Meiner Seel

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Abstract Reflections (2261830671).jpg. Fotograf: Francisco Antunes, CC-BY-2.0. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Farbsättigung reduziert, Helligkeit erhöht)

„Es ist ein Märchen oder so was in der Art, was anderes fällt mir nicht ein und da gehts um einen Wichtel, einen Reisewichtel, weitschichtig verwandt mit Waldwichteln und der heißt Wasweißich. Ja, er heißt wirklich so. Warum? Ja, was weiß ich, aber wenn du meinst, dass das dumm ist, kannst du dir selber ein Märchen erzählen. Bald kommen deine Eltern zurück aus der Oper, du freust dich doch? Nö, ich glaube nicht, dass die Staatsoper in einem Funkloch liegt. Sie wollen einfach einmal nur zu zweit sein, aber bald kommen sie und sind sehr gut gelaunt. Wo war ich … also, dieser Wasweißich ist auf dem Rückweg aus dem Süden und denkt sich eine Geschichte aus, eine Frühlingsgeschichte. Anfang und Mittelteil hat er fertig, nur der Schluss fehlt, oder genauer, der Schlusssatz, aber der will und will ihm nicht einfallen. Als es Abend wird, zeltet er an einer großen Pfütze. Er entfacht ein Feuer und sieht in die Pfütze, in das Feuer, auf die Bäume und in die Luft, ob die Idee für den Schlusssatz nicht dahergeschwebt, -geschwommen, -geklettert oder -gesprungen käme. Allmählich hat er tatsächlich eine Idee. Sie verdichtet sich wie eine Rauchwolke – jetzt, denkt er, ist es soweit. In diesem Augenblick schreckt ihn ein platschendes Geräusch auf – ein eichhörnchenartiges Tierchen ist in die Pfütze gefallen. Jetzt ist die Wolke weg. Er versucht, sich wieder zu konzentrieren. Da kommt die nächste Störung, denn das Tierchen steht am Ufer und fiepst: ‚Du bist der Dingsbums, der Irgendwas, bist du der Wasweißich?‘
Als er nur die Stimme hörte, hätte er schwören mögen, dass es zwar mickerig aussehen, aber wenigstens ein Funkeln in den Augen haben müsse. Als er es ansieht, stimmt zwar das mickerige Aussehen (wie ein struppiges, halb verhungertes Eichhörnchen) aber die Augen erinnern ihn nur an das trübe Pfützenwasser: Er vergisst bei ihrem Anblick seine ganze Geschichte.
‚Ja, und jetzt verpfeif dich.‘
‚Wenn du mir erklärst, wie das geht.‘ Danach rudert es auf einem Holzbrettchen über das Wasser, statt rundherum zu laufen. Das Brett kentert und das Tierchen fällt nochmals in die Pfütze. Danach klettert es ans Ufer und trocknet sein Fell am Feuer: ‚Mein Onkel sagt, wenn du im Frühling wieder da bist, gibt es Geschichten, denn dir fällt alles Mögliche ein und deswegen bin ich auch da.‘ Plötzlich riecht es verbrannt, denn das Tierchen hatte seinen buschigen Schweif ins Feuer gehalten. Es rast mit einem Wehlaut ins Wasser und danach auf einen Baum. Erst nach einer Weile kommt es wieder herunter: ‚Wie geht das jetzt eigentlich, das Sich verpfeifen?‘
‚Also gut: Wer sich verpfeift, haut einfach ab, der trollt sich, macht einen Abgang.‘
‚Ach, wenn das so ist, dann verpfeif ich mich. Aber vorher möchte ich trotzdem noch was fragen: Weißt du, wie ich heiße?‘ und ohne eine Antwort abzuwarten: ‚Ich heiße Herrje.‘
Wasweißich starrt das Tierchen an, das mit gesenktem Kopf dasteht.
‚Umgetauft möchtest du werden?‘
Das Tierchen sieht ihn an und nickt. Wasweißich denkt angestrengt nach, aber bei diesem Anblick fühlt er sich vollkommen hohl im Kopf. Es fällt ihm nur ein Ausspruch seiner Großmutter ein: ‚meiner Seel!‘
‚Meiner Seel?, ich heiße Meiner Seel? O Dankeschön!‘ Es rudert zurück und fiepst den Namen immer wieder, auch als es davonhüpft. Später fällt Wasweißich seine Geschichte wieder ein, aber nun findet er sie vollkommen unsinnig. Es beginnt zu regnen und er beschließt hierzubleiben. Als das Tierchen am nächsten Morgen wiederkommt, trägt es eine lange Stange bei sich: ‚Lass dich nicht stören, aber ich bin seit gestern Abend so viel klüger und tüchtiger geworden. Pass auf!‘ Es nimmt Anlauf und springt mit der Stange über die Pfütze. ‚Toll, nicht?‘
‚Nicht klüger als gestern‘, überlegt er, ‚aber woher kommt dann dieses Funkeln? Ist es, weil die Sonne durchgebrochen ist?‘ Er sieht es an, aber vergisst nichts mehr, nein, es fallen ihm sogar neue Sachen ein.
‚Ja, das ist sehr toll!‘

So, das wärs … du hast gar nicht mehr gesagt, dass alles dumm ist, hat es dir am Ende gefallen? Ach, du schläfst, deshalb also. Jetzt nicht mehr, aber geträumt hast du? Hm, so ist das … hör mal, nur weil jemand herrje sagt, wenn er dich anguckt, brauchst du ihn nicht gleich verhauen, da gibt es bessere Lösungen, aber freu dich: Deine Eltern kommen nach Hause und sind blendend gelaunt.“

Autor: Christoph Waghubinger
Textlizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

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