In dreißig Stunden

Geysir auf dem Namedyer Werth in Andernach
Andernach – Namedyer Werth – Geysir 33 ies.jpg aus Wikimedia Commons. Fotograf: Frank Vincentz, CC-BY-SA-3.0

Dora steht an meinem Bett im Krankenzimmer und mustert mich: „Du musst furchtbar geträumt haben.“
Mein Puls rast wie verrückt und ich bin schweißgebadet und völlig außer Atem. Ich brauche eine Minute, um antworten zu können, aber dann sage ich: „Nein, nein, ganz im Gegenteil. Es war herrlich, ganz wunderbar.“ Es war eine unpassende Antwort und ich betrachte den leicht angewiderten Gesichtsausdruck meiner Freundin. Er steht ihr. Auch sie ist etwas außer Atem und ich frage mich warum. Ich habe die Wahrheit gesagt, denn der Traum selbst war schön, furchtbar war das Aufwachen. Sie sieht den gerahmten Spruch auf meinem Nachtkästchen, den ich längst hätte wegräumen sollen: „Von Monat zu Monat kaputter“.
„Ich bringe dir auf der Stelle einen schönen, weisen Spruch.“
„Womöglich ‚Carpe diem‘ mit Röslein drumherum? Ach, lass mich mit Weisheiten in Ruhe.“ Ich falle in das Kopfkissen zurück und schließe die Augen. Nach einer halben Minute höre ich ihre Stimme:
„Ich verzeihe es dir.“
Ich wechsle das Thema: „Etwas Gutes hat die Weihnachtszeit hier: Fast alle fahren heim und ich habe ein Zimmer für mich allein.“
„Ein Sterbezimmer …“, murmelt sie, gerade so laut, dass ich es höre.
„Es ist nicht das erste Mal, das ich so kaputt bin.“
Wieder Stille. Sie fingert an ihrer Tasche herum. Ich weiß: Sie wartet auf einen Anruf. Ihr neuer Freund wird anrufen, um sie loszueisen, wie ich es selbst früher getan habe. Sie ist wohl außer Atem, weil sie nicht den Lift genommen, sondern der Fitness wegen die sechs Stockwerke hochgelaufen ist.
Sie fragt: „Also nicht das erste Mal?“, und ich höre nicht heraus ob aus Interesse, Langeweile oder Pflichtgefühl. Aber damit werde ich dieses Schweigen los.

„Ja. Ich war nicht älter als fünfzehn. Es war beinahe wie jetzt: Keiner wusste, was ich hatte. Der Doktor untersuchte mich, fand nichts, schickte mich zu Fachärzten, die auch nichts fanden und sagte am Ende Sachen wie ‚Das ist dein Naturell!‘, dann ‚Du bist doch so jung!‘ und schließlich ‚Du musst gesund sein wollen!‘ Ich wollte ja, fühlte mich aber trotzdem fix und fertig. Der kalte Schweiß brach mir aus, mein Puls raste und ich konnte nur ein paar Hundert Meter gehen und musste mich dann ausruhen. Noch dazu war Winter. Ich nahm mir etwas vor: eine Wallfahrt. Weißt du, wenn nichts mehr hilft, dann macht man so was, manche saufen belebtes Weihwasser und ich hatte eben einen Waldberg im Blick, den ich von meinem Zimmer aus sehen konnte. Ich sagte mir, dass bei einem Felsen dort oben das Grab eines Riesen sei und dass ich dorthin pilgern müsse und dann würde ich gesund. Ja, ich war völlig fertig.

Ende März war der richtige Zeitpunkt gekommen, denn der Schnee schmolz und ich fühlte mich etwas besser. Ich verriet nicht mein Vorhaben, sondern sagte, dass ich lange spazieren gehen würde. Nachdem ich querfeldein am Fuß des Berges angekommen war, fand ich keinen der alten Wege wieder und geriet in das dunkelste Fichtendickicht. Nun kam plötzlich wieder alles zurück: meine Atemlosigkeit, mein rasender Puls und der kalte Schweiß. Ich dachte, ich käme niemals hinauf und vor allem nie wieder zurück, aber bald lichtete sich der Wald und überall standen nun statt Fichten Föhren. Ich hatte von unten nie bemerkt, dass da völlig andere Bäume wuchsen. Es war plötzlich heiß und trocken, wie im Sommer und es roch verbrannt. Und dann sah ich bei einem Felsen das Grab. Ich war sehr zufrieden – ich wusste es doch. Ich wunderte mich allerdings, dass es nicht würdiger war. Er sah aus wie ein ganz gewöhnliches Grab, sogar mit einer Blumenvase auf der Einfassung. Nur viel größer und noch etwas war anderes: Die Inschrift am Stein war zackiges Gekrakel. Völlig unverständlich. Aber egal, ich war sowieso geschafft, also wollte ich mich einfach hinlegen, am Besten aufs Grab. Da ich knapp vorm Verdursten war, trank ich sogar das Blumenwasser: Es schmeckte nicht einmal übel. Dann konnte ich das Gekrakel lesen: ‚Hol Wasser.‘ Darüber wunderte ich mich nicht einmal, bloß darüber, woher ich in dieser heißen, trockenen Gegend Wasser herbekommen sollte. Aber ich nahm die Vase und ging einfach los. Ich war noch nicht weit gekommen, als sich der Boden unter mir hob und dann schoss eine Quelle heraus, ach was sag ich: eine Fontäne. Ich konnte gerade noch zur Seite springen. ‚Das ist nicht normal‘, dachte ich, ‚da hab ich was kaputtgemacht, den Wald kaputtgemacht‘.“

Das bloße Erzählen strengt mich ebenso an, wie mein damaliger Ausflug. Ich brauche eine Pause. Bald habe ich mich wieder erholt: „Jetzt hältst du mich für komplett bescheuert, nicht?“
„Wo denkst du hin“, sagt Dora und nickt. „Und dann?“
„Dann wachte ich auf und von einem heißen, lichten Föhrenwald, einem Grab und einer Fontäne natürlich keine Spur, stattdessen wieder das dunkle Fichtendickicht. Mein Herz ratterte wie ein Maschinengewehr, der kalte Schweiß brach mir aus und ich dachte mein letzter Augenblick wäre gekommen. Irgendwie kam ich trotzdem heil bis nach Hause. Aber was soll ich sagen? Ich schlief dreißig Stunden durch und danach war ich gesund.“
„Das war sicher wunderschön für dich“, sagt sie und wendet sich zur Tür.
„Es kommt noch was.“
„Ein dringender Anruf. Ich habe jetzt keine Zeit mehr, aber ich kann’s kaum erwarten, mir deinen Schluss beim nächsten Mal anzuhören. Frohe Weihnachten. Ciao!“
Die Tür fällt zu und danach höre ich sie die Treppe hinunterstöckeln und dabei telefonieren. Dann herrscht Stille. Ich habe vorhin alles nochmals geträumt – nach fast zehn Jahren: die Hitze, den Föhrenwald, das Grab, die Fontäne. Ja, ich habe schon wieder den Wald kaputtgemacht. Ich streife den gerahmten Spruch vom Nachtkästchen, er fällt auf den Boden und das Glas zerbricht. In dreißig Stunden ist alles vorbei.

Text: Christoph Waghubinger
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT


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