitzen und sind dreckig. Wie riecht es, wenn einer von denen die Schuhe auszieht, und bekommt der eine Gänsehaut, wenn die Musikbox loslegt, oder sträuben sich die Nackenhaare?

Jetzt zu dem Untertitel: ‚Eine seltsame, aber wahre Geschichte‘, nun, das ist zwar nett, aber Sie erzählen in der Ich-Form. Lassen Sie es besser jemand anderen erzählen, oder ändern Sie die Erzählperspektive. Und Ihr Padre Francesco: Der ist wohl eine Art guter Geist oder gute Seele, ja? Dazu passt, dass er sehr undeutlich bleibt. Ja doch, Sie werden sehen: Hin und wieder taucht er bei den Arbeitern auf, um, ich zitiere: ‚… den rauen Gesellen ins Gewissen zu reden‘ und als er aufgefordert wird, ein Wunder zu vollbringen, antwortet er: ‚Menschen machen keine Wunder, die geschehen so nebenbei‘. Schon wieder eine Plattheit, aber eben auch ein Hinweis auf das bevorstehende Wunder. Als alles vorbei ist, wird er nach der Musikbox gefragt und sagt, er habe eine Vorahnung gehabt, nachdem er am Weg zu den Bernhardinerhunden auf einem Trittbrett eingebrochen sei. Dabei sieht er seine Gesprächspartner ‚beinahe listig‘ an, was immer das auch heißen mag. Wissen Sie es? Ja, ja, geheimnisvoll, wunderbar, rätselhaft. Ich sage Ihnen: Aus diesem Padre könnten Sie einen Geist machen oder vielleicht sogar einen Engel? Aber gut, wenn Sie meinen, dann nicht, und ja natürlich: Sie bezeichnen ihn ja als ‚echtes Original‘, gut, dann sollten Sie ihn deutlicher zeichnen, meinetwegen als komischen Heiligen. Irgendeine weibliche Figur brauchen Sie übrigens noch, vielleicht eine flotte Kantinenwirtin? Bis jetzt haben Sie nur einen langweiligen Kantinenwirt. Da wir schon bei den undeutlichen Figuren sind: Werner bleibt die ganze Zeit quasi unsichtbar und wird nur gebraucht, um zusammen mit dem Icherzähler zu fotografieren, damit der sich beim Anblick der Fotos erinnert. Wie umständlich! Lassen Sie nur Ihren Gerhard fotografieren, das ist ökonomischer. Und noch etwas: Eben der sagt, dass der Große Sankt Bernhard nur wenig interessant sei – ja, für den Autofahrer aus Österreich und klappt dann nach: ‚… für den aus der Schweiz oder Deutschland jedoch sehr‘. Warum dann Österreich zuerst? Das ist ungeschickt, und drei Absätze vor dem Schluss kommt’s dick: Er sagt, er habe in seiner Reportage diesen Vorfall erst gar nicht erwähnt und tut es jetzt nur, weil ‚… es gerade wieder Ostern ist‘. Wie bitte? Soll Ihre Geschichte also nur zu Ostern gelesen werden? Dann wird der Leser auch noch direkt angesprochen und geduzt. Das streichen Sie alles besser und denken Sie an die Namen Ihrer Figuren: Gerhard, Werner und Francesco. Wie gewöhnlich! Wie wär’s wenigstens mit Gérard und Vernier und Padre Bonifacio, und noch zwei Dinge: Warum geht es in Ihrer Geschichte um eine Brücke und nicht um den Tunnel? Lassen Sie den doch einstürzen und außerdem haben Sie dort oben doch die berühmten Bernhardiner. Was brauchen Sie da eine Musikbox?

Herr Heuensteiner, brüllen Sie nicht, die Verbindung ist ausgezeichnet. Ja, exakt: Mit meinen Vorschlägen würde eine andere Geschichte draus. Ich wollte nicht glauben, was Sie mir geschickt hatten, aber dann fühlte ich mich wieder blutjung, wie damals am staubigen Dachboden mit der Geschichte von Gerhard Steinhäuser. Ja, genauso steht sie im Jungösterreich-Heft von April ’76. Sind Sie noch dran?“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Pass auf

Sonnenreflex
Reflected sun on the Accenture building.jpg aus Wikimedia Commons (Übernahme aus flickr)  Fotograf: kcxd, CC-BY-2.0

Es war Projektwoche, aber Harald und Hugo saßen zu zweit im Klassenzimmer und schrieben Strafaufsätze. Zuvor hatte ihnen Klassenvorständin Grubermüller eine lange Ansprache gehalten und dann das Klassenzimmer verlassen. Das einzige Geräusch danach war der gegen die Fensterscheiben prasselnde Regen. Harald nahm Heft und Füllfeder, setzte sich zu Hugo und schüttelte den Kopf: „Das ist doch voriges Jahrhundert.“
„Unser Thema auch, und die paar uralten Laptops brauchen sie für ein Projekt, hoffentlich explodieren sie nicht“.
Harald murmelte etwas Unverständliches, danach riss er eine Seite aus seinem Heft und warf sie in den Papierkorb. „Noch eine geht nicht, ich bin schon auf der letzten. Mensch, ist das mies und erst der Vortrag von der Grubermüller, der war mehr als nur brutal: ‚Schandmäuler‘ haben wir also – ein interessantes Wort ist das – und Gewalt wär ‚von Übel‘, ja wirklich genau so: ‚von Übel‘, trotzdem sollen uns unsere Eltern endlich durchdreschen, weil alles seine Grenzen hätte und ein Beispiel sollen wir uns nehmen an der Annabelle, keine Ahnung warum, die war als Einzige nicht dabei. Ja, haben wir wirklich so einen Blödsinn verbockt?“
Hugo antwortete nicht sofort. Die Luft war staubig und stickig und die vielen Stühle auf den Tischen erschienen ihm wie Gespenster. „Wenn sie sehr empört ist, dann redet sie doch immer so und dumm oder gemein waren wir nicht – wir haben getan, was der Referent gesagt hat.“ Er sah an die leere Tafel und zitierte aus dem Gedächtnis: „‚Kritisiert und hinterfragt, nervt und protestiert, seid Sand im Getriebe!‘“ Danach wandte er sich wieder an Harald: „Du weißt ja: Niemand soll mehr Angst haben, nur weil er eine andere Meinung hat. Geklappt hat’s nicht, dafür hat mir dann leider der Himlitzer, dieser Skinhead, auf die Schulter gehauen und gemeint, dass ich es dieser ‚blöden, schwulen Sau‘ ganz prima reingesagt hätte. Nachgefragt habe ich nicht, von dem hab ich immer noch das blaue Auge, weil ich ihn einen Schlägertypen genannt habe.“
„Der Referent hätte uns am liebsten angezeigt“, murmelte Harald, „heilfroh sollen wir sein, dass wir noch minderjährig sind.“
„Und das ist noch nicht alles“. Hugo holte sein Smartphone aus dem Rucksack und hielt es Harald hin: „Weißt du, wie viele komische SMS ich heute schon bekommen habe? Der Speicher ist voll. Kein Wunder, die Sache ist in der Zeitung, der ‚Fakt‘, ganz groß und schau dir erst die Schlagzeile an: ‚Schüler leugnen Holocaust! Sind das noch Menschen?‘“
„Bei mir ist es dasselbe. Diese Zeitungsmenschen gehören aufgeklatscht.“
Hugo drehte seine Füllfeder in der Hand und betrachtete das Fakt-Logo auf der Kappe – die Zeitung sponserte die Schulutensilien und die Projektwoche. In den nächsten Minuten war nur das kratzende Geräusch der Federn zu hören, dann begann Harald wieder: „Warum schreiben die einen solchen Shit? Wir haben doch nichts geleugnet, sondern nur kritisch nachgefragt, was das hier eigentlich alles soll und ob das, was er vom Lager erzählt hat, nicht vielleicht doch nur ein Fake ist.“
„Ja, genau, das ganze Programm, damit wir und die anderen endlich bessere Menschen werden. Das glaub ich ja, aber wenn ich das mit dem Besserwerden einem Normalen erzähle, dann schaut mich der an, als ob ich nicht ganz dicht wäre. Komisch, nicht? Ich wollte also ausprobieren, ob der Referent das wirklich ernst meint. Und jetzt? Ist am Ende alles Theater?“
„Ich check’s auch nicht.“ Harald stützte die Ellenbogen auf den Tisch und drückte die Fingerspitzen gegen Stirn und Schläfen. Er saß so eine kurze Weile, dann fügte sich alles wie von selbst zusammen: „Die Anderen! Er hat alle Anderen gemeint, bei denen müssen wir dieser Sand sein und hinterfragen, kritisieren, nerven und protestieren, aber doch nicht bei ihm. Wir dürfen nur auf die Richtigen losgehen, auf die mit einer anderen Meinung.“
Hugo sah ihn zuerst fassungslos und dann erstaunt an, sagte eine Weile nichts und danach: „Da könntest du recht haben.“
Ein Sonnenstrahl brach durch die Wolkendecke, spiegelte sich in einem Fenster gegenüber und tauchte das Klassenzimmer in goldenes Licht. Beide lachten befreit auf.
„Dann müssen uns diese Tipps doch egal sein“, begann Hugo wieder und die Stühle erschienen ihm plötzlich wie Möbel und nicht mehr wie Gespenster, „ich fass es nicht. Solche Mühe habe ich mir gegeben, ehrlich, sogar meine Füllfeder ist abgebrochen und jetzt kommt mir alles wie ein Käse vor“.
„Ich habe nur den Text aus den Flyern umformuliert – zum Glück“, Harald wies auf ein paar Zettel, die vor ihm lagen, „und jetzt chill ich ein bisschen.“ Er lehnte sich zurück und surfte mit seinem Smartphone im Internet, aber nach einer Weile rempelte er Hugo an: „Dafür brauchen sie die Laptops: zum Bloggen! Die Annabelle schämt sich so und entschuldigt sich im Namen der ganzen Klasse.“
„Wieso? Die war doch gar nicht dabei?“
„Ja, als Einzige, weil ihr schlecht war, aber sie hat trotzdem einen Strafaufsatz geschrieben, nicht am Computer, sondern mit der Füllfeder, und alle haben unterschrieben, auch der Himlitzer“, er vergrößerte das Foto des Aufsatzes, „und jetzt schau dir an, wie die Grubermüller kommentiert: ‚Bravo, dies macht viel Mut! Weiter so‘. Er krümmte sich vor Lachen und schlug mit den Fäusten auf die Tischplatte: „Das macht ja wirklich viel Mut.“
Hugo lachte mit und der Klang ihrer Stimmen vermischte sich mit dem Glockenschlag einer Turmuhr. Er sah auf sein Smartphone: „Es ist fast vier, wir müssen die Aufsätze abgeben, aber weißt du, was ich grad für eine Idee hab? Ich sag künftig allen, die so drauf sind wie der Referent und die Grubermüller, ganz spontan irgendwas Liebes, Nettes, Schönes, das hilft ihnen ja vielleicht?“
Harald stand auf und setzte sich wieder an seinen Tisch: „Das probierst du aber bitte alleine aus.“
In diesem Augenblick rasselte die Schulklingel und von draußen näherten sich rasche Schritte.
„Na klar doch, und jetzt pass auf!“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA.3.0-AT

Das Tier

Sunupbirdsflare
Sunupbirdsflare.jpg. Fotograf: Jmettlen auf Wikimedia Commons, CC-BY-SA-3.0

„Er ist wie ein Tier“, denkt sie und betrachtet den Jungen, der sich in der Sitzreihe gegenüber hingelegt und seinen Rucksack auf den Boden geworfen hatte. Er blättert in einem Mathematikbuch und kritzelt etwas in einen Notizblock, danach schüttelt er den Kopf, zerknüllt den Zettel und wirft beides auf den Boden. Das Buch ist eine Ausgabe für Hauptschulen mit einer großen Drei auf dem Einband. „Also höchstens dreizehn“, stellt sie fest. Ihre Kopfschmerzen sind nach drei morgendlichen Tabletten beinahe verschwunden, aber sie fühlt sie immer noch wie unter örtlicher Betäubung. Sie fährt gewöhnlich nicht mit dem Zug, aber ein Marder hatte in ihrem Wagen Kabel durchgebissen. Ihre Fingernägel drücken sich beim Gedanken daran in den abgewetzten Kunststoffbezug. Der Junge gähnt und rekelt sich, bis seine in schmuddeligen Turnschuhen steckenden Füße über die Armlehne in den Gang ragen. Seine Haare sind etwas wirr und das T-Shirt und die kurze Hose trägt er schon sehr lange. Bei jeder Bewegung weht ein Schwall spitzer Käsegeruch hinüber. Er holt ein Mobiltelefon aus dem Rucksack, oder besser einen Miniaturcomputer, legt den Kopf auf die Armlehne bei der Waggonwand und spricht mit Blick zur Decke. Seine Schneidezähne stehen etwas ab und die Ohren ragen aus einem struppigen Haardickicht. „Ja, wie ein Tier – ein Äffchen“, und gleich danach fällt ihr ihre Tochter Désirée ein, die ebenso alt ist, aber wie eine Dame aussieht. Ob es in Ordnung ist, einen fremden Jungen so anzustarren, fragt sie sich und beruhigt sich selbst: „Aber natürlich, da ist noch nichts los“. Der Junge riecht ihr Parfüm und verzieht sein Gesicht, danach erzählt er einen ordinären Witz und verbringt die nächsten Minuten feixend damit, dessen Hauptfiguren durch Bekannte, Freunde und Lehrer zu ersetzen. Auf einer Zeitschrift, die hinter ihm an einem Haken hängt, ist eine Erdkugel in einer Hand zu sehen und darunter steht: „Die Welt gehört dir.“
Ihre Kopfschmerzen kehren mit voller Stärke zurück. Sie sucht nach ihren Tabletten, aber findet sie nicht sofort. Schließlich schüttelt sie drei aus einem Glasfläschchen und trinkt dazu aus einer Mineralwasserflasche. Sie sieht sich um, ob sie jemand beobachtet, aber da ist nur dieser Junge, der über den Witz lacht. Plötzlich hält er inne und drückt mehrmals die Resettaste des Telefons, danach schüttelt er es und wirft es mit einem Ausruf auf den gegenüberliegenden Sitz: „uraltes Zeug!“
„So eines will Désirée“, denkt sie beim Blick auf das beinahe neue Gerät, „aber sie muss nicht alles … nein, verflixt, ich habe die falschen Tabletten eingefüllt.“ Plötzlich scheint ihr, als falle sie in einen Abgrund und es wird dunkel. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie Wolken, Wasser, Wüsten und Wälder auf einer Kugel in der Hand dieses Jungen, aber es ist nicht die Welt, sondern sein Spielzeug – solange es funktioniert. Es funktioniert nicht und er schließt wütend die Hand. „Nein!“, ruft sie, und erwacht. Sie sieht sich um: Hat sie etwas gesagt? Der Junge beachtet sie nicht. Sein Spielzeug funktioniert wieder und er hört damit Musik. Nachdem die Übelkeit nachgelassen hatte, stellt sie fest, dass sie über das Ziel hinausgefahren ist. Fünf Minuten später steht sie auf einem Bahnsteig und überlegt, ob sie auf einen Gegenzug warten oder ein Taxi rufen soll. Schließlich fühlt sie Schwindel und setzt sich. Die Sonne geht eben als blutroter Ball auf und sie blinzelt hinein.
„Uraltes Zeug“, hört sie die Stimme des Jungen laut neben sich. Sie sieht sich um, aber da ist niemand. Mit ohrenbetäubendem Getöse fährt nun der Zug wieder an. „Ich muss zum Arzt“, murmelt sie, „zum Arzt.“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

Meiner Seel

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Abstract Reflections (2261830671).jpg. Fotograf: Francisco Antunes, CC-BY-2.0. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Farbsättigung reduziert, Helligkeit erhöht)

„Es ist ein Märchen oder so was in der Art, was anderes fällt mir nicht ein und da gehts um einen Wichtel, einen Reisewichtel, weitschichtig verwandt mit Waldwichteln und der heißt Wasweißich. Ja, er heißt wirklich so. Warum? Ja, was weiß ich, aber wenn du meinst, dass das dumm ist, kannst du dir selber ein Märchen erzählen. Bald kommen deine Eltern zurück aus der Oper, du freust dich doch? Nö, ich glaube nicht, dass die Staatsoper in einem Funkloch liegt. Sie wollen einfach einmal nur zu zweit sein, aber bald kommen sie und sind sehr gut gelaunt. Wo war ich … also, dieser Wasweißich ist auf dem Rückweg aus dem Süden und denkt sich eine Geschichte aus, eine Frühlingsgeschichte. Anfang und Mittelteil hat er fertig, nur der Schluss fehlt, oder genauer, der Schlusssatz, aber der will und will ihm nicht einfallen. Als es Abend wird, zeltet er an einer großen Pfütze. Er entfacht ein Feuer und sieht in die Pfütze, in das Feuer, auf die Bäume und in die Luft, ob die Idee für den Schlusssatz nicht dahergeschwebt, -geschwommen, -geklettert oder -gesprungen käme. Allmählich hat er tatsächlich eine Idee. Sie verdichtet sich wie eine Rauchwolke – jetzt, denkt er, ist es soweit. In diesem Augenblick schreckt ihn ein platschendes Geräusch auf – ein eichhörnchenartiges Tierchen ist in die Pfütze gefallen. Jetzt ist die Wolke weg. Er versucht, sich wieder zu konzentrieren. Da kommt die nächste Störung, denn das Tierchen steht am Ufer und fiepst: ‚Du bist der Dingsbums, der Irgendwas, bist du der Wasweißich?‘
Als er nur die Stimme hörte, hätte er schwören mögen, dass es zwar mickerig aussehen, aber wenigstens ein Funkeln in den Augen haben müsse. Als er es ansieht, stimmt zwar das mickerige Aussehen (wie ein struppiges, halb verhungertes Eichhörnchen) aber die Augen erinnern ihn nur an das trübe Pfützenwasser: Er vergisst bei ihrem Anblick seine ganze Geschichte.
‚Ja, und jetzt verpfeif dich.‘
‚Wenn du mir erklärst, wie das geht.‘ Danach rudert es auf einem Holzbrettchen über das Wasser, statt rundherum zu laufen. Das Brett kentert und das Tierchen fällt nochmals in die Pfütze. Danach klettert es ans Ufer und trocknet sein Fell am Feuer: ‚Mein Onkel sagt, wenn du im Frühling wieder da bist, gibt es Geschichten, denn dir fällt alles Mögliche ein und deswegen bin ich auch da.‘ Plötzlich riecht es verbrannt, denn das Tierchen hatte seinen buschigen Schweif ins Feuer gehalten. Es rast mit einem Wehlaut ins Wasser und danach auf einen Baum. Erst nach einer Weile kommt es wieder herunter: ‚Wie geht das jetzt eigentlich, das Sich verpfeifen?‘
‚Also gut: Wer sich verpfeift, haut einfach ab, der trollt sich, macht einen Abgang.‘
‚Ach, wenn das so ist, dann verpfeif ich mich. Aber vorher möchte ich trotzdem noch was fragen: Weißt du, wie ich heiße?‘ und ohne eine Antwort abzuwarten: ‚Ich heiße Herrje.‘
Wasweißich starrt das Tierchen an, das mit gesenktem Kopf dasteht.
‚Umgetauft möchtest du werden?‘
Das Tierchen sieht ihn an und nickt. Wasweißich denkt angestrengt nach, aber bei diesem Anblick fühlt er sich vollkommen hohl im Kopf. Es fällt ihm nur ein Ausspruch seiner Großmutter ein: ‚meiner Seel!‘
‚Meiner Seel?, ich heiße Meiner Seel? O Dankeschön!‘ Es rudert zurück und fiepst den Namen immer wieder, auch als es davonhüpft. Später fällt Wasweißich seine Geschichte wieder ein, aber nun findet er sie vollkommen unsinnig. Es beginnt zu regnen und er beschließt hierzubleiben. Als das Tierchen am nächsten Morgen wiederkommt, trägt es eine lange Stange bei sich: ‚Lass dich nicht stören, aber ich bin seit gestern Abend so viel klüger und tüchtiger geworden. Pass auf!‘ Es nimmt Anlauf und springt mit der Stange über die Pfütze. ‚Toll, nicht?‘
‚Nicht klüger als gestern‘, überlegt er, ‚aber woher kommt dann dieses Funkeln? Ist es, weil die Sonne durchgebrochen ist?‘ Er sieht es an, aber vergisst nichts mehr, nein, es fallen ihm sogar neue Sachen ein.
‚Ja, das ist sehr toll!‘

So, das wärs … du hast gar nicht mehr gesagt, dass alles dumm ist, hat es dir am Ende gefallen? Ach, du schläfst, deshalb also. Jetzt nicht mehr, aber geträumt hast du? Hm, so ist das … hör mal, nur weil jemand herrje sagt, wenn er dich anguckt, brauchst du ihn nicht gleich verhauen, da gibt es bessere Lösungen, aber freu dich: Deine Eltern kommen nach Hause und sind blendend gelaunt.“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT