Jägermeister

Rennender Pudel
Kare (14080248151).jpg. Fotograf: Pal-Kristian Hamre, CC-BY-SA-2.0. Bearbeitung: Christoph Waghubinger (Retuschen im unscharfen Vordergrund)

An meinem dreizehnten Geburtstag stürmte ich in die Küche und rief: „Das deckt, das wehrt und das liegt unter, ober, hinter und vor dir!“ Mutter schlug die Hände vors Gesicht: „So jung und schon verdorben!“
„Nein, aber besoffen“, knurrte Vater, „Hauch mich an.“ Danach setzte er sich und murmelte: „Nüchtern.“
Dabei hatte mir mein Patenonkel Kilian mit diesem Spruch die Karten gelegt, aber niemand hörte zu, auch nicht der Pfarrer – also erst fünf Vaterunser und dann drei Ave-Maria. Von der Orgelmusik bekam ich Kopfschmerzen und der süßlich-schimmelige Mief vermischte sich mit dem Weihrauch – bloß nicht umfallen. Ich trank einen geklauten Jägermeister und beschloss die Buße ausfallen zu lassen, denn schließlich war alles ein Missverständnis. Zu Beginn der Sommerferien hatte mein Patenonkel geschrieben und der Brief steckte eine Woche hinter dem Spiegel. Als ihn Vater dann abends öffnete, sagte er: „Der Irre lädt uns alle ein.“ Vater kippte einen Schnaps und Mutter schluckte Aspirin, aber war mir vor Mathetests nicht auch immer schlecht und was half da? „Jetzt trinkt einen Pfefferminztee und dann ab ins Bett.“
„Und du stehst nur da“, rief Mutter, „knall ihm eine.“
„Ich weiß was Besseres: den schicken wir zum Kilian.“
So stapfte ich am nächsten Morgen mit einer riesigen Umhängetasche zur Bushaltestelle. Das Straßenbett war erst ausgespült und dann zugewachsen, so sank ich mit jedem Schritt etwas ein. Lastwagen pfiffen vorbei, ihr Fahrtwind riss mir die Kappe runter, und als ich sie wieder aufhob, war ein Reifenmuster drauf. Ich wartete: fünf Minuten, zehn, es regnete. „Ich gehe wieder heim.“ In diesem Augenblick wackelte ein rostiger Bus daher. Auf Mutters Merkzettel verschwamm durch den Regen die Tinte, so sagte ich auswendig, wohin ich wollte. Danach bugsierte ich meine Tasche durch den engen Gang – warum sahen mich alle so seltsam an? Fünfzehn Kilometer weiter war es noch trocken, aber es donnerte schon bedrohlich. Auf der Bank im Wartehäuschen pappten drei halb abgerissene Aufkleber: „Weil nur daheim zu Hause ist: Heimatpartei.“ „Ich fahre sofort heim“, beschloss ich. Bald darauf knatterte ein Moped aus einer Nebenstraße: Es war Randolf, Kilians vierzehnjähriger Sohn. Ich ärgerte mich: „In fünf Minuten wäre ich wieder weg gewesen.“
„Nö, der Bus kommt immer eine Viertelstunde später. Eine coole Kappe hast du ja, aber sag, was ist in dem Riesensack?“ Er riss den Reißverschluss auf: „Für jeden Tag neue Sachen? Bist du verrückt?“ Nach einer Fehlzündung heulte der Motor auf, Staub und Abgase vermengten sich zu einer weißlich blauen Wolke und bald strömte Regen herunter. Als wir über eine Brücke aus Baumstämmen holperten, flog der Inhalt meiner Tasche in eine Schlucht, und ein knurrendes schwarzes Knäuel stürmte heran: „Das ist unser Fisto.“ Der Pudel hetzte neben dem Moped her und verbiss sich solange in mein Hosenbein, bis Onkel Kilian mich auspendelte und sagte, dass ich ausspannen müsse. Fisto verzog sich danach mit dem herausgebissenen Stück unter die Küchenbank und Tante Heidegret gab mir Randolfs alte Klamotten. Die Tage danach waren herrlich: Randolf und ich schossen mit Luftdruckgewehren auf Krähen und Tauben, die Fisto apportierte, und klauten Jägermeister und Kondome. Die Kondome waren für Randolf, „wegen der Weiber“, wie er sagte und es solle in Rotenöd im Nachbartal einen abgefahrenen Puff geben. Tante Heidegret ohrfeigte ihn eines Abends links und rechts: „Das ist für den Jägermeister und das für dieses verdorbene Zeug!“ Ich rätselte: „Wieso sollen diese lustigen Dinger verdorben sein? Die sehen doch noch ganz in Ordnung aus und was ist überhaupt ein abgefahrener Puff?“ Aber es gab Wichtigeres, denn so schön die Tage auch waren, so furchtbar waren die Nächte: Rote Fliegende Untertassen und strahlend rote Adler schwebten über den Waldbergen und im Haus geisterten schwarze Schatten. Es erscholl Geheule, unterbrochen von Schreien und es stank fürchterlich. Ich dachte an Außerirdische und Werwölfe und traute mich nicht mehr einschlafen. Bald sah ich wie ein Zombie aus und dann roch Tante Heidegret den Jägermeister, sagte, alles käme davon und verbot mir auch noch das Fernsehen.

Einmal als die Munition ausging, brach Randolf eine Packung Silvesterkracher an: „Papa pendelt jetzt das ganze Tal aus. Er sucht nach …“
„Werwölfen? Außerirdischen?“
Randolf sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren: „Nein, Kraftplätzen“, dann zündete er die Lunte und warf den Kracher weg. Nach dem Knall jaulte Fisto und Randolf rief: „Verdammt, das wollte ich nicht!“
Auch mit Randolf konnte ich also nicht darüber sprechen. Die Adler und Ufos kamen jede Nacht näher, und als zum Gestank, Geschrei und Gejaule auch noch Geknurre und Flüche dazukamen, wurde es mir zu viel. Ich überlegte: „Vielleicht hilft Musik? Irgendwas Klassisches, Beruhigendes?“ Ich verwechselte jedoch die Tasten am Rekorder und Heavy Metal ging los. Jetzt war mir alles egal. Ich stürmte zur Tür hinaus, stolperte über Fisto und rannte Randolf um. Der Pudel jaulte auf und verkroch sich knurrend hinter einem Ficus. Ich stand fassungslos da: „Ihr zwei Irren seid das?“ Randolf haute mir links und rechts eine runter und begutachtete dann seine zerrissene Pyjamahose: „Bald brauch ich eine Urschreitherapie, wie meine Alten.“ In diesem Augenblick ertönten wieder zwei Schreie. Bis auf den Gestank war die Werwolfangelegenheit nun geklärt, es blieben also die Adler und Ufos. Künftig klaute ich nicht nur Jägermeister und Kondome, sondern auch Leckerlis für Fisto und jaulte mit ihm nachts um die Wette, denn vor völlig Verrückten, sagte ich mir, haben sicher auch Adler und Außerirdische Respekt. Fisto brachte mir bald die geschossenen Krähen und Tauben, die er bis dahin vergraben hatte.

Eine Woche danach fuhr uns Onkel Kilian mit seinem Käfer nach Rotenöd ins Kino und bald darauf gerieten wir in dichte Rauchschwaden. Es stank wie nachts und dann erschienen rechts schwelende schwarze Haufen: „Kohlenmeiler!“, erklärte der Onkel, „das ist Geschichte.“ Randolf verdrehte die Augen und tippte sich an die Stirn, aber immerhin, dachte ich, kommt auch der Gestank nicht aus der Hölle. Als wir in Rotenöd einfuhren, zeigte Randolf nach links: „Da ist der abgefahrene Puff.“ Erwartet hätte ich einen babylonischen Turm, aber dieser Flachbau mit dem Schild „Ganymed“ sah wie eine Lagerhalle aus. Im Kino gab es einen Kinderfilm, aber im Foyer klebten Plakate der Abendvorstellung: „Aliens. Sie holen dich. Jetzt!“ Es war nicht beruhigend, daran erinnert zu werden. Als wir zurückfuhren, war es schon dunkel und beim Ganymed warfen Laserstrahler rote Adler und rote Ufo-Scheiben an den Himmel. Jetzt war auch das geklärt und ich flippte aus vor Freude: „Der Puff, hurra! Es ist der abgefahrene Puff!“ Onkel Kilian knallte vor Schreck in den Vorderwagen.

An meinem Geburtstag, sechs Wochen später, fühlte ich mich schon dreimal besser und Tante Heidegret sagte, ich könne Randolfs alte Klamotten behalten. Onkel Kilian legte mir die Karten, prophezeite ich würde sicherlich noch irgendetwas Ordentliches und Fisto legte mir eine tote Krähe zu Füßen. Danach fuhr mich Randolf zur Bushaltestelle und tauschte ein paar Jägermeister gegen meine Kappe mit dem Reifenmuster. Daheim verkündete ich Onkel Kilians Prophezeiung, aber nur deshalb saß ich in der Kirche und konnte meinen Geburtstag vergessen. Am Kirchplatz zündete Vater eine Zigarette an: „Na, hast du fleißig bereut?“ So etwas konnte es doch nicht geben, fand ich, nein, das ist unmöglich. Also erklärte ich alles und sagte noch einmal Onkel Kilians Spruch auf. Dann fiel mir ein, dass ich Vorrat übrig hatte: „Wollt ihr keinen Jägermeister?“
Vater fiel die Zigarette aus dem Mund und Mutter ohrfeigte mich.

Autor: Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-AT

 

 

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